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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 23:02 Uhr

Das Problem der verlorenen Wurzeln

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Flüchtlingstherapeut sensibilisiert VHS-Dozenten im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen / Netzwerk in Ostholstein gegründet

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2016 | 15:49 Uhr

Zerstörung, Tod, Trennung von der eigenen Familie – fast alle Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, haben Schreckliches gesehen. Rund ein Viertel, so schätzt Eberhard Jänsch-Sauerland, sind traumatisiert, doch nur etwa zehn Prozent müssen auch behandelt werden. Der erfahrene Flüchtlingstherapeut aus Neustadt kam für die Dozenten der VHS-Deutschkurse nach Eutin, um sie im Umgang mit „ihren“ Schülern zu sensibilisieren.

„Das größte Problem aller Flüchtlinge ist die Entwurzelung und beschädigte Identität“, betonte Jänsch-Sauerland. „Wir werden in einer Individualgesellschaft groß, die Menschen, die zu uns kommen, stammen zum größten Teil aus einer Kollektivgesellschaft.“ Für die Identitätsentwicklung spiele das eine entscheidende Rolle. Ein Deutscher verstehe sich als Individuum, dem die eigene Familie viel bedeute. Die Flüchtlinge sagen, meine Familie, das bin ich. „Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie einen Schüler fragen und er Ihnen mit den Schmerzen eines Familienmitgliedes antwortet.“ Noch schwerer sei die Identität beschädigt, wenn die Flüchtlinge Zeugen von Misshandlungen und Tötungen geworden seien. Der Sohn beispielsweise, der den Tod des Vaters erlebt habe: „Da ist das ganze Weltbild zerstört.“

Das Verantwortungsgefühl für die Familienmitglieder im Heimatland sei groß. „Die Erwartung: ,Hier ist alles möglich und das schnelle Geld zu machen‘, damit sie ihrer Familie helfen und Fluchtschulden begleichen können, ist eine falsche. Auch das müssen viele erst einmal verdauen.“ Ihre Familien seien oft enttäuscht darüber, die Flüchtlinge fühlten sich hilflos, so, als hätten sie versagt. Das erzeuge einen enormen Druck auf die Menschen und hemme oft ihren Antrieb.

„Kinder, die mit ihren Familien herkommen, übernehmen meist eine große Verantwortung und lotsen die Eltern durch den Alltag, dolmetschen und organisieren für sie.“ Aber das überfordere sie langfristig. „Die Kinder sind oft sehr leistungsorientiert. Ihr Auftrag lautet: Du musst sehr gut sein.“ Aber in Kombination mit dem Druck führe das bei den Kindern oft zu gestörtem bis hin zu selbstverletzendem Verhalten, weiß der Experte. Der Respekt vor den Eltern gehe ebenso verloren und das System Familie, so wie sie es kennten, breche zusammen. Das sei ein großes Problem, sagte Jänsch-Sauerland.

Seine ersten Erfahrungen sammelte er Ende der 90er bei einem Hilfsprojekt in Skopie. Damals arbeitete er mit traumatisierten Kindern im Kosovo zusammen. Heute ist er als Spezialist beim Deutschen Kinderschutzbund, Ortsverband Heiligenhafen, angestellt, berät Teams, ist für Supervisionen von Betreuern da und therapiert.


Netzwerk mit 30 Fachleuten


„Traumatische Erfahrungen haben viele Menschen gemacht, aber nicht alle führen zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Nur etwa zehn Prozent bedürfen einer Behandlung. Aber das sind auch Tausende“, verdeutlicht Jänsch-Sauerland. Und die nötigen Fachleute, die das könnten, gebe es gar nicht. Um die Versorgung traumatisierter Flüchtlinge in Ostholstein zu verbessern, entschlossen sich Fachleute, darunter Jänsch-Sauerland, zusammen mit dem Paritätischen Landesverband zur Gründung eines Netzwerkes. „Rund 60 Fachleute waren zur Fortbildung zum Thema da, etwa 30 zur Gründung.“ Darunter sind nicht nur Therapeuten, sondern auch Sozialpädagogen und Betreuer. Ziel sei es, die vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen, die Menschen untereinander bekannt zu machen und eine Netzwerkbroschüre mit Therapeuten und geeigneten Dolmetschern zu erstellen.

„Ein unbehandeltes Trauma beeinflusst die Menschen ein Leben lang, und sie laufen Gefahr, ständig wieder in diese Angstzustände zu geraten“, sagte Jänsch-Sauerland. Eine Traumatisierung entstehe, wenn das Gehirn mit seinen Bewältigungsmechanismen überfordert sei, das Erlebte zu verarbeiten. Traumatisierte könnten ihre Sinneseindrücke zeitlich oft nicht mehr einordnen, weil die Kommunikation zwischen Amygdala und Großhirnrinde gestört sei. Das Problem: Trigger reichten, um sogenannte Flashbacks zu erzeugen, also an die Situation des traumatischen Ereignisses zurückerinnert zu werden. Jänsch-Sauerland: „Die sichtbaren Auswirkungen reichen von Umkippen, Krampfen bis hin zu panischen Blicken, unkonzentriert sein, schweißnass gebadet sein.“ Er berichtete von der Interview-Situation eines Flüchtlings beim Bundesamt für Migration. „Die Situation mit dem Mitarbeiter dort, seine Haltung, erinnerte ihn so an Verhörsituationen, die er erlebt hatte, dass er komplett dicht machte.“

Ein weiteres Beispiel: „Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Schüler mal unmotiviert oder müde wirken. Sie schlafen in der Regel schlecht oder gar nicht, weil sie oft Aufschrecken aus den Träumen oder gar nicht schlafen können, wegen ihrer Erlebnisse.“ Einige Dozenten konnten Müdigkeit und teilweise geistige Abwesenheit bestätigen.


Welcher Umgang mit Traumatisierten?


„Es ist wichtig für Ehrenamtler nicht im luftleeren Raum zu agieren, sondern sich einer Organisation oder einem Verband oder ähnlichem anzuschließen. Damit sie sich Hilfe holen können, wenn sie selbst in Not sind. Organisationen und Verbände kennen in solchen Fällen die richtigen Fachleute und Ansprechpartner.“ Es helfe auch, sich klar zu machen, dass die Ehrenamtlichen nicht alles Leid lindern könnten. Jänsch-Sauerland: „Wir können ihnen helfen, indem wir familienähnliche Strukturen bieten – aber klar abgegrenzt, um professionell unterrichten zu können und den nötigen Abstand zu haben.“

Für einige Ehrenamtler kam der Tipp des Experten zu spät. Sie wollen helfen mit ganzem Herzen, haben aber auch gemerkt, wie schmerzlich es sein kann, wenn der Abschiebungsbescheid eines neuen Freundes per Post kommt.


Mehr Infos www.paritaet-sh.de

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