„Datenmenge außerordentlich groß“

Der in einem Obdachlosenheim wohnende Angeklagte musste von zwei Justiz-Angestellten zur Verhandlung geführt werden.
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Der in einem Obdachlosenheim wohnende Angeklagte musste von zwei Justiz-Angestellten zur Verhandlung geführt werden.

Mehr als 228 000 kinderpornografische Bilder auf dem Rechner: Bewährungsstrafe für 57-Jährigen / Therapie als Auflage

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24. Juli 2015, 14:41 Uhr

Wegen des Besitzes umfangreicher kinderpornografischer Fotos und Videos hat das Amtsgericht in Plön gestern einen 57-Jährigen aus einem Dorf unweit der Kreisstadt zu einer Bewährungsstrafe mit Auflagen verurteilt.

Das Gericht befand den voll geständigen Angeklagten für schuldig, mehr als 228  000 Fotos und fast 4000 Videos auf seiner Computerfestplatte gespeichert zu haben. Die Dateien sollen erkennbar Mädchen unter 14 Jahren zeigen, welche laut Staatsanwaltschaft nackt posierten sowie an sich und anderen Personen sexuelle Handlungen vorgenommen haben.

Zwei Justiz-Wachleute bringen den bärtigen 57-Jährigen, der seine Weste über den Kopf gezogen hat, in den Saal C des Plöner Amtsgerichts – zu einem ersten Verhandlungstermin war der Angeklagte nicht erschienen. Deshalb wurde er nun vorgeführt. Ohne Beistand durch einen Anwalt nimmt er auf der Bank der Anklage Platz. „Der Vorwurf ist richtig“, gesteht der Angeklagte gleich zu Beginn der Verhandlung. „Ich habe auch schon gegenüber der Polizei alles eingeräumt und auch die Wege benannt, wie man an diese Dateien kommt“, sagt er Angeklagte zurückhaltend mit leiser Stimme.

Aufgeflogen ist der Fall offenbar im Januar 2013, als eine Festplatte im nahen Wald seines Wohnhauses mit dem brisanten Inhalt gefunden wurde und ihm zugeordnet werden konnte. Die Dateien stammen nach Angaben des Angeklagten aus einem japanischen Netzwerk und wurden – einmal angeklickt – mehr oder weniger automatisch auf seinen Rechner geladen.

In der Bewertung der Sache offenbart sich dann erst das ganze Ausmaß dises Falles. Der Tod der Lebensgefährtin und seiner Tochter 2009 haben den heute 57-Jährigen offenbar aus der Bahn geworfen. Heute lebt der frühere IT-Fachmann in einem Obdachlosenheim in Lübeck, ist mittellos, hat kein Konto, keinen Ausweis und auch keinen Lebensmut mehr. „Ich will nicht mehr, seit ich keine Familie mehr habe ist mir alles egal“, sagt er zu seiner Situation. „Sie müssen aus diesem Teufelskreis ausbrechen“, mahnt ihn der Richter.

Und weil der Angeklagte selbst keine Anstalten macht, sich aus diesem „Teufelskreis“ zu befreien, macht ihm der Richter dies in seinem Urteil zur Pflicht. Wegen des bewiesenen und eingeräumten Besitzes kinderpornographischer Dateien verurteilt er ihn zu zwei Monaten Haft auf Bewährung über zwei Jahre. Ein Bewährungshelfer soll ihn in dieser Zeit begleiten, seinen Anweisungen sei zu folgen. Binnen eines Monats muss er sich bei der Packhaus-Beratungsstelle in Lübeck melden, sollte man dort die Notwendigkeit einer Therapie sehen, habe er diese anzutreten. Zusätzlich muss der Angeklagte 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Eine Geldauflage sei in Anbetracht der desolaten Situation des Angeklagten ohne Geld, ohne Bleibe, ohne Arbeit, ohne Ausweis und ohne Hoffnung aus Sicht des Richters wohl nicht zu vertreten.

Es führe kein Weg daran vorbei, dass die Datenmenge der Fotos und Videos „außerordentlich groß“ und eindeutig gewesen sei. Ein kritisches Auseinandersetzen mit der Tat und den Neigungen sei bei dem Angeklagten nicht erkennbar gewesen, kritisierte der Richter. „Sie müssen sich mit der Tat beschäftigen, eine Geldstrafe ist da nicht hilfreich. Sie brauchen Hilfe in ihrer Situation.“ Noch im Saal nahm der Angeklagte das Urteil an, das damit rechtskräftig ist. Ob er sein „Leben am Existenzminimum“, wie er es selbst schilderte, in den Griff bekommt, bleibt abzuwarten. „Ich habe mich damit abgefunden“, sagte er Angeklagte eher resignierend.




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