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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 10:10 Uhr

Der Krug machte Neudorf zum „Bierdorf“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der „Neudorfer Hof“ hat eine lange Geschichte. 52 Iahre davon hat sie der Gastwirt Karl-Heinz Otto mitgeschrieben, der diese Woche im 82. Lebensjahr starb. Auch wenn es Pläne gibt, dass die Gaststätte weitergeführt werden soll, lohnt sich ein Blick auf die Vergangenheit. Regine Jepp, Vorsitzende der Bürgergemeinschaft Eutin, hat den Neudorfer Hof im Wandel der Zeiten dokumentiert. Hier ein Auszug aus ihrem Bericht:

Der Volksmund sagt, „wenn Gott eine Kirche baut, so setzt der Teufel eine Kneipe daneben.“ Hier in Neudorf hat sich das Schicksal aber mehrere hundert Jahre mit der Kirche Zeit gelassen.

Sicher ist, dass es sich bei dem heutigen Neudorfer Hof um eine der ältesten Gaststätten auf Eutiner Gebiet handelt. Die ersten konkreten Informationen stammen aus dem beginnenden 19. Jahrhundert – aus dem 1802 gegründeten Anzeiger für das Fürstentum Lübeck. Die ersten Annoncen zeigen, dass hier regelmäßig die Neudorfer Pferdegilde getagt hat. Wir können in der Zeit von 1823 bis 1848 mindestens 20 Treffen der Pferdegilde nachweisen.

Aufgrund der Tatsache, dass im 19. Jahrhundert mindestens 80 Prozent der Bevölkerung in äußerst beengten Verhältnissen gelebt haben, ist es nur zu verständlich, dass außerhalb des Sommers die Treffen der Bürger in Schenken und Lokalen stattfinden müssen. Anders ist es nicht zu erklären, das im Eutin des frühen 19. Jahrhunderts etwa 2000 Bürger nahezu 40 Wirtschaften „ernähren“.

Bei den revolutionären Unruhen des Jahres 1848 finden die Treffen der aufgebrachten Bürger, die eine Landesverfassung fordern, auch im Neudorfer Krug statt. Am 21. März 1848 strömen etwa 400 Menschen in den Saal, um sich der Forderung nach der Einberufung einer Deutschen Nationalversammlung anzuschließen.

Doch hier wird nicht nur große Politik gemacht: Der Anzeiger berichtet von vielen charmanten einzelnen Begebenheiten. Am 9. Juni 1804 meldet die Zeitung, dass ein Pfeifenkopf aus Meerschaum an der Kegelbahn bei Krüger Schröder verloren gegangen ist. Schon wenige Jahre später stirbt der Seniorchef, der älteste Sohn übernimmt den Betrieb.

Neben regelmäßigen Bällen und Tagungen der Pferde- und der Brandgilde finden auch Veranstaltungen zum Scheibenschießen statt.
In den Jahren 1824 und 1825 richtet Gastwirt Schröder den großen Ball zum Fürs-tengeburtstag aus.

In den 1820er Jahren erfahren wir aus dem Anzeiger öfter von so genanntem „Erntebier“, ein Begriff, der in den Heimatblättern des Jahres 1927 ausführlich erläutert ist. Dieses Getränk geht auf den großbäuerlichen Brauch zurück, mit allen Beteiligten den glücklichen Abschluss der Ernte zu feiern.

Im Anzeiger vom 29. Oktober 1831 erfahren wir vom Tod der Chefs, der nur 41 Jahre alt wird, mit der Familie trauert auch die Pflegetochter mit ihrem Ehemann, dem späteren Gastwirt, Böhmcker.

