Den Krebs im Visier

„Du bis nicht allein“ steht auf dem Flyer der Selbsthilfegruppe. Ein Leuchtturm weist dem Segelboot auf rauer See den Weg. Sibylle Latza hat die Gruppe mit der Unterstützung von Psycho-Onkologin Meike Adler gegründet. Als Betroffene weiß sie, wie wichtig der Erfahrungsaustausch und die Gemeinschaft sind.
„Du bis nicht allein“ steht auf dem Flyer der Selbsthilfegruppe. Ein Leuchtturm weist dem Segelboot auf rauer See den Weg. Sibylle Latza hat die Gruppe mit der Unterstützung von Psycho-Onkologin Meike Adler gegründet. Als Betroffene weiß sie, wie wichtig der Erfahrungsaustausch und die Gemeinschaft sind.

Sibylle Latza erkrankte vor etwas mehr als zehn Jahren das erste Mal an Brustkrebs. Heute leitet sie die Selbsthilfegruppe

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02. Januar 2019, 20:22 Uhr

Sibylle Latza ist eine starke Frau. Eine starke Frau, die gelernt hat, dank und trotz des Krebses zu leben: Zweimal hat sie und ihre Familie ein Tumor in ihrer Brust aus der Bahn geworfen. Zweimal waren es die Liebe und der Optimismus eben jener, der sie habe kämpfen lassen – gegen den schnellwachsenden Krebs in ihrer Brust. Knapp zehn Jahre nachdem sie ihren ersten Knoten fühlte, gründete die heute 47-Jährige die Selbsthilfegruppe „Hoffnungsschimmer“. Sie möchte etwas zurückgeben und Angehörige wie Betroffene motivieren, nach vorn zu blicken.

Sibylle Latza ist 36, als sie im Herbst 2007 den ersten Knoten in ihrer Brust tastet. „Ich war sehr gut im Verdrängen, dachte, was von alleine kommt, geht auch wieder von alleine“, erinnert sie sich. Doch dieser Knoten wuchs, während sie versuchte, ihn zu vergessen und arbeiten ging.

Die Diagnose nach zahlreichen Untersuchungen beim Arzt: schnellwachsender, nicht-hormoneller Brustkrebs – der nicht gestreut hatte. Ein Behandlungsmarathon aus Chemotherapie, Entfernung des Restgewebes und betroffener Lymphe sowie Bestrahlung folgten. Aus ihren mehr als schulterlangen Haaren, wurde eine Kurzhaarfrisur. „Ich ließ mir vom Friseur die Frisur schneiden, die ich mir als Perücke ausgesucht hatte“, erzählt sie. Kurz nach Beginn der Chemo hatte sie eines Morgens ihre Haare büschelweise in der Hand. Sie griff zum Rasierer und trennte sich vom Rest auf ihrem Kopf. „Ich wollte das selbst in der Hand haben, wann es soweit ist“, erinnert sie sich. Auf den kurzen Stoppeln konnte sie nicht schlafen. Latza bat ihren Mann, ihr eine Glatze zu rasieren – „und er ließ am Hinterkopf ein Herz stehen“, sagt sie und lächelt. Auch ihre Augenbrauen und Wimpern gehen aus. „Ich hab jede einzelne schön angemalt, die ich hatte. Seit damals schminke ich mich täglich, um mich schön zu fühlen. Das habe ich vorher nicht gemacht. Aber wer will krank schon gern hören, dass er scheiße aussieht?“

Die gekaufte Perücke habe sie letztlich kaum aufgesetzt, lieber Tücher oder Glatze gezeigt. „Glatze konnte ich gut tragen, da sehe ich aus, wie mein eigener Bruder und die Frisur sitzt immer“, sagt sie und lacht. Den Humor dürfe wegen des Krebses keiner verlieren. Lachen, Liebe und Gespräche mit Familie und Freundeskreis seien enorm wichtig. „Ohne geht es nicht“, sagt die heute 47-Jährige.

