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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 17:38 Uhr

Der Lebensmut ist wieder da

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach dem Suizidversuch muss er sich Schritt für Schritt ins Leben kämpfen

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2015 | 00:32 Uhr

Als er in der Klinik erwacht, ist er komplett verkabelt und einseitig gelähmt. „Da hab’ ich wohl was falsch gemacht“, schildert Tim* seine ersten Gedanken von damals. Heute sagt er klar: „Damit habe ich mindestens drei Jahre meines Lebens vergeudet.“ Er war Geschäftsmann, muss sich aber nun mit knapp 40 Jahren noch einmal von der Stufe eines Grundschulkindes zu der eines Erwachsenen hocharbeiten.

Eine Narbe am Hals erinnert noch an den Unfall, wie Tim es nennt. Andere würden Suizidversuch sagen. Was passiert ist, weiß er nicht – oder er will sich nicht erinnern. „Wenn ich daran denke, kommen die Bilder und mit den Bildern die schlechten Gefühle, die ich damals hatte. Das will ich nicht.“

Mit seiner Frau hat er nie über das quälende Warum gesprochen. „Ich habe früher alles in mich hineingefressen, nicht über meine Probleme und Gedanken geredet, die mich beschäftigt haben. Das mache ich heute anders“, sagt Tim.

Haus, Geschäft, Renovierung, Geldsorgen – irgendwann habe er vor einer großen schwarzen Wand gestanden, durch die er nicht mehr hindurch gucken konnte. „Ich habe einfach keinen Ausweg mehr gesehen. Da sind die Sicherungen durchgebrannt“, sagt Tim.

Mehr als 90 Prozent aller Selbsttötungen sind unmittelbare Folge psychischer Erkrankungen wie einer Depression, lautet ein Ergebnis des ersten Welt-Suizid-Reports der Weltgesundheitsorganisation von 2014. Als weitere individuelle Gründe werden Job- und Finanzprobleme genannt. Deutschlandweit entscheiden sich im Schnitt dreimal mehr Männer als Frauen dafür, ihr Leben zu beenden, was bemerkenswert ist, denn bei Frauen werden dreimal häufiger Depressionen diagnostiziert und behandelt.

Das Bewusstsein für Depressionen ist nach dem medial bekannt gewordenen Suizid von Torwart Robert Enke 2009 noch größer geworden, heißt es in einschlägigen Studien. Die häufigsten Mittel der Wahl sind Vergiftungen durch Tabletten, Alkohol oder Gase. Erst danach kommen die Dinge, die eine größere Gewaltbereitschaft gegen sich selbst voraussetzen, so die Experten.

Tim hat es an diesem Tag auf mehrere Arten probiert. „Als ich gemerkt habe, das klappt nicht so, wie ich
mir das vorstellte, ist es aus dem Ruder gelaufen. Ich hatte Scheuklappen auf. Hab weder links noch rechts geschaut.“ Er sagt heute, dass er eigentlich Glück gehabt hat.

Sein Gehirn war zwar lange unterversorgt aber wohl nicht irreparabel. „Die linke Hälfte war komplett eingefallen. Aber auf aktuellen CT-Bildern sieht man, wie sich die Verbindungen neu knüpfen, wie Sprache neu entsteht.“ Seine Ausgangssituation nach dem Erwachen in der Klinik beschreibt er so: „Stell dir vor, du willst telefonieren und weißt, was du sagen willst, kannst aber nicht sprechen.“

Sein Gehirn schaffte es nicht, die Meldung an den Mund weiterzugeben. Tim ist froh, dass er kein Pflegefall geworden ist, sich aus dem Bett in den Rollstuhl und wieder auf die eigenen Beine gearbeitet hat. Seine Latte für die eigenen Ziele legt er immer höher, um Stück für Stück an sich zu arbeiten. „Es sind von den Ärzten keine Grenzen gesetzt. Die hätten schon gar nicht gedacht, dass ich es so weit schaffe“, sagt Tim ein bisschen stolz. Ob es aber jemals wieder so wird wie früher, weiß er auch nicht. „Das habe ich selbst verschuldet. Und dass meine Frau mich nun durch zwei Personen ersetzen muss und ich ihr zusätzlich zur Last falle, weil ich kein Auto fahren kann, auch das ist meine Schuld. Aber damit muss ich leben. Im Gegensatz zu früher spreche ich heute über das, was mir auf dem Herzen liegt.“

Mit seinem Psychologen lernt er neue Verhaltensweisen, mit Problemen umzugehen. „Mein Lebensmut ist wieder da. Ich mache das Beste aus meinen Möglichkeiten.“ Sein Ziel: „Ich will mich zurückarbeiten ins Leben, damit Sophie endlich nicht mehr die ganze Last tragen muss und damit wir, und das ist ein sehr großer Wunsch, endlich wieder einmal unserem gemeinsamen Hobby nachgehen können.“

Was passiert sei, könne er nicht ändern. Heute sei sein Leben anders. Eine undurchsichtige Wand gebe es nicht mehr, nur Menschen, die tuscheln und nicht damit umgehen können – „nicht mit mir und nicht mit Sophie, die so zu mir steht“. Viele der früheren Bekannten kommen nicht mehr. Nur wenige Menschen, die von seinem Suizidversuch wissen, sagen Dinge wie „ich bewundere dich, dass du noch in der Öffentlichkeit stehst“.

Tim hat sich für das Leben entschieden – „und das Gefühl ist stark“.

* Trotz der Bereitschaft und Offenheit unserer Gesprächspartner haben wir uns als Redaktion zum Schutze von Familie und Angehörigen gegen die echte Namensnennung entschieden.

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