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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 13:47 Uhr

eutin : Das gleiche Schicksal geteilt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Fünf Zeitzeugen berichten in der Kreisbibliothek Eutin von Krieg und Vertreibung

von
erstellt am 13.Feb.2015 | 06:00 Uhr

Der Wunsch, nicht zu vergessen und aus dem Erlebten zu lernen. Eine „Kultur der Erinnerung“ zu schaffen. Für den ehemaligen Eutiner Gemeindepastor Lutz Tamchina war dies der Grund, zusammen mit dem Friedenskreis Eutin, Amnesty International Eutin/Plön und dem Arbeitskreis 27. Januar am Mittwochabend unter der Überschrift „Zeitzeugen unter uns – Flucht und Verfolgung 1945 und heute“ in die Kreisbibliothek Eutin einzuladen.

Fünf Schicksale – auf den ersten Blick scheinen sie grundverschieden, bei näherer Betrachtung wird deutlich, was alle Flüchtlinge teilen. Ob es der junge Auszubildende ist, der vor zwei Jahren vor einer terroristischen Gruppe aus Afghanistan floh, oder die Lehrerin aus Hinterpommern, die als Kind in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen musste.

Ob es der Gemeindepastor selbst ist, der als Säugling durch einen amerikanischen Colonel vor dem sicheren Tod bewahrt wurde oder ein Kriegsfreiwilliger, der mit 16 Jahren die letzten Stellungen Hitlers verteidigte. Oder ob es der 24-jährige Hashi Bashir Askar aus Dodau ist, der vor vielen Jahren seine Familie und seine Heimat Somalia verlassen musste.

Nachdem im Jahre 1991 die Regierung in Somalia zusammenbrach, übernahmen zunächst Warlords, später die islamistische militante Harakat al-Shabaab die Macht. Chaos brach aus, 2007 marschierte Äthiopien in das Nachbarland ein, al-Shabaab rekrutierte junge Männer für den Krieg. Hashi war gerade einmal 14 Jahre alt, als er in einem Trainingslager lernte, auf andere Menschen zu schießen. „Sie sagten, wir sollten für unser Volk und Vaterland sterben. Diejenigen, die sich verweigerten, wurden erschossen“, berichtete der junge Mann. Er floh vor der Miliz, weil er nicht töten wollte, er floh vor dem Staat, der ihn für einen Islamisten hielten. Seine mehrjährige Odyssee begann in Äthiopien, sie führte ihn über den Sudan über Libyen, Malta und Frankreich nach Deutschland. Er musste Freunde zurücklassen, die in der libyschen Wüste verdursten, sah eine Mutter, die aus Verzweiflung aus dem Schlauchboot Richtung Malta ins Meer sprang, erlebte staatliche Willkür in einem Gefängnis nahe Tripolis. Es gab Momente, da wollte er nicht mehr leben. Und doch hat er es geschafft. Heute lebt er bei einer deutschen Familie in Dodau und macht seinen Realschulabschluss.

So verschieden die Generationen und ihre Herkunft, so teilen sie doch grundlegende Erfahrungen: Vertreibung und Entwurzelung, Todesangst und enttäuschte Hoffnungen, Diskriminierung und das Gefühl, fremd zu sein.

„Unsere Erinnerungen und die daraus folgenden guten Absichten dürfen nicht verloren gehen“, betonte Tamchina. Ablehnung und Hass sind auch heute noch auf der ganzen Welt gegenwärtig. Sie könnten nur durch Gemeinschaft und Versöhnung überwunden werden.


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