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Eutiner Bürgermeister im Interview : „Das Wohl der Stadt muss im Fokus stehen“

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Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Blick zurück und einer nach vorn: Bürgermeister Klaus-Dieter Schulz spricht im Interview über seine 14-jährige Amtszeit und die Vorfreude auf die eigene Zeiteinteilung

shz.de von
erstellt am 08.Jan.2016 | 17:52 Uhr

Morgen steht ihr letzter Neujahrsempfang bevor. Vieles machen sie zum letzten Mal als Bürgermeister. Wie wehmütig sind Sie nach so langer Zeit im Amt, oder zählen Sie schon die Wochen?

Ich zähle die Monate - und ich habe mit dem Rest des Monats Januar noch weitere sechs Monate vor mir. Ich bin hin- und hergerissen. Ich habe es ja gerne machen wollen und es ja auch 14 Jahre machen dürfen, dabei viele tolle Ereignisse erlebt. Die positiven Aspekte überwiegen. Auf der anderen Seite gibt es die Nörgeleien und Beschwerden. Und je älter man wird auch im Amt, desto dünner wird die Haut, und dann sagt man sich: Es ist gut so, wie es kommt. Die Belastung mit 14 bis 15 Stunden am Tag hält man nicht ewig durch. Irgendwann ist ein Alter erreicht, in dem man die Leistung, die man bringen will, nicht mehr erreichen kann. Und dann geht man.

Warum wollten Sie damals in Eutin Bürgermeister werden?

Ich komme aus der Verwaltung, habe 1967 bei der Stadt Lübeck angefangen zu lernen, war dort Sportamtsleiter und habe in Stockelsdorf – meinem damaligen Wohnort – im Werksausschuss und der Gemeindevertretung als Mitglied mitgewirkt. Die kommunalpolitische Gesinnung war einfach da. Ich habe begriffen, dass Gesellschaft mitwirken muss, um gewisse Dinge zu erreichen. In ein Bürgermeisteramt zu streben, war mein Ziel. Das können die beiden Bewerber jetzt bestimmt nachvollziehen, sie haben ähnliche Laufbahnen hinter sich.

Was wollen Sie unbedingt noch in ihrer Amtszeit erledigen?

Die LGS-Eröffnung. Das ist ein Großprojekt, das eine enorme Bedeutung für die Stadt und die Region hat.

Warum haben Sie die LGS nach Eutin geholt?

Es war eine Diskussion, die wir gemeinsam geführt und entschieden haben. Wir hatten das Stadtentwicklungskonzept gerade in der Mache und es passte einfach. Schlossterrassen und Stadtbucht allein sind ja schon Millionengräber. Wir wären anders ja nie in die Lage versetzt worden, so viel so zeitnah umsetzen zu können. Letztlich wurde es in der Stadtvertretung mit großer Mehrheit beschlossen. Unterm Strich ist glaubhaft vermittelt worden, dass diese Stadt nach der LGS besser aufgestellt ist, weil wir es schaffen, dass 90 Prozent der Dinge, die wir gebaut haben, auch nach der LGS der Bevölkerung zur Verfügung stehen – und darüber freue ich mich riesig. Ich bin überzeugt davon, dass der Weg der richtige ist.

Hatten Sie je Zweifel, ob das Projekt nicht doch eine Nummer zu groß ist?

Wir haben ja mal rund um den Großen Eutiner See geplant, da war ich schon der Meinung, dass das dann eine Nummer zu groß ist. Im Nachhinein bin ich auch froh, dass die Fasaneninsel rausgenommen wurde. Klar, es wäre toll gewesen, wenn wir das mit Städtebauförderungsmitteln hätten erwerben können, aber da ist die rechtliche Lage einfach zu unübersichtlich. Und der zweite Punkt war beim gerichtlich verfügten Baustopp in der Stadtbucht. Da habe ich schon gedacht: Das kann jetzt aber eng werden.

Eng wird es ja auch beispielsweise bei der Treppe, die bis LGS-Eröffnung als schönes Entree fertig werden sollte und es nun nicht werden wird.

