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Ostholsteiner Anzeiger

16. August 2017 | 17:17 Uhr

Das himmlische Lächeln

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Lucas Cranach der Ältere hat Martin Luther in allen Lebenslagen abgebildet – um der Reformation Vorschub zu leisten und fürs Geschäft

Ein Mann nagelt 95 Thesen an die Tür einer Kirche – und verändert damit alles. Wer war dieser Mann, warum hat er das getan und vor allem: Hat er uns heute noch etwas zu sagen? Bis sich dieser Tag zum 500. Mal jährt, beleuchten wir in einer wöchentlichen Serie das Thema aus verschiedensten Perspektiven. Entdecken Sie mit uns Martin Luther.

Luther als asketischer Augustinermönch, Luther mit Doktorhut, Luther als Junker Jörg, Luther und seine Ehefrau Katharina von Bora, Luther und Melanchton, Luther als gütiger Reformator, Luther als honoriger Professor und zum Schluss Luther auf dem Totenbett – Lucas Cranach dem Älteren, einer der bedeutendsten Maler und Grafiker der Renaissance, ist es zu verdanken, dass wir wissen, wie Martin Luther aussah. In Freundschaft waren beide einander verbunden; Luther stand Pate bei Cranachs Tochter Anna, Cranach war Trauzeuge bei der Luther-Hochzeit und Pate des ersten Sohnes Johannes. Doch es ging um mehr als Freundschaft: Es ging um Propaganda für die Reformation. Und es ging ums Geschäft des findigen Unternehmers.

Heitere Ruhe liegt auf dem Gesicht des toten Martin Luther. Dieser Mann ist augenscheinlich voller Zuversicht vor seinen Herrgott getreten. Mochten die katholischen Gegner den Reformator zur Hölle gewünscht haben – wer so friedvoll sein Leben beendet hat, ist wohl im Himmelsreich empfangen worden. Das ist die Botschaft, die mit den Bildnissen des toten Martin Luther in die Welt geschickt wird.

Vorlage ist ziemlich sicher eine noch am Sterbebett angefertigte Skizze eines gewissen Lukas Furtenagel, berühmt werden spätere Arbeiten Cranachs bzw. seiner Werkstatt: Es ist das Ausrufezeichen, das der Maler hinter Luther und die Reformation setzt. Ein erstes Porträt Luthers, einen Kupferstich, fertigt Cranach 1520; es ist das Jahr, in dem Luther den endgültigen Bruch mit der Papstkirche vollzieht. Cranach, 1472 im Fränkischen geboren, ist da Ende 40 und das, was man einen gemachten Mann nennt: Ratsherr in Wittenberg, wohin ihn Kurfürst Friedrich der Weise als Hofmaler berufen hatte, verheiratet mit Barbara, geborene Brengebier, einer Bürgermeisterstochter aus Gotha, Vater der Söhne Hans und Lucas (der Jüngere) sowie der Töchter Ursula, Barbara und Anna, der jüngsten. Außerdem arbeitet er für Kaiser Maximilian I., für Albrecht von Brandenburg, Albrechts Bruder Joachim I. Nestor und dessen Sohn Joachim II. von Brandenburg. Gerade ist er im Begriff, sich in Wittenberg eine Apotheke zu kaufen, bald ist er auch als Buch- und Papierhändler sowie Verleger, der sich unter anderem um Luthers „Septembertestament“ kümmert und auch damit gutes Geld damit verdient.

Als Maler betreibt er eine große Werkstatt, die über zwei Generationen bestehen wird. Die Söhne Hans und Lucas der Jüngere arbeiten hier und bis zu zwölf Angestellte, die hochwertige Kunst in Serie produzieren. Da gibt es Gesellen, die für das Anmischen der Farben zuständig sind, andere fassen in Öl, was der Meister skizziert hat. In wenigen Jahrzehnten verlassen Tausende Bilder die Wittenberger Cranach-Werkstatt und beileibe nicht nur solche mit reformatorischem Hintergrund. Cranach ist kein freier Künstler im modernen Sinn. Er ist Auftragsmaler, der beispielsweise 1522/23 für die Stiftskirche des Luther-Gegners Erzbischofs Albrecht von Brandenburg 142 Altartafeln abliefert.

Zugleich betreibt er – unter dem Schild seines Luther-freundlichen Fürsten – gezielt pro-reformatorische Politik. Eigentlich wäre Luther schon deshalb nicht bildwürdig, weil er nicht adelig ist. Am Ende seines Lebens wird er einer der am häufigsten porträtierten Männer seiner Zeit sein. Und es ist Cranach, der das Exklusivrecht auf Luther-Porträts hat, das Gesicht des Reformators und seine Lehre unter das Volk bringt.

Bald nach dem Bildnis des Augustinermönchs folgt das vom Junker Jörg auf der Wartburg. Nachdenklich und fest zugleich geht dessen Blick in eine alternative Welt des Glaubens. Es folgen Doppelporträts mit der Ehefrau, auch die ein politisches Statement: Ex-Mönch heiratet Ex-Klosterfrau, es geht gegen den Zölibat. Doppelbildnisse mit Melanchton sollen später die Lehre als solche fundamentieren, Bilder eines in heiterer Gelassenheit alternden Reformators dokumentieren den Weg durch ein erfülltes, augenscheinlich gottgefälliges Wirken.

Unter einem guten Stern stehen die Geschäfte Cranachs des Älteren allemal. Er ist lange Jahre Mitglied des Wittenberger Rates, mehrmals Bürgermeister, einer der wohlhabendsten Einwohner der Stadt. Er stirbt 81-jährig reichlich sieben Jahre nach Martin Luther am 16. Oktober 1553 – nun hier Hofmaler – in Weimar. Sohn Lucas der Jüngere führt die Werkstatt weiter.

Unter seiner Ägide entsteht mit dem berühmten Flügelaltar in der heutigen Herderkirche ein Hauptwerk reformatorischer Bildkunst. Und er hinterlässt ein Porträt seines Vaters: ein selbstbewusst dreinblickender Herr, der es zu etwas gebracht hat im Leben.

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erstellt am 20.Dez.2016 | 18:48 Uhr

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