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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 15:36 Uhr

Ostholstein : Den Mindestlohn zahlt der Kunde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine erste Bilanz nach 100 Tagen zeigt: Friseure und Bäcker in Innungen erhöhten Lohn bereits. Gastronomen und Landwirte fluchen.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2015 | 20:00 Uhr

„Es wurde längst Zeit“, sagen die einen – „es ist eine Lohnerhöhung, die keiner gebraucht hätte“, die anderen. Fakt ist: Deutschland hat als 22. Land der EU den Mindestlohn von 8,50 pro Stunde eingeführt – vor genau 100 Tagen. Der OHA hat sich bei betroffenen Gewerken in Eutin umgehört. Das Ergebnis: Was den Arbeitnehmer freut, ist des Arbeitgebers Leid – zumindest in einzelnen Bereichen.


Viele Friseure schweigen


Zahlreiche Friseure wollten keine offiziellen Angaben machen. Fakt ist, dass einige Filialen ihre Preise angehoben, andere wie beispielsweise in Malente ihre Öffnungszeiten geringfügig verkürzt haben. Stefan Herold vom gleichnamigen Eutiner Friseurbetrieb wundert diese Reaktion: „Wir hatten bei uns im Handwerk bereits 2013 eine Tariferhöhung, die über dem Mindestlohn liegt. Die gilt auch weiterhin.“ Auch er zahle seit langem über Tarif und habe die Preise entsprechend gestaltet, was die Kunden mittragen. Laut LMK-Geschäftsführer Andreas Booke habe sich auch bei „Wunderhaar“, dem Friseur im Kaufhaus, nichts geändert: „Es ist ein Dienstleistungssektor, in dem gutes Personal wirklich schwer zu finden ist. Wir würden gern zwei weitere Mitarbeiter einstellen.“

Ebensowenig verändert habe der Mindestlohn etwas beim ortsansässigen Bäckerhandwerk, wie Hans-Peter Klausberger erzählt. „Wir haben schon immer Stundenzettel geführt.“ Die Dokumentationspflicht habe demnach zu keinem zusätzlichen Bürokratieaufwand geführt. Klausberger: „Wir sind Mitglied in der Bäckerinnung und zahlen über 8,50 Euro. Wir haben damit keine Probleme.“ Eine junge Fachverkäuferin bekomme demnach 10,12 pro Stunde, beim Bäckergesellen beginne der Stundenlohn bei 11,44 Euro – ohne Nacht- und Feiertagszuschläge. Die kommen hinzu. Die einzigen, die profitieren, seien die wenigen Schüler, die ab und zu als Aushilfe arbeiten. Bisher bekamen sie 7,50 Uhr pro Stunde. Klausberger: „Den Euro mehr geben wir ihnen gerne.“


Gastronomen müssen umplanen


Schwer getroffen habe der gesetzliche Mindestlohn nach eigenen Angaben die Gastronomen und Landwirtschaft, in den Bereichen, in denen Erntehelfer mit im Einsatz sind. Marcus Gutzeit vom Brauhaus und der Schlossküche: „Es ist eine Lohnerhöhung, die keiner gebraucht hätte.“ Eine Aushilfe habe pro Stunde zwischen sechs und sieben Euro bei ihm verdient, viel sei über das Trinkgeld dazu gekommen und darüber habe sich bisher keiner beschwert. Doch schlimmer als die Lohnerhöhung empfinde er den Bürokratieaufwand. „Wir haben extra eine Kraft einstellen müssen, die sich ausschließlich um die Dokumentationspflicht für die rund 50 Angestellten kümmert“, sagt Gutzeit. Ein weiteres Problem in der Gastronomie sei die Stundenbegrenzung: „Eine Hochzeitsfeier ist nun mal nicht nach acht oder neun, sondern 13 oder 14 Stunden zu Ende. Das stellt uns vor enorme Herausforderungen.“ Die Preise habe er ein wenig erhöhen müssen, doch das werde vom Gast mitgetragen. „Die Gäste wissen, dass sie bei uns ordentliche Ware bekommen und das hat seinen Preis.“ Als Beispiel nennt er die Schlossküche, mit der er Mitglied bei „Feinheimisch“ ist. „Da kaufen wir nichts vom Großmarkt sondern vom Bauernhof, das hat seinen Preis.“ Gutzeit wundere sich eher, wie Kollegen immer noch die verhältnismäßig niedrigen Preise halten können.

