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Geschichte in Kiel : Damit Gaarden nicht vergessen wird

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Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Chronist Walter Ehlert begann mit der Geschichte seines Geburtshauses in der Iltisstraße – mittlerweile forscht er über den ganzen Stadtteil.

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erstellt am 27.Dez.2013 | 00:34 Uhr

Kiel | „Es ist wichtig, dass jemand diese Dinge aufschreibt. Sonst sind sie irgendwann vergessen“, so beschreibt der Kieler Hobby-Heimatforscher Walter Ehlert seine Intention, die Geschichte des Hauses Iltisstraße 49 und dessen Umfeld festzuhalten. Mit Eintritt in den Ruhestand vor vier Jahren begann Ehlert zunächst mit der Familienforschung. Aber, um die Zusammenhänge zu begreifen, immer „in Verbindung mit der Stadtgeschichte und der Geschichte der Werften“. Und natürlich der Geschichte seines Geburtshauses in der Iltisstraße und – mittlerweile – des gesamten Umfelds. „Man kommt dabei vom Hundertsten uns Tausendste“, so der heute 65-Jährige.

1913 zogen seine Großeltern Franz und Friederike Vahl aus Stralsund mit ihren vier Kindern – neben Ehlerts Mutter und einer weiteren Tochter, der Mutter des Schauspielers Edgar Bessen, waren es die Söhne Henry und Bruno, die später als Schauspieler am Hamburger Ohnsorg- beziehungsweise Ernst-Deutsch-Theater bekannt wurden - in das 1908 erbaute Haus ein. 1948 wurde dann Walter Ehlert in diesem Haus, in dem sich die Gaststätte „Iltishalle“ befand, geboren. „Es war keine leichte Zeit, die meisten Männer, auch mein Vater, arbeiteten auf der Werft und waren arm“, so der gelernte Großhandelskaufmann, der zunächst auf der Schleuse, später bis zum Ruhestand im Pressegrosso arbeitete. „Im Winter“, so Ehlert weiter, „wurde die Wohnung umgeräumt. Die Wohnzimmermöbel kamen in ein kleines Zimmer, das dann geheizt wurde, geschlafen wurde dann im eigentlichen Wohnzimmer, das wir dann immer „Sibirien“ nannten. Das sparte Kohlen“. Trotz vieler Entbehrungen war es, zumindest für die Kinder, eine sorglose Kindheit.

Gespielt wurde auf einer großen Freifläche zwischen dem Iltisbunker und dem heutigen Kulturzentrum „Räucherei“, wo seinerzeit tatsächlich noch Fische geräuchert wurden. Auf Rollschuhen und – geliehenem – Fahrrad ging es die Gazellestraße runter oder es wurde dort Völkerball gespielt. „Es gab gerade mal zwei Autos in der Straße“, so Ehlert. Und das Leben brummte in Gaarden: In der Iltishalle trafen sich die Vereine und am Sonntag, zum Frühschoppen, war die Gaststätte brechend voll. An jeder Ecke gab es Geschäfte. Allein im näheren Umfeld des Hauses in der Iltisstraße ein Kolonialwarenladen, einen Schlachter, einen Bäcker, ein Fischgeschäft, einen Friseur, einen Milchmann und sogar ein Radiogeschäft. Aber eigene Erinnerungen reichen dem Chronisten nicht. Durch Gespräche mit letzten Zeitzeugen und auch deren Nachkommen geht Walter Ehlert in der Zeit weiter zurück, sodass etwa 100 Jahre Gaardener Geschichte zusammenkommen. Und nachdem die Geschichte des Hauses Iltisstraße 49 eigentlich komplett ist, inklusive des Blindgängers, der das Haus im Krieg traf und auf dem Herd der Gaststätte zum Liegen kam, ist nun das Umfeld dran.

Derzeit arbeitet Ehlert, der seit Langem schon auf dem Westufer der Förde wohnt, an den Historien einzelner Gaardener Geschäfte. Da ist die Bäckerei Raeth, wo man für einen Groschen Kuchenabfall kaufen konnte oder die Drogerie von Kurt Maurmann, die von SA-Schergen in der Pogromnacht 1938 „versehentlich“ leergeräumt wurde. Auch über den Schlachter Karl Möbitz, das Textilgeschäft von Jürgen Hoffmeister oder das Milchgeschäft Franz Horstmann berichtet Ehlert. Ebenso über den Friseur Diesenberg, der 1964 einen Strafbefehl über 80 Mark bekam, weil er „Ritex-Gold-Extra“, ein Mittel zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten, öffentlich anbot. „Es geht mir um die Menschen. Menschen, die mit viel Fleiß ihre Geschäfte führten, die gleichzeitig auch der Kommunikation dienten“, betont Ehlert. Gespickt ist das Ganze mit zahlreichen Anekdoten, illustriert mit alten Fotos und Dokumenten.

Die heutige Entwicklung des Stadtteils sieht Ehlert mit Gelassenheit: „Gaarden ist besser als sein Ruf. Veränderungen gibt es überall, das ist der Lauf der Welt“. Ob die Chronik auch veröffentlicht wird, steht in den Sternen. „Vielleicht ergibt sich das irgendwann. Zunächst schreibe ich es auf, damit die Geschichte Gaardens nicht in Vergessenheit gerät“, bekräftigt Ehlert, der sich auch vorstellen könnte, einen Roman zu schreiben, in den seine Erinnerungen und die zusammengetragenen Fakten einfließen. Erst einmal wird aber weiter intensiv gesammelt und geschrieben. Und natürlich mehr oder weniger regelmäßig die „Iltishalle“ besucht. Dass die seit nunmehr über 30 Jahren „Bambule“ heißt und von dem aus dem syrischen Palästina stammenden Wirt Adnan Alsahli betrieben wird, stört Ehlert ebenso wenig wie die Tatsache, dass in den ehemaligen Geschäften nun Dönerläden oder türkische Gemüse- und Lebensmittelhändler ansässig sind. So ist er eben, der Lauf der Welt.

Fotos und Informationen zur Iltisstraße und dem Umfeld sucht Walter Ehlert weiterhin. Kontaktieren kann man ihn unter Telefon 0431 / 53 13 76 oder per E-Mail unter walter.ehlert@kielnet.net.
 

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