Demenz-Café soll Angehörige entlasten

Die dreistündigen Treffen im Demenz-Café beginnen mit einer Runde, in der Gedächtnis und Motorik gefördert werden. Jeder Tag hat ein Motto, hier der Garten.
1 von 2
Die dreistündigen Treffen im Demenz-Café beginnen mit einer Runde, in der Gedächtnis und Motorik gefördert werden. Jeder Tag hat ein Motto, hier der Garten.

Ehrenamtliche Kräfte der Kirchengemeinde Schönwalde helfen Angehörigen von Demenzpatienten: Ihnen wird drei Stunden in der Woche eine Auszeit ermöglicht

shz.de von
19. Juni 2014, 15:13 Uhr

In Deutschland gibt es geschätzte 1,5 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Fachleute rechnen in den nächsten Jahrzehnten mit einer Zunahme auf zwei Millionen. In den meisten Fällen kümmern sich nahe Angehörige um die Kranken in häuslicher Umgebung. Mit Zunahme der Symptome können Angehörigen an ihre seelischen und körperlichen Grenzen gelangen. Betreuerinnen des Alzheimer- und Demenz-Cafés der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schönwalde wollen in solchen Fällen gegensteuern und Hilfe leisten.

„Ich schreie meinen Partner an, obwohl ich es nicht will.“ Wenn es soweit gekommen ist, dann ist für den Angehörigen eines Demenzkranken die Grenze seiner Möglichkeiten erreicht, und in den meisten Fällen hilft nur noch eine Reha für den Pflegenden. Davon berichtete Synan Al-Hashimy kürzlich auf Einladung des Demenz-Cafés.

Leider gebe es derzeit noch kaum Einrichtungen wie das Alzheimer-Therapiezentrum Ratzeburg, dessen Chefarzt Al-Hashimy ist.

Nur langsam setze sich bei den Krankenkassen das Bewusstsein durch, dass dann für Pflegende eine stationären Behandlung notwendig sei, aber auch eine Betreuung der Demenzkranken. Er habe großen Respekt davor, wie Partner häufig „Kraft in die Pflege eines Menschen stecken, den sie lieben und der immer weniger wird.“ Oft gingen darüber auch die sozialen Kontakte des Pflegenden verloren, was im schlimmsten Fall auch in Selbstmordgedanken ende.

Damit es gar nicht erst zu einer Überbeanspruchung komme, bietet das Demenz-Café im Gemeindehaus (Jahnweg 2) wöchentlich eine dreistündige Betreuungszeit für Demenzkranke. Dadurch soll den Angehörigen jeden Dienstag von 14 bis 17 Uhr die Möglichkeit für eine Auszeit gegeben werden. „Drei Stunden reichen für einen Besuch bei der guten Freundin, einen entspannenden Saunagang oder den lange aufgeschobenen Friseurbesuch“, beschreibt Uta Kohlmorgen die Idee dahinter. Die Gewissheit, den geliebten Angehörigen in guten und erfahrenen Händen zurückzulassen, sei viel wert und gebe Kraft für die nächste Woche, weiß die Leiterin des Cafés.

Die Zunahme der Demenzkranken sei nicht zu unterschätzen. Zwar sei derzeit noch ein Drittel zwischen 80 und 90 Jahren. Aber schon jetzt seien fünf Prozent zwischen 65 und 69 Jahren, so Al-Hashimy. Für die Gesellschaft sei es daher erstrebenswert, eine möglichst lange häusliche Pflege zu ermöglichen, wenn man nicht wieder zu Pflegeheimen mit Mehrbettzimmern zurückkommen wolle.

Anders als es der Name vermuten lässt, geht es im Demenz-Café nicht nur ums Kaffeetrinken. Alle der derzeit sieben Betreuerinnen haben eine Ausbildung zur Gesellschafterin für Menschen mit Demenzerkrankung absolviert und so die zwingend notwendigen Kenntnisse für den Umgang mit entsprechend erkrankten Menschen erworben. In den drei Stunden geht es neben der Betreuung der Erkrankten auch um die Förderung noch vorhandener Ressourcen. Jedes der Treffen steht unter einem Motto, mit dem die alten Menschen viele Erinnerungen verbinden.

Thema sind zum Beispiel die Jahreszeiten und ihre Feste. Man spricht über den Sommer oder Hochzeiten. Gestartet wird im Stuhlkreis. Hier stehen Gedächtnistraining und Sitztänze auf dem Programm, und es wird vorgelesen, bevor es dann zum gemütlichen Teil des Nachmittages übergeht.

An der liebevoll gedeckten Kaffeetafel steht das gute und vertraute Gefühl im Vordergrund. Es wird geplauscht und gelacht, ganz so wie am Sonntag im Kreise der Familie. Mit den mitunter eigentümlichen Reaktionen der Demenzkranken wissen die Frauen dank ihrer Ausbildung umzugehen. Zum Abschluss wird es dann lebhaft. Mit Kegeln oder anderen kleinen Spielen zur Förderung der Motorik kommen alle noch einmal ins Schwitzen und viele tiefsitzende Erinnerungen werden ans Tageslicht gefördert.

Auch wenn es vordergründig um die Betreuung der Kranken geht, richtet sich das Angebot klar an die pflegenden Angehörigen. Sie sollen, auch durch viele Informationen rund um die Themen Alzheimer und Demenz, in ihrer kräftezehrenden Arbeit rund um die Pflege und Betreuung ihres Partner oder Elternteils bestmöglich unterstützt werden. Kontakt zum Alzheimer- und Demenz-Café stellt das Kirchenbüro (Tel. 04528/9250 oder E-Mail an info@kirche-schoenwalde.de) her.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen