Widerstand in der NS-Zeit : Den Führerbefehl ignoriert

Erinnerten an Wilhelm Krützfeld: (von links) Wolfram Hartwich, BKA-Präsident Zierke und PDAFB-Leiter Jürgen Funk.
Erinnerten an Wilhelm Krützfeld: (von links) Wolfram Hartwich, BKA-Präsident Zierke und PDAFB-Leiter Jürgen Funk.

Die Landespolizei erinnerte gestern in Malente an Wilhelm Krützfeld, der vor 75 Jahren in der Reichspogromnacht das Niederbrennen einer Synagoge verhinderte.

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08. November 2013, 06:00 Uhr

Kiebitzhörn | Beispiele von Polizisten, die sich mit ihren Taten offen gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten stellten, gibt es nicht viele. Einer von ihnen ist der in Hornsdorf (Kreis Segeberg) geborene Wilhelm Krützfeld (1880-1953). Er verhinderte als Leiter des 16. Reviers am Hackeschen Markt in Berlin, dass die Neue Synagoge in der Reichspogromnacht, die sich am Freitag, 9. November, zum 75. Mal jährt, von SA-Leuten niedergebrannt wurde.

Vor 20 Jahren wurde Wilhelm Krützfeld posthum geehrt, indem die Landespolizeischule in Kiebitzhörn (Gemeinde Malente) nach ihm benannt wurde. Wesentlichen Anteil daran hatte der heutige Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Zierke, der die Einrichtung von 1990 bis 1992 leitete. Er war am Donnerstagnachmittag der Festredner, als Landespolizei und Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und Bereitschaftspolizei (PDAFB) in Kiebitzhörn feierlich an die Namensgebung erinnerten. Aus diesem Anlass wurde zudem eine Dauerausstellung unter dem Titel „Gegen das Vergessen“ zu Leben und Wirken Krützfelds in der Polizeischule eröffnet.

„Wilhelm Krützfeld hat mit List und Waffengewalt gegen den erklärten Willen der Nazis gehandelt“, sagte Zierke vor rund 80 Gästen aus Polizei und Politik. Er und seine Beamten hätten bewusst das Risiko auf sich genommen, für ihren Einsatz mit dem Leben zu bezahlen. Zur Erinnerung: Der damalige Polizeioberleutnant stellte sich einer Gruppe von SA-Leuten entgegen, die in der Synagoge bereits Feuer gelegt hatten, und zwang diese mit vorgehaltener Pistole zum Rückzug. Zudem setzte er die Feuerwehr in Marsch, die den Brand auch tatsächlich löschte, obwohl sie wie die Polizei die Anweisung bekommen hatte, sich dem „spontanen Volkszorn“ nicht entgegenzustellen.

Es habe zwar einen Führerbefehl gegeben, doch: „Ich habe damals festgestellt, dass hat für Wilhelm Krützfeld nicht gegolten“, erinnert sich Wolfram Hartwich. Der pensionierte Hauptkommissar aus Kasseedorf hatte seinerzeit im Auftrag Zierkes eine erste Ausstellung über Krützfeld zusammengetragen, die zur Umbenennung der Polizeischule gezeigt wurde. Hartwich hat die damalige Ausstellung gestrafft, sechs große Schautafeln hängen nun in einem Flur der Polizeischule.

Krützfeld rechtfertigte seinen Einsatz damals mit Bestimmungen des Denkmalschutzes. Vom Berliner Polizeipräsidenten Wolf-Heinrich Graf von Helldorf wurde er einen Tag später gemaßregelt – weitergehende Konsequenzen gab es jedoch nicht. Krützfeld sei kein Held gewesen, sagte Zierke. Doch „Wilhelm Krützfeld wusste, dass mitmachen und geschehen lassen zu wenig ist.“

„Die Ausstellung kann und soll einen Teil zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte der Polizei beitragen“, erklärte Schleswig-Holsteins Innenstaatssekretär Bernd Küpperbusch. Alle Besucher, meist Polizeibeamte, die an einer Fortbildung teilnähmen, erhielten die Gelegenheit, sich mit der Geschichte ihrer Organisation und dem couragierten Verhalten eines Einzelnen zu befassen. Jeder Polizeibeamte, aber besonders die Führungskräfte seien in der Verantwortung. Sie müssten Nachwuchskräften Orientierung geben und Vorbild sein.

„Wir müssen uns offen mit unserer eigenen Geschichte auseinander setzen, damit nicht wieder eine Polizei ohne Moral und ohne Anstand entsteht“, forderte Zierke. Dass rechtsextremes Gedankengut keineswegs verschwunden ist, belegte er mit Zahlen. Laut einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung hätten neun Prozent der Deutschen „ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild“. Die Polizei habe allein im vergangenen Jahr 71 600 Fälle rechtsextremistischer Kriminalität registriert, darunter 850 Gewaltdelikte. „Das bedeutet, dass es täglich zwei bis drei Gewalttaten gibt. Das muss uns beschämen.“

Schließlich nahm Zierke die jüngste Geschichte in den Fokus: Das jahrelange Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ohne dass die Polizei den Rechtsterroristen auf die Spur gekommen wäre. Grund dafür sei auch ein atypisches Vorgehen der Täter, die selbst gegenüber dem eigenen Milieu über ihre Taten geschwiegen hätten. Zierkes Fazit: „Die deutsche Polizei ist nicht auf dem rechten Auge blind.“ Richtig sei aber auch, dass die Polizei ein Spiegelbild der Gesellschaft sei.

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