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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 13:46 Uhr

Das erste Weihnachtsfest in Eutin

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Geschenke, Essen, die Weihnachtsgeschichte und traditionelle Lieder: Zwei Eutiner Gemeinden feierten mit Flüchtlingen ein typisches Fest

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 16:40 Uhr

Eibrötchen liegen neben Couscous, Rotkohlsalat steht neben syrischem Gebäck. Schilder mit Tieren zeigen an, welche Art von Fleisch enthalten ist. Zum Buffet für die Weihnachtsfeier mit den Flüchtlingen – organisiert von der Freien evangelischen Gemeinde (FEG) und der Leuchtfeuer-Gemeinde – hat jeder etwas mitgebracht, Ehrenamtler und Gäste. „Es ist wichtig, dass sie das Gefühl haben, etwas beitragen zu können“, weiß Janina Jodat von der FEG.

Wo sonst immer mittwochs Sprachunterricht vor allem für die Flüchtlinge im Lindenbruchredder stattfindet, ist es jetzt weihnachtlich geschmückt. Im großen Saal steht ein Tannenbaum, davor eine Wiege mit einer Puppe, symbolisch für Jesus, und ein Berg voller Geschenke wartet auf die Kinder. Es ist bunt und laut, das Treiben in den Gemeinderäumen fast direkt gegenüber dem Lindenbruchredder. Jeder Gast, jede Familie wird persönlich begrüßt. Es ist herzlich und echt. „Wir freuen uns, dass nach und nach einzelne Männer ihre Familien nun auch mitbringen und die Frauen und Kinder ebenfalls zum regelmäßigen Treffen und Austausch am Mittwoch kommen“, sagt Jodat.

Das Bemühen der Freien evangelischen Gemeinde begann vor etwa eineinhalb Jahren. Pastor Tim Jodat: „Wir haben Kontakt zu den Menschen im Lindenbruchredder gesucht, als erstes zu den deutschen Bewohnern, geschaut, wie wir ihnen helfen können.“ Später seien mehr und mehr Flüchtlinge dazu gekommen und die Ehrenamtler der Gemeinde hätten gemerkt, dass die Bedürfnisse beider Gruppen stark auseinander gingen. „Den Flüchtlingen war die Sprache schnell am wichtigsten und so haben wir geschaut, wie wir ihnen mit Sprachunterricht helfen können.“ Seine Frau Janina organisiert den Unterricht und die Kinderbetreuung in Form von Spiel und Lernen. Die Frauen lernen direkt neben dem Spielzimmer, in dem die Kinder während des Unterrichts ebenfalls lernen oder einfach nur Kind sind. „Um die Rechte der Frauen zu schützen, unterrichten ausschließlich Frauen die zurzeit meistens sieben Flüchtlingsfrauen“, sagt Janina Jodat. Durch die evangelische Allianz, der in Eutin und Malente die Freikirchen angehören, gab es den direkten Draht zur Leuchtfeuer-Gemeinde, die sich ebenfalls in der Flüchtlingsarbeit engagieren wollte. „Wir haben uns entschieden, das gemeinsam als Gemeinden tragen zu wollen“, sagt Elgin Lohse von der Leuchtfeuer-Gemeinde. Die somit wachsende Zahl an Ehrenamtlern – derzeit sind es etwa 20 – steht der stetig steigenden Zahl an Flüchtlingen gegenüber, die regelmäßig zum Unterricht kommen. „Es sind im Schnitt um die 40 Personen, der Großteil von ihnen sind Männer, deren Frauen noch nicht in Deutschland sind. „Aber es sind auch etwa sieben Familien dabei und fast 20 Teenies“, sagt Lohse. Sie selbst unterrichtet eine Gruppe von Männern. „Das klappt gut, weil sie akzeptieren, dass die Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft anders funktionieren als in ihrem Kulturkreis“, so Lohse. Den Jugendlichen gehe es in erster Linie ums Kicken oder Tischtennisspielen. „Die haben tagsüber in der Schule Deutschunterricht und kommen gern hier her, um ihre Freunde zu treffen“, sagt Janina Jodat.

Es ist geheimnisvoll. Ein paar Kinder eilen in das Spielzimmer. Viele sitzen schon mit leuchtenden Augen um einen Geschenkeberg. Nach dem Würfelprinzip werden die Präsente reihum verteilt und dabei werden gleich spielerisch die Zahlen geübt. Wer ein Geschenk ergattert hat, verlässt den Kreis und schaut den anderen zu.

Mag die Neugier noch so groß sein, keiner reißt das Papier auf. Erst als alle etwas haben, luschern ein paar unter das weihnachtliche Papier. Viele freuen sich aber auch einfach nur, etwas bekommen zu haben und es stolz ihren Eltern zeigen zu können.

„Wir wollen anfangen“, sagen die Ehrenamtler an den einzelnen Tischen. Die Tür des großen Saales geht auf und der geschmückte Tannenbaum beeindruckt. „Wir wollen heute mit euch eine typisch deutsche Weihnachtsfeier verleben. Euch vom Brauch eines Tannenbaums und eines Adventskranzes erzählen und mit euch singen“, sagt Jodat.

Einer der erfahrenen „Flüchtlingsschüler“ übersetzt. Es gibt handgemachte Musik zu „Ihr Kinderlein kommet“ – jeder, der kann, singt mit. Einzelne Augenpaare der Flüchtlingsfamilien fangen an zu glitzern. Sie applaudieren. „Fantastic“-Rufe. Noch mehr Applaus.

Viele Syrer kennen das Weihnachtsfest, weil in ihrem Heimatland Christen leben. Eine Ehrenamtlerin liest die Weihnachtsgeschichte vor – wieder mit Übersetzung – und mit Bildern aus dem Pixie-Buch. Es gehe hier niemanden um Missionierung. „Wir wollen einfach nur eine schöne Zeit mit den Menschen haben und ihnen etwas von unserer Kultur zeigen“, sagt Jodat. Zu helfen ist ein religionsunabhängiges Bedürfnis.

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