Ja, aber die wichtigen Teile werden fertig. Wir machen eine Landesgartenschau, die findet in der Fläche statt. Wir zeigen, dass wir auch Landesgartenschaustadt sind und viel in der Innenstadt im Rahmen der Stadtsanierung machen. Wenn Sie in anderen Städten am Bahnhof ankommen und sehen, wie es dort aussieht, dann liegen wir mit der Gestaltung des Bahnhofes weit vorne. Dass wir das überhaupt noch angefasst haben, neben der Gartenschau, ist gut. Wir haben uns sehr viel zusätzliche Arbeit aufgebürdet. Aber uns lag es auch am Herzen, den Bürgern zu zeigen, dass wir sie ernst nehmen. In den Beteiligungsverfahren wurde deutlich, dass sie das Bahnhofsumfeld als unsichere und unschöne Gegend empfanden. Das wollten wir ändern.

Und bei der Treppe...

...da kann man unterschiedlicher Meinung sein: Der Eingang wird schon jetzt eine andere optische Lenkung haben. Wenn man bedenkt, wie wir in die Diskussion gestartete sind: Eigentlich sollte Geld gespart werden, deshalb wurde das obere Stück der Bahnhofstraße aus der Sanierung rausgenommen. Und heraus kam eine sieben Meter breite Treppe. Es steht mir nicht zu, diese Entscheidung zu kritisieren, aber das zeigt auch, dass sich Mehrheiten durchsetzen. Wenn sie nicht fertig wird, wird man da gestalterisch etwas sehr schick hinbekommen, da bin ich mir sicher.

Was sind neben der LGS und Stadtsanierung die dringendsten Aufgaben?

Wir müssen die Erweiterung Wilhelm-Wisser-Schule auf jeden Fall ermöglichen. Im Januar sitzen wir zusammen und versuchen, ein Planungsbüro zu finden. Auch beim Neubau der Feuerwehr müssen wir konkreter werden; das Vergabeverfahren für die Planungsleistung für ein neues Feuerwehrgerätehaus werde ich noch ausschreiben können.

Ein anderes großes Thema waren und sind die Flüchtlinge.

Ja, das Thema begleitet uns das ganze Jahr und Unterbringung wird ein Thema bleiben. Es scheint sich ja insgesamt etwas zu beruhigen. Aber wie sich die geschlossenen Grenzen in Dänemark und Schweden auswirken werden, wissen wir noch nicht. Wir haben 170 Flüchtlinge untergebracht – und knapp 180 Flüchtlinge müssen wir noch unterbringen, um die Quote für 2015 zu erfüllen. Was 2016 noch kommt, weiß keiner. Putlos ist derzeit nicht voll belegt und ich hoffe, dass man durch den direkten Kontakt den Druck der Kommunen etwas herausnehmen kann, in dem die Menschen dort – falls nötig – mal ein oder zwei Wochen länger bleiben, dafür dann aber vor Ort vernünftig untergebracht werden können. In der Woche vor Weihnachten hatten wir fast 20 Zwangszuweisungen; da hatten wir Glück, dass wir das Haus der ‚Wobau‘ in der Seestraße bekommen haben.

Unterbringung ist das eine. Was braucht es, damit Integration nicht nur ein Wort bleibt, sondern in Eutin auch gelingt?

Sprache ist ein ganz wichtiges Thema. Wenn ich ins Ausland fahre und die Sprache nicht spreche, weiß ich, wie einsam ich bin. Und wenn ich dann nicht mal Verkehrsschilder lesen kann, bin ich gleich noch einsamer. Unser großes Pfund vor Ort ist der ehrenamtliche Bereich. Die vielen Helfer haben uns von Anfang an unterstützt. Und Stadt und Politik haben ohne Probleme 1,5 hauptamtliche Stellen geschaffen, um die Arbeit der Ehrenamtler zu betreuen. Wir werden diese Stellen in diesem Jahr für die Betreuung der Flüchtlinge aufstocken können, da wir im Nachtragshaushalt 2015 bereits weitere 1,5 Stellen bewilligt bekommen haben.

