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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2017 | 20:53 Uhr

Der Krieg frisst schöne Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Seit zehn Jahren trifft sich Ehrenamtlerin Gudrun Kruse kurz vor Weihnachten mit Pflegeheim-Bewohnern zum Austausch von Erinnerungen

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2016 | 00:59 Uhr

Den meisten ist der Bombenhagel noch präsenter als die Erinnerung an ihr schönstes Weihnachten in Kindertagen. Es sind bewegende Geschichten, die die fünf Bewohner des DRK-Pflegeheims in der Waldstraße beim Frühstück mit der Ehrenamtlerin Gudrun Kruse erzählen. Sie trifft sich seit nunmehr zehn Jahren mit immer neuen Bewohnern kurz vor Heiligabend, um die Erinnerungen an früher wach zu halten, in gemütlicher Runde zum Gespräch.

Zwei Männer und drei Frauen zwischen zwischen 78 und 96 Jahren sitzen gestern Morgen um einen Adventskranz zusammen. Die einen hören lieber erst einmal zu, bevor sie selbst „auftauen“ und mit ihrer Geschichte beginnen. Die anderen sagen „ich habe leider schon zu viel vergessen“ und sind einfach nur gern Teil der Gruppe. Beides ist für alle in Ordnung.

Willi Stahl (78) ist kein Mann vieler Worte und doch sind die wenigen, die er gebraucht, ausdrucksvoll genug: Seine Mutter starb, da war er gerade einmal sieben Jahre alt. Er wuchs, nachdem er aus Pommern nach Groß Meinsdorf und Eutin gekommen war, bei einer Schwester der Stiefmutter auf. Und Weihnachten? „Was ist Weihnachten schon, wenn die Mutter tot ist und der Vater im Krieg?“, fragt er zurück. Weihnachten habe für den Junggesellen auch später nie an Bedeutung gewonnen.

Ganz anders ist und war es für Anita Küttner (96). Sie ist zweifache Mutter, ihre Familie ist zwar in Deutschland verstreut, doch an Weihnachten kommen alle in Malente im Haus des Schwiegersohnes zusammen. „Ich habe auch nach dem Tod meiner Tochter noch einen Platz in seinem Herzen, das ist sehr schön, er besucht mich auch immer noch“, freut sich die rüstige Dame, die bis vor einem Jahr noch allein gelebt hat. An Weihnachten kann sich Anita Küttner noch gut erinnern: „Es war alles immer so geheimnisvoll. Mein Vater war Tischler und Zimmermann und wir bekamen immer selbstgemachte Geschenke, ich eine Puppenstube mit allen kleinen Möbelchen und mein Bruder eine Burg mit Zinnsoldaten.“ Sie muss schmunzeln, als sie von der peniblen Art ihres Vaters berichtet, der sogar Äste am Tannenbaum zusätzlich ansteckte, wenn eine Seite des Baumes nicht ebenso schön war wie die andere. Eine traurige Weihnacht erlebte sie 1939 – sie wartete vergebens am Zug auf ihren frisch geheirateten Marinesoldaten. „Er gehörte zu denen, die Dienst machen mussten, weil wir ja noch keine Kinder hatten.“ Ein Weihnachtsfest später hatte ihr Mann extra Urlaub eingereicht, da die Geburt der Tochter bevorstand, doch die kam erst am 29. Dezember zur Welt und ihr Mann erfuhr auf Sylt von der Geburt seiner Tochter per Depesche. „Selbst wenn es eine Junge gewesen wäre, hätte ich ihm erstmal gemeldet, dass es ein Mädchen ist, weil er sich so sehr eine Tochter gewünscht hatte, denn Männer müssten immer weg von zu Hause in den Krieg, sagte er“, erinnert die 96-Jährige. Ihr Sohn, erzählt Küttner, nahm es sieben Jahre nach der Geburt ihrer Tochter genauer: Er erblickte einen Tag vor Weihnachten das Licht der Welt. „Was mir im Gegensatz zu früher auffällt“, sagt Anita Küttner, „heute gibt es ein so bescheidenes Weihnachten, wie wir es noch kennen, gar nicht mehr.“

Jürgen Richter (80) wuchs in einem kleinen Dorf nahe Stettin auf, „es hieß Stettin-Wussow, von der letzten Haltestelle der Straßenbahn führte ein kleiner Weg durch den Wald zu unserem Dorf“, beschreibt Richter das Bild vor seinem inneren Auge. Er erzählt von den Bombenangriffen, die er und seine Familie im Keller der Nachbarn erlebten, vom Granatsplitter-Sammeln im Hof, „wenn es draußen etwas ruhiger war“ und er erzählt davon, wie er als kleiner junge mit Käppi und Holzgewehr hinter den Soldaten durch die Straßen zog und sich „ein bisschen besonders fühlte“. Doch dann kam die Front immer näher: „Es war wie Gewitter am Horizont, das immer lauter wurde“. Er floh mit seiner Mutter und einem Baby, seiner Schwester, zusammen mit den Nachbarn. Sein Vater musste als Volksschullehrer den Volkssturm vorbereiten. Er floh später mit Soldaten und kam der Familie nach Ahrensbök nach.

Richter beschreibt Erinnerungen der Flucht so bildhaft, als erlebe er es gerade während er spricht. Er macht die Hände über den Kopf, als er davon erzählt, wie sie alle versucht haben, sich vor der Kälte zu schützen, die durch die kaputte Windschutzscheibe von Stettin bis Stralsund eindrang. „Und welche Erinnerungen hast du an Weihnachten“, fragt ihn Gudrun Kruse. „Nicht mehr viele“, sagt er. „Ich weiß nur, dass ich sehr schnell spitz gekriegt habe, dass der Weihnachtsmann nur verkleidet ist.“ Er muss schmunzeln und fügt hinzu: „Und dass mein Vater die Geschenke immer hinter dem Bücherregal versteckt hat.“

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