Als sie auch die Bestrahlung geschafft hat und zur Reha nach Sylt darf, erfährt sie, dass sie ihren Job in der Altenpflege nie wieder wird ausüben können – nicht nur wegen der Anstrengung, auch wegen der zahlreich entfernten Lymphe. „Das war für mich fast nochmal schlimmer als die Diagnose. Ich liebte meinen Job“, sagt die gelernte Altenpflegehelferin. Ihr Arbeitgeber, das Deutsche Rote Kreuz, wollte Latza als Mitarbeiterin nicht verlieren, bot ihr eine Umschulung zur Bürokauffrau. „Mit zwei pubertierenden Kindern und etwa 40 nochmal drei Jahre die Schulbank drücken, war nicht leicht“, sagt Sibylle Latza rückblickend. Aber sie hat es auch dank der Unterstützung ihres Mannes geschafft, sogar noch eine Zusatzausbildung als Betreuungskraft zu machen. „Mir hat einfach der Umgang mit den Menschen gefehlt.“

Im Juni 2016 der nächste Schock. Neuer Knoten, diesmal rechts, auf der anderen Seite. „Ich hatte mir nach dem letzten Mal selbst versprochen, gleich zum Arzt zu gehen, wenn ich etwas merke und das tat ich“, sagt sie. Wieder hatte er glücklicherweise nicht gestreut, wieder begann der Behandlungsmarathon an dessen Ende die Amputation beider Brüste stand. „Für mich war das kein schwieriger Schritt, ich will und wollte leben.“ Mit körpereigenem Fett, das mittels langer Narbe quer in Höhe des Gürtelbundes entnommen wurde, konnten die Brüste wieder aufgebaut werden. Nachbehandlungen, Schmerzen, Reha, kleinere operative Korrekturen. Und ist es jetzt überstanden? „Das kann man nicht mit Gewissheit sagen, aber ich bin momentan gesund und das genieße ich und lebe ich. Jeden Tag“, betont sie. Vorhaben und Wünsche würden erlebt, sofern machbar, und nicht aufgeschoben. „Das hab’ ich auch aus meinem Beruf der Altenpflege mitgenommen. Täglich kam eine Omi mit Rollator zu ihrem pflegebedürftigen Mann. Sie hatten auch immer gesagt, ‚wir warten bis zur Rente‘. Aber wer weiß schon, wie viel Zeit man überhaupt hat?“, sagt sie. Sibylle Latza hat nach dem ersten Tumor den Motorradführerschein gemacht und sich zur Silberhochzeit die erste Flugreise mit ihrem Mann gegönnt – seitdem wird jedes Jahr für eine solche Reise gespart.

Weil sie sich in der Eutiner Onkologie immer sehr gut aufgehoben und beraten gefühlt und ihr die Arbeit im Gremium des Vereins der Krebshilfe Ostholstein viel Spaß gemacht habe, rief sie vor gut einem Jahr die Selbsthilfegruppe „Hoffnungsschimmer“ ins Leben. „Die Arbeit im Verein ist eine wichtige, jeden Monat kommen vier oder fünf neue Fälle, die wir besprechen und die Hilfe brauchen. Und die Hilfe, die wir als Spenden bekommen, gehen zu 100 Prozent an die Betroffenen in der Region“, sagt Latza. Nicht immer kann der Weg mit einer Gesundung enden, aber immer können schöne, wichtige Momente möglich gemacht oder lebensnahe Alltagshilfe geleistet werden, so Latza.

In der Selbsthilfegruppe geht es dann ganz ohne Ärzte „nur“ um eine schöne Zeit zusammen. „Klar sprechen wir über unsere Krankheiten oder profitieren gegenseitig vom Erfahrungsaustausch, aber wir haben auch mal einfach nur Spaß zusammen“, sagt Latza. Nicht jeder habe das Glück, den Rückhalt der eigenen Familie zu haben, wie sie. Und: „In die Lage eines Betroffenen und seine Ängste kann sich nur ein Betroffener versetzen. Man will seinem Mann und seinen Kindern nicht täglich damit in den Ohren liegen. Manche sind alleinerziehend oder allein, die haben schlimmstenfalls gar keinen Austausch und für all die wollen wir offen und Ansprechpartner sein.“ Das Problem sei, dass nach aller Behandlung und Therapie, für die man habe funktionieren müssen, mit dem Austherapieren auch das Loch komme. Ohne Familie oder Freunde und Menschen zum Austausch sei es schwer, sich selbst zu motivieren und da rauszukommen, so Latza.

Derzeit seien sie zwischen sieben und zehn Frauen, die sich jeden ersten Donnerstag im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Fissau von 18 bis 19.30 Uhr treffen. „Bei uns ist jeder willkommen.“ Und den Zweiflern, die glauben, wer sich Hilfe hole, sei schwach, gibt Sibylle Latza mit auf den Weg: „Wer sich keine holt, ist es. Nichts ist bei uns verpflichtend, aber wer nicht mal reinschnuppert, nimmt sich eine wichtige Chance.“ Die Chance, auch mit scheinbar Fremden, mit denen man bislang nur das Krankheitsschicksal teile, eine wohltuende Gemeinschaft zu empfinden.

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