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Ostholsteiner Anzeiger

17. Dezember 2017 | 11:48 Uhr

Der Basketball gibt Jonas Seebann Kraft

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

15-Jähriger erkrankt an Morbus Hodgkin, spielt weiter Basketball und fährt mehrmals in der Woche zwei Stunden mit der Bahn von Fehmarn nach Eutin zum Training

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2014 | 10:39 Uhr

Jonas Seebann wirkt ernst, ruhig und recht erwachsen. Der 15-Jährige hat eine harte Zeit hinter sich: Im September bekam er bei einem Aufenthalt in Berlin die Diagnose „Morbus Hodgkin“, also ein bösartiger Tumor des Lymphsystems. „Mein Ehemann Frank hat mich am Telefon geerdet. Ich weiß nicht, ob ich sonst nach Hause gefunden hätte“, erinnert sich Beate Seebann. Ihr Sohn Jonas bleibt fast sechs Monate später beim Gespräch im Familienkreis am Küchentisch gelassen. „Mir geht es gut, mir ging es nie schlecht“, sagt der Schüler, der seine Kraft zum großen Teil aus seiner sportlichen Leidenschaft schöpft – dem Basketballspiel.

„Wo Jonas ist, ist auch immer ein Ball in der Nähe. Das ist so, seit er krabbeln konnte“, beschreibt Beate Seebann ihren Sohn. Und seit der AG in der Grundschule ist Basketball sein Sport.

Als Jonas in Berlin mit einem geschwollenen Hals und einer dicken Beule zwischen Hals und Unterkiefer aufwachte, war das Wochenende gelaufen. Statt Stadtbummel ging es zum Arzt, der den Jungen sofort in
die Charité überwies. Der diensthabende Arzt stellte sofort „Morbus Hodgkin“ fest. Ein Schock. So fuhren Mutter und Sohn aufgewühlt nach Hause. Am Montag ging Jonas nicht zur Schule, sondern zum Hausarzt, der ihn sofort an das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) überwies. Dort stellten ihn die Ärzte auf den Kopf. „Die Ärzte mussten andere Diagnosen wie Pfeiffersches Drüsenfieber ausschließen“, sagt Beate Seebann. Das Ergebnis war eindeutig: „Jonas wurde in die Stufe 4, das ist die schlimmste Form, kategorisiert. Das bedeutet, dass auch das Knochenmark befallen war, also das gesamte Programm, der maximale Anschlag.“

In der Uni-Klinik wurde ein Behandlungsplan aufgestellt, die erste von vier Chemotherapien gab es gleich in der ersten Woche. Und für die Familie eine Flut von Antragsformularen. Gut dass es den psychosozialen Dienst gibt, der seine Hilfe anbietet. Sozialpädagoge Volker Krötz habe sie vorbildlich unterstützt, sagt Beate Seebann. Nicht nur im Papierkrieg, sondern auch mit anderen Hilfen. „Die Betreuung ist sensationell. Dort werden auch die Geschwisterkinder gesehen“, hat Beate Seebann erfahren. Denn auch die neunjährige Madita ist von der Krankheit des Bruders betroffen. Auch sie erlebt, dass ihr Bruder oft im Krankenhaus ist, dass die Krankheit großen Einfluss auf das Leben der gesamten Familie hat. So besuchte Madita mit anderen Geschwisterkindern das Lübecker Unternehmen Niederegger und durfte dort zum Beispiel aus Marzipan Figuren formen.

Die Chemo geht auch an den Eltern nicht spurlos vorbei. Sie sehen ihren Sohn, der an Maschinen angeschlossen ist, hören das gleichmäßige Geräusch der Dosierungspumpe, das Piepen der Überwachungsgeräte. Jede Runde beginnt am Donnerstagmittag und endet am Sonntagabend, sie wird in der Folgewoche von Donnerstagabend bis Sonnabendmittag fortgesetzt.

Wegen seiner Liebe zum Basketball ist Jonas Seebann Stammgast bei der Bahn. Wegen der Krankheit gilt er als 100 Prozent schwerbeschädigt, darf kostenlos zu den vielen Untersuchungen zwischen Fehmarn und Lübeck pendeln. „Das ist ein Riesenzeitaufwand“, stellt Beate Seebann fest.

Schon bald wollte Jonas Seebann sein Basketballteam wiedersehen. Aber aus ärztlicher Sicht ist jeder Kontakt auch ein potenzieller Herd für Keime. Trotzdem durfte der Patient zum Training nach Eutin fahren, anfangs, um zuzugucken. Aber dann juckte es ihn doch in den Fingern. Beim zweiten Besuch machte er ein paar Wurfübungen, dann war es nur noch ein kurzer Weg zurück in die Mannschaft. Um zum Training zu kommen, muss er pro Tour rund 160 Kilometer Bahn fahren, das entspricht zwei Stunden. Meistens hört er bei der Bahnfahrt Musik – und seine Schulsachen hat er auch dabei. Seit September war Jonas Seebann nicht mehr in der Schule. Nach einem Antrag wird der Zehntklässler zu Hause unterrichtet, mit sechs Wochenstunden in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch. „Es hat ziemlich lange gedauert, bis der Unterricht sichergestellt war. Jonas will doch seinen Realschulabschluss schaffen“, sagt Frank Seebann. Eine Teilnahme am Unterricht per „Skype“, also mit elektronischer Übertragung, habe die Schule abgelehnt, so der Vater.

Die Krankheit habe für große Unsicherheit in der Schule gesorgt, meint Beate Seebann. So habe sie die Klasse besucht, in die Jonas geht, und die Lage erklärt, versucht Berührungsängste abzubauen. Jetzt bekommt er manchmal Besuch von Mitschülern.

„Wir haben uns nicht unterkriegen lassen. Wir haben viele Fragen gestellt, auch unangenehme Fragen“, berichtet Vater Frank Seebann. So auch zur Ernährung. Wenn er nach Lübeck fährt, hat Jonas Seebann eigene Lebensmittel im Gepäck, vor allem Frischkost, wie Paprika oder Bananen. „Das Essen im Krankenhaus ist zum Teil katastrophal“, meint Frank Seebann. Der Weg durch die Krankheit ist für jeden Betroffenen und sein Umfeld ein anderer. Therapiepläne sind wichtig, es zähle aber auch das Bauchgefühl, sagt Frank Seebann. So seien Jonas und seine Eltern übereingekommen, dass er zunächst auf die Bestrahlung verzichtet, die die Ärzte vorgesehen hatten.

Ob er wieder in seine Schule gehen will, hat Jonas Seebann selbst in der Hand. Die Ärzte haben ihm freigestellt, ab wann er wieder zur Schule geht. Die Bewilligung für den Hausunterricht laufe noch bis Anfang Juni, sagt seine Mutter Beate.

Die Chemo hat die Haare von Jonas Seebann großflächig ausfallen lassen. In seinem Basketballteam hat er ein ungewöhnliches Zeichen der Verbundenheit erfahren: Vier Mitspieler ließen sich die Haare genauso raspelkurz schneiden. Das war eine Geste, die ihn tief beeindruckt hat. Der 15-Jährige ist sich über den Ernst seiner Krankheit im Klaren. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass die Heilungschancen bei 95 Prozent liegen. Ich war mir immer sicher, dass ich nicht an dieser Krankheit sterben werde...“

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