Holger Pulvermann vom Stadtcafé muss seit Jahresbeginn wieder häufiger mit seiner Frau arbeiten: „Ohne höhere Eigenleistung ist das sonst nicht zu schaffen.“ Markt-17-Betreiber Achim Lembke ist dagegen entspannt: „Wir arbeiten seit jeher mit und haben fest angestelltes Service-Personal, die mehr verdienen. Das trifft eher die Kollegen, die viel mit Aushilfen machen.“


Landwirte: „Fleiß der Erntehelfer wird bestraft.“


Eine Branchenzweig der nach eigenen Angaben besonders hart betroffen ist, sind die Landwirte, die mit Erntehelfern arbeiten. Heinrich Mougin vom Erdbeer- und Spargelhof in Lenste bei Grömitz sagt: „Für uns hat das enorme Auswirkungen, die wir bis ins kleinste Detail noch gar nicht absehen können.“ Zwischen 250 und 300 Erntehelfer beschäftigt er pro Jahr. Aufgrund der neuen Regelung dürfen diese nur noch acht Stunden arbeiten und haben einen freien Tag pro Woche. Das stellt ihn vor zwei Herausforderungen: Zum einen braucht er nun ein Siebtel mehr Erntehelfer, die er auch adäquat unterbringen will. Zum anderen musste er die Löhne für die ganzjährige bei ihm beschäftigten Facharbeiter ebenfalls erhöhen. Mougin rechnet vor: „Die Erntehelfer kriegen Brutto für Netto 8,50. Ein Facharbeiter mit Verantwortung, der nicht verheiratet ist und Kirchensteuer zahlt, hat von seinen 13 oder 14 Euro am Ende nur noch 7,90 Euro und schüttelt den Kopf, weshalb ein ungelernter Erdbeerpflücker mehr verdient.“ Seiner Meinung nach hätte um Netto-Mindestlöhne verhandelt werden müssen. Es sei vollkommen in Ordnung, dass in Deutschland versicherte Arbeitnehmer, die hier ihr Leben bestreiten müssen, den Mindestlohn bekommen. Aber in Relation zu den Ursprungsländern, aus denen die Erntehelfer kommen, werde dort riskiert den Markt kaputt zu machen. Mougin: „Ein rumänischer Facharbeiter verdient bei sich im Monat 250 Euro, hier schaffen sie binnen kürzester Zeit ihr Jahresgehalt.“ Oft seien bei ihm junge Rumänen, die sich ihr Studium über die Semesterferien durch Erntearbeiten in Deutschland verdienen. „Da kann es doch nicht sein, dass in Deutschland Fleiß bestraft wird. Diese jungen Menschen wollen arbeiten – mehr als acht Stunden am Tag.“ Die Folge der Lohnkostensteigerung: „Es muss sich am Ende auf das Produkt umschlagen. Erdbeeren und Spargel sind Premiumprodukte unserer Region, die müssen per Hand geerntet werden. Und wir müssen hoffen, dass die Gesellschaft, die den Mindestlohn will, die daraus folgende Kostensteigerung mitträgt. Am Ende des Jahres werden wir schlauer sein.“ Seine Befürchtung: „Dass der Markt sich Richtung Polen verschiebt. Von dort ist man mit dem Lkw genauso schnell in Berlin wie aus Schleswig-Holstein. Mit dem Unterschied, dass dort billiger produziert werden kann.“


Taxigewerbe: Weniger Wagen auf der Straße


Auch im Taxigewerbe gab es einen Aufschrei, als Anfang des Jahres der Mindestlohn eingeführt wurde und zeitgleich eine Tariferhöhung um 20 Prozent anstand. Taxi-Wiese-
Geschäftsführer Timo Pöhls spürt die Folgen deutlich: „Die privaten Fahrten sind spürbar zurückgegangen.“ Aber das Hauptgeschäft, die Krankenfahrten, blieben konstant. Die Folge für ihn: „Wir versuchen noch effektiver zu arbeiten, haben nachts nur noch einen Wagen im Einsatz, am Tag nur noch sieben statt acht. Den Bahnhof zu dekorieren können wir uns einfach nicht mehr leisten.“

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