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Ostholsteiner Anzeiger

26. September 2017 | 13:13 Uhr

Der emsige Jäger aller Karstadt-Relikte

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

auch in Eutin fündig wird. Dort gab es bis zum 21. April 1932 eine Karstadt-Filiale. Das 1896 gebaute Haus steht fast unverändert in der Straße Am Rosengarten.

von
erstellt am 03.Mai.2016 | 15:04 Uhr

Es ist ruhiger geworden um die 135 Jahre alte Kaufhausmarke Karstadt, nachdem sie 2009 in Insolvenz geraten war. Aktuell bilden 82 Warenhäuser die Basis der Karstadt GmbH, die seit August 2014 dem österreichischen Investor René Benko gehört.

Es war nicht die erste Krise des 1881 in Wismar gegründeten Unternehmens: Die Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren traf eine Firma, die 1930 mit 89 Filialen, 27 Fabriken und über 29  000 Angestellten der größte Warenhauskonzern Europas war. Zu dem damaligen Schrumpfungsprozess gehörte die Schließung der Karstadt-Filiale in Eutin.

Was vermutlich kaum noch jemand weiß: 1896 hatte der Firmengründer Rudolph Karstadt eine Filiale in der Residenzstadt eröffnet. Das zweite Karstadt-Haus war 1884 in Lübeck eröffnet worden, vor Eutin gab es Filialen in Neumünster (1888), Braunschweig (1890), Kiel (1893) und Mölln (1895).

Ein Experte in Sachen Karstadt ist der Bremer Speditionskaufmann Holger-Philipp Bergt (50). Sein halbes Leben lang, seit 25 Jahren, sammelt er alles, was mit der Kaufhauskette zu tun hat. Die Fülle seiner Relikte ist so umfangreich, dass er damit seit 2002 mehrere Ausstellungen bestückt hat. Und seine Recherchen sind so tiefgehend, dass Bergt von dem Unternehmen selbst bei historischen Fragen zu Rate gezogen wird.

Nicht zuletzt dafür ist er auf der Suche nach weiteren Artefakten aus Karstadt-Häusern.

So hatte zum Beispiel jede Filiale eigene Bügel mit dem Karstadt-Schriftzug und dem Standort. Bergt hofft, dass sich solche Bügel aus Eutin noch in irgendeinem Schrank oder auf dem Dachboden wiederfinden. Alte Werbebeilagen, Kassenzettel oder andere Dokumente vom „Eutiner Karstadt“ sucht der Bremer ebenfalls.

Das Gebäude, in dem die Eutiner Karstadt-Filiale war, existiert äußerlich kaum verändert bis heute. Es steht am Rosengarten, beherbergte in den 1970er Jahren noch ein Elektrogeschäft und seit den 1980er Jahren bis vor einigen Monaten Schuhgeschäfte.

Von der Eutiner Karstadt-Filiale weiß Holger-Philipp Bergt folgendes: „Eutin zählt zu den kleineren Häusern, die im Rahmen der damaligen Unternehmenskrise zwischen 1931 und 1932 geschlossen oder verkauft wurden. Karstadt geriet damals unter anderem durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in eine existenziell bedrohliche Schieflage, es mussten insgesamt 22 Niederlassungen abgewickelt und nahezu alle eigenen Fabrikationsbetriebe verkauft werden.

In den Jahren davor hatte das Unternehmen eine starke vertikale und horizontale Expansion betrieben, es wurden diverse Neubauten errichtet und Fabriken gekauft. Zu den damals errichteten Neubauten zählen die Häuser in Hamburg-Barmbek und Neubrandenburg, Bremen bildete den Abschluss dieses Bauprogramms. Der Hausarchitekt Philipp Schaefer hatte den typischen, sogenannten ,Karstadt-Stil‘ entwickelt und bei allen Neubauten zwischen 1921 und 1932 umgesetzt. Nach den Kriegszerstörungen und Abbrüchen der Nachkriegszeit ist das Haus in Bremen das größte noch vorhandene aus diesem Programm.

Die weiteren geplanten Vorhaben wurden 1929/30 umgehend gestoppt, dazu zählte auch der in Lübeck 1929 geplante Neubau, ebenso Neumünster und Ludwigslust.

Das Haus in Eutin verfügte über eine Verkaufsfläche von lediglich 300 Quadratmetern, verteilt auf das Erdgeschoss und die 1. Etage. Die Filiale wurde 1896 gegründet und am 21. April 1932 geschlossen. Zum 1. Mai 1932 erfolgte die Übergabe an den Nachfolger Alois Baus, der hier ein Textilgeschäft betrieb.

Der Verkauf geschah eindeutig im Rahmen der Umstrukturierung des Gesamtunternehmens, weil das Haus zu klein und unrentabel war, und steht in keinerlei Zusammenhang mit den damaligen politischen Verhältnissen in Eutin. Es gab wohl entsprechende Vermutungen dieser Art in der Bevölkerung.

Karstadt war von den damals existierenden fünf großen Warenhausunternehmen das einzige, das keine jüdischen Gründer und Eigentümer hatte. Es wurden weitere Standorte wie in Itzehoe (1919 eröffnet) und Husum (1924 übernommen) geschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg eröffnete Karstadt in diesen Städten oft neue Häuser (teilweise durch die Übernahme bestehender Firmen).“

Wie es der Zufall will: Bergt interessiert sich nicht nur wegen der Geschichte der Karstadt-Filiale für Eutin, sondern auch wegen familiärer Verbindungen zur Stadt: Seine Urgroßeltern Adi und Wilhelm Philipp Maas lebten von 1925 bis 1934 mit vier Töchtern in der Holstenstraße. Bergt: „Wilhelm Maas war Direktor der Städtischen Werke Eutin, bis er 1934 unter falschem Vorwand abgesetzt und verhaftet wurde.“ Maas sei nach KZ-Haft in Eutin und Holstendorf-Flachsröste nach Bremen gezogen und habe erfolgreich gegen die Stadt Eutin prozessiert. Lawrence D. Stokes habe in seinem Buch „Kleinstadt und Nationalsozialismus“ über diesen Vorgang berichtet, zu dem es auch Akten im Stadtarchiv gebe.

Den Kontakt zu Freunden in Eutin hätten seine Urgroßeltern über Jahrzehnte gepflegt. Bergt: „Für 2017 planen wir ein Familientreffen in Eutin und in Scharbeutz, am ,alten Familienstrand‘. Der damalige Strandkorbvermieter, Levgrün, existiert immer noch. Im letzten Sommer habe ich Levgrüns dort besucht, und ihnen alte Fotografien aus dem August 1937 mitgebracht.“

Wer noch Relikte von „Karstadt Eutin“ hat oder etwas zur Sammlung von Holger-Philipp Bergt beitragen kann, erreicht ihn telefonisch (0421/ 47885875) oder per E-Mail (Holger.bergt@web.de).

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