Bei Gastwirt Böhmcker tagen nun auch die Eutiner Brandkasse, die Liedertafel und der landwirtschaftliche Verein. Dieser lässt am 19. Januar des Jahres 1867 die Frage diskutieren: „Weshalb findet man in unserer Gegend so viele dumme Pferde und wie ist dem abzuhelfen?“

1846 gibt Caroline Müller hier Tanzunterricht, es wird auch der neue Modetanz, die Polka, die sich aus dem „Hops“ entwickelt hat, versucht. Ebenfalls im Jahre 1846 baut Böhmcker den großen Saal an, in dem dann wenige Jahre später die vielen politischen Versammlungen stattfinden. Der Neudorfer Krug ist nicht nur das Kommunikationszentrum, sondern auch das kulturelle Herz des Ortes. Parallel hat der rührige Gastwirt Böhmcker auch den Brauereibetrieb lukrativ ausgebaut.

Regelmäßig wird für Neudorfer Bier geworben. Anscheinend ist hier das Wasser besser als in der Stadt. Dort wird es überwiegend dem Stadtgraben entnommen. Zu dieser Zeit scheint sich der Begriff „Neudorf, das Bierdorf“ gefestigt zu haben. Ein Ruf den sich die Eutiner Jugendlichen schnell zu Nutze gemacht haben.

Heute jagt der Begriff „Koma-Saufen“ Eltern wie Lehrern Schauer über den Rücken, doch das Phänomen, dass sich Jugendliche gern an den Süchten der Erwachsenen orientieren, ist grundsätzlich nicht neu. Bereits vor über 200 Jahren haben studentische Verbindungen die Trinkgewohnheiten der mittelalterlichen Zünfte übernommen. Auch in Eutin hat es Unsitten dieser Art gegeben. Nicht nur die Studenten des „Technikums“, sondern auch die Schüler des Gymnasiums, zu dieser Zeit ausschließlich männlich und meist aus gut betuchtem Elternhaus, gründen zum Ende des 19. Jahrhunderts eigene Verbindungen.

Von Eltern und Lehrern kritisch gesehen, versuchen ihre Mitglieder die Identität hinter so genannten Biernamen wie Faß, Schlauch, Spund oder Suff zu verschleiern, um damit der einen oder anderen Strafe zu entgehen. Auch die Namen der Verbindungen selbst sind eng an die der Studentenverbindungen angelehnt. In Eutin lassen sich „Teutonia“, „Fraternitas“ „Concordia“ und „Cimbria“ nachweisen

Die noch vorhandenen Chroniken berichten von einer Aneinanderreihung von Feierlichkeiten und von einem strengen internen Reglement. Die jüngeren Mitglieder der Gemeinschaft haben den Älteren zu dienen. In den Statuten ist festgelegt, dass geringe Verstöße, wie Zuspätkommen, mit empfindlichen Geldstrafen geahndet werden.

Grundsätzlich versucht die Schule mit mäßigem Erfolg, die Exzesse innerhalb Eutins zu unterbinden. Zeitweise dürfen die Schüler nur außerhalb der Stadt Alkohol zu sich nehmen, wohl in der Hoffnung, dass sie auf dem Rückweg wieder nüchtern werden würden. Zu dieser Zeit erfreuen sich der „Sandfeldkrug“ und der „Neudorfer Krug“ großer Beliebtheit.

Gelegentlich wird im Neudorfer Krug im Winter auch das Neue Testament zur Hand genommen, dann nämlich, wenn der damalige Propst und spätere Bischof Wilhelm Kieckbusch hier Bibelstunde hält. Für die Dauer der Andacht ist der Tresen mit einem Bettlaken abgedeckt. Um seinen Schäfchen die Bibelstunde zu versüßen, spendiert der Propst den Frauen vorweg ein Stück Schokolade und den Männern einen „Drüppen för de Gripp“ - einen Rumgrog.

Das wesentliche Ereignis der Neuzeit erfolgte am 6. Oktober 1969: Der Neudorfer Hof wird in wesentlichen Teilen ein Raub der Flammen. Das Dach des Anbaus wird nicht wieder aufgebaut werden.

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erstellt am 09.Sep.2015 | 17:50 Uhr

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