Was waren Ihr schönstes Erlebnis, Ihre schwierigste Entscheidung und das peinlichste Ereignis als Rathauschef?

(lacht). Das Peinlichste war natürlich die Nummer mit den 32  000 Euro für Radiergummis. Damit herumgereicht zu werden, war hammerhart. Dann gab es auch noch auf der ersten Seite der Bild-Zeitung den Titel ‚Verlierer‘ des Tages. Dabei ging es um die Nachwuchswerbung für die Bundeswehr. Das schönste Erlebnis war unsere 750-Jahr-Feier, das haben wir wirklich gut gemacht. Und meine schwerste Entscheidung war die Bewerbung für die LGS.

Warum?

Ich kannte das ja nur aus Lübeck, dort habe ich die Windjammerparade ’89 organisieren müssen und hatte nur ein halbes Jahr Vorlauf im Amt. Da wusste ich schon, was allein bei so einer Veranstaltung auf einen zukommen kann. Und es war klar, dass die LGS mit ganz anderen Ansprüchen eine schwere Kiste werden würde. Aber viele gute Gespräche und Hintergrundinformationen aus Norderstedt und Schleswig haben uns bei der Einschätzung geholfen – und es ergab sich ein klareres Bild. Und nachdem die ersten Fachleute in Eutin waren, sich den Schloss- und Küchengarten angeschaut haben und so begeistert waren, weil das hier so einmalig ist, haben sie mich mit ihrer Begeisterung mitgenommen. Heute bin ich ein überzeugter Kämpfer für die Sache. Weil es großartig ist für Eutin und sich Dinge nachhaltig verändern. Beispiel Oldenburger Landstraße: Durch die Parkplätze ist die Erschließung des Bauhofareals eine ganz andere geworden, und plötzlich wird es zu Stadtgebiet und bringt ganz neue Möglichkeiten.

Wie sieht es aus mit den Planungen für die Jugendherberge?

Wir haben eine Begehung gemacht, haben den Bauhof gezeigt und die Vertreter der Jugendherberge sind begeistert. Aber es gibt noch eine EU-Beschwerde, und wenn das geklärt ist, ist das Thema nach vorne zu treiben.

Udo Jürgens singt: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“. Was beginnt bei Ihnen, wenn das Amt aufhört?

Ich glaube, ich selbst und meine freie Zeiteinteilung. Ich werde hier ja von Termin zu Termin gereicht. Die Eigeninitiative geht verloren, und man ist eigentlich immer im Dienst. Ich werde endlich die Möglichkeit haben, mit meinen Kindern und Enkeln spontan in Kontakt zu treten. Es gibt keine Verpflichtungen mehr, die das verhindern. Und ich weiß, wie wichtig Bewegung im Alter ist. Vielleicht finde ich eine Gruppe, die sich regelmäßig zum Sport trifft. Früher habe ich Tennis und Golf gespielt, mal schauen, was nach der Knie-OP noch möglich ist. Auf jeden Fall will ich Gewicht reduzieren und mich mehr um meine Gesundheit kümmern. Bewegung ist das A und O.

Welchen Rat wollen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger geben?

Ich war kein parteiischer Bürgermeister; Neutralität kann ich nur empfehlen. Ich hatte genügend Auseinandersetzungen in der Sache mit der eigenen Partei, aber es ist nie persönlich geworden, das ist wichtig. Es muss immer um die Sache gehen, denn nach oben wird die Luft in so einem Amt dünner. Man muss aufpassen, dass man nicht aus- oder benutzt wird. Und es ist wichtig, mit den Gremien und der Verwaltung an einem Strang zu ziehen, insbesondere die Eigenverantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stärken und auch den eigenen Kopf hinzuhalten, denn man trägt in diesem Amt die Gesamtverantwortung.

Interview: Constanze Emde

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