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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 10:16 Uhr

Der Benzer Hof schließt seine Türen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach über 26 Jahren: Wirtsleute Erich und Beate Zirkel gehen in den Ruhestand – ein Nachfolger für ihren Landgasthof ist nicht in Sicht

An die Fahrt mit dem Umzugslastwagen aus dem Ruhrgebiet in die Holsteinische Schweiz erinnert sich Beate Zirkel noch ganz genau: „Wir kamen bei Sturm, Hagel und Gewitter an.“ Und ihr Mann, Erich Zirkel, weiß noch: „Das Unwetter ging bei Süsel los.“ Doch die dunklen Vorzeichen sollten trügen. Seit über 26 Jahren führt das Ehepaar den „Benzer Hof“ – so lange wie kein anderer in der 105-jährigen Geschichte des vom örtlichen Landwirt Gustav Thode erbauten Gasthofs. Doch mit Ende des Jahres soll nun Schluss sein. Beate (63) und Erich Zirkel (66) gehen in den Ruhestand und schließen die Türen des Benzer Hofs.

Insgesamt dauerte die Ära Zirkel gut 45 Jahre. 1970 kaufte Emil Zirkel den Gasthof, der damals noch an Anneliese und Gerd Bukowski verpachtet war, vom Malenter Makler Asmus Franzen. 1974 stiegen die Zirkels dann selbst ins Geschäft ein. Ursprünglich hatte Emil Zirkel bei Krupp in Essen gearbeitet. „Doch er hatte immer den Drang zur Selbstständigkeit“, erinnert sich sein Sohn. Er habe dann aufs Taxi-Gewerbe umgesattelt und sei danach noch in Essen Gastwirt geworden.

Urlaub machten Emil und Anneliese Zirkel im Haus Elisabeth – bei „Tante Lieschen“ – in der Kellerseestraße. Deren Sohn war der spätere Benzer Dorfvorsteher Helmut Grage, und der wusste, dass der Gasthof in Benz zum Verkauf stand. „So hat sich das dann ergeben“, sagt Erich Zirkel. Sein Vater habe die Landschaft der Holsteinischen Schweiz geliebt – sie habe ihn an seine ostpreußische Heimat erinnert.

Als Emil Zirkel den Benzer Hof erwarb, hatten Beate und Erich Zirkel gerade geheiratet. Sie kamen mit in den Norden, und Erich Zirkel wechselte 1975 vom Einwohnermeldeamt in Essen zur Bauverwaltung der Stadt Plön. Im Juli 1989 stieg er dann nach reiflicher Überlegung aus der Bauverwaltung aus und in den Gasthof ein, in dem er seinen Eltern zuvor nur zur Hand gegangen war. „Da hab ich lange mit mir gerungen. Ich wäre auch gerne im öffentlichen Dienst geblieben“, bekennt Zirkel. Seine Frau Beate übernahm Küche und Hauswirtschaft, er kümmerte sich um Buchführung, Bedienung und Technik.

Dass wenige Monate später mit dem Fall der Mauer die deutsch-deutsche Teilung zu Ende gehen sollte, konnten die Zirkels damals noch nicht ahnen. Die bekannten Folgen für den Tourismus machten sich auch in Benz bemerkbar: „Es liefen natürlich die Gäste weg“, sagt Erich Zirkel. Die hätten alle an die Ostsee gewollt.

Bereits 1979 war die alte Scheune neben dem Gasthof bei einem Sturm zusammengebrochen. An ihrer Stelle entstand 1984 ein Anbau für zusätzliche Gäste. Zeitweise gab es bis zu 36 Betten in 17 Zimmern – teils allerdings noch mit der Dusche auf dem Flur. Weil die Standards stiegen, gibt es mittlerweile nur noch fünf Gästezimmer.

An die alten Zeiten erinnert sich Beate Zirkel gerne zurück: „Damals hätten wir Etagenbetten vermieten können.“ Die Saison sei drei Monate lang gewesen, heute habe man nur einen Monat, in dem das Haus voll sei. Viele Gäste seien 14 Tage lang geblieben. „Dass einer vorzeitig abfuhr, weil das Wetter schlecht war, das gab’s gar nicht“, weiß Erich Zirkel. Weniger geworden seien mit den Jahrzehnten auch die Stammgäste aus der Dorfschaft. „Früher war das so, dass die Jugend mal kam. Die sehen Sie nicht mehr im Gasthof“, bedauert Erich Zirkel. Mit den Gästen verschwanden auch Flipperautomat, Juke-Box und Geldspielautomat aus dem Gastraum. Es lohnte sich nicht mehr.

Die Entscheidung, den Betrieb zu schließen, hat aber nichts mit gesunkenen Gästezahlen zu tun, versichert das Ehepaar. Vielmehr hätten sie jetzt das Rentenalter erreicht und wollten mehr für ihre Gesundheit tun, als es in den vergangenen Jahren möglich gewesen sei. Die Idee, weiterzumachen und noch einmal zu investieren, haben sie verworfen. „Das hätte sich für uns nicht mehr amortisiert.“ Mit einer beabsichtigten Verkleinerung hätten neue Brandschutzauflagen gegriffen: Neue Türen im Gasthof sowie Fluchttüren nach draußen, feuerhemmende Fenster, Fluchttreppen – rund 30  000 Euro wären da zusammengekommen.

Einen Pächter für den Gasthof zu bekommen, wäre wohl durchaus möglich. Doch die Zirkels wollen verkaufen, haben einen Makler in Kiel beauftragt. „Er ist schon in Verhandlungen“, verrät Erich Zirkel. Doch ob das Haus ein Gasthof bleibt, steht in den Sternen. Fest steht: Die Kinder, eine Tochter und ein Sohn, wollen nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Obwohl der Sohn mit seiner Frau im Haus wohnt, will er seine Anstellung als Koch in einer Kurklinik nicht aufgeben.

So werden die Betten wohl bald leer bleiben, ebenso der Saal für rund 50 Gäste und der kleine Gastraum mit dem Tresen. Die rund 30 Bingo-Freunde müssen sich eine neue Bleibe suchen, Hochzeiten, Geburtstage oder Trauerfeiern woanders stattfinden. Auch Feuerwehr, Sportverein, Verschönerungsverein, Dorfschaft und Frauenkreis müssen sich nach anderen Räumen umsehen.

Dorfvorsteher Fritz Kamkalow bedauert, dass Benz nun wohl auch das Schicksal vieler anderer Dörfer ereilt und der Dorfkrug verschwindet – wie in den vergangenen Jahren schon in den Malenter Dorfschaften Sieversdorf und Malkwitz. Das sei für das Dorf ein Verlust, ein Stück Identität verschwinde. „Wir werden wohl künftig das Dörfergemeinschaftshaus oder die Kapelle nutzen“, sagt Kamkalow. Doch so ganz hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. „Vielleicht findet sich ja noch ein Gastronom.“ Das Gebäude habe ja Charme, findet er. Doch ein Nachfolger müsse kreativ sein. Es sei eben nicht mehr so wie früher, als sich die Dorfbewohner in der Kneipe getroffen hätten.

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von
erstellt am 08.Dez.2015 | 00:32 Uhr

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