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Ostholsteiner Anzeiger

19. September 2017 | 19:18 Uhr

„Da machen zwei ganz viel kaputt“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Vorstand will Arbeit niederlegen: Eltern streiten sich um den Trägerwechsel beim Eutiner Bauernhofkindergarten

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 03:02 Uhr

Kühe streicheln, Hühner füttern und Pferde striegeln – in nur einem Kindergarten in Eutin können rund 20 Stadtkinder Landleben kennenlernen. Doch die Bauernhofidylle ist getrübt, seitdem der Vorstand des Bauernhofkindergartens Regenbogen im Dosenredder bekannt gegeben hat, dass die ehrenamtliche Arbeit und Verantwortung als Elternteil nicht mehr zu leisten ist.

„Ich bin mittlerweile seit neun Jahren dabei und mit jedem Jahr steigen die Anforderungen. Unsere Kompetenzen reichen für die professionelle Führung eines solchen verantwortungsvollen Betriebes einfach nicht mehr aus“, sagt die Vorsitzende Nicole Frohberg vom gleichnamigen Bauernhof, auf dessen Grundstück die Kita seit zwei Jahren zu Hause ist. Neben Frohberg ist Stephanie Jahn als Elternteil im Vorstand: „Neben den gestiegenen Anforderungen ist es das unschöne Gefühl in der Zwickmühle zu stecken. Einerseits gibt man sein Kind zur Betreuung ab, aber andererseits ist man Arbeitgeber und Chef der Erzieher.“

Auf der Elternversammlung Anfang April zeigten die 17 anwesenden Elternteile mehrheitlich Verständnis für die Situation des Vorstandes, stimmten mit 15 zu zwei Stimmen für den Trägerwechsel. Alles schien geklärt, Eltern und Vorstand wollten gemeinsam Gespräche mit möglichen Trägern führen und sich anschließend erneut per Abstimmung für einen Favoriten aussprechen, über den letztlich im zuständig Schulausschuss der Stadt entschieden werden muss.

Doch aus Sicht von Bente Lohn und ihrer Mitstreiterin Beatrix Männl-Grobe lief das Ganze „unrund“; sie schrieben Briefe an den Vorstand und die Kita-Pinnwand – und veranstalteten am Mittwoch eine Demonstration vor der Kita. „Den Mitarbeitern wurde bei der Abstimmung Redeverbot erteilt und sie haben Angst, dass sich mit einem neuen Träger das ganze Konzept ändert. Andere Träger haben ja auch eigene Leitungen und Personal“, sagt Lohn. Das Redeverbot weist der Vorstand zurück. „Wir haben trotz anders lautender juristischer Beratung von Anfang an mit offenen Karten gespielt und schon Ende Sommer 2015 mit den Mitarbeitern gesprochen, dass wir eine so umfangreiche Vorstandsarbeit nicht mehr leisten können“, sagt Jahn. Dass die Mitarbeiter selbst bei der Entscheidung für einen Trägerwechsel nicht stimmberechtigt waren, begründe sich in der Satzung des Vereins, da es sich um eine arbeitsrechtliche und sie betreffende Entscheidung handelte.

Ziel des aktuellen Vorstandes sei es, das Bauernhofkonzept zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Das haben wir in einem gemeinsamen Schreiben neben der Übernahme der bestehenden Mitarbeiter als wichtige Anforderungen an die potenziellen Träger gemeinsam mit den Erzieherinnen und Elternvertretern so formuliert“, erklärt Jahn.

Nicole Frohberg, deren Vision es einst war, den Kindern von kleinauf das Leben auf dem Land zu zeigen, Verantwortung für Tiere übernehmen zu lassen und so nachhaltig etwas fürs Erwachsenenleben zu lernen, schüttelt den Kopf beim Blick auf die Banner der beiden demonstrierenden Mütter. „Wir hätten es uns auch ganz einfach machen können und einfach hinwerfen. Aber wie würde es dann mit dem Kindergarten weiter gehen. Wir wollen den Erhalt der Einrichtung und das Beste für die Zukunft. Da machen zwei gerade ganz viel kaputt, von der Vision, die wir haben.“ Der Vorwurf der beiden Mütter, Frohberg wolle sich bereichern, macht sie fassungslos: „Wir haben nichts davon, das Projekt hat für uns einen ideelen Nutzen von dem einzig die Kinder, die das Landleben erleben können, etwas haben. Ich möchte die Einrichtung als solche vorantreiben, weil ich immer noch davon überzeugt bin, dass das Konzept ein gutes ist.“

Und was sagen andere Eltern dazu? Einige schütteln den Kopf und fragen beim Lesen der Plakate: „Was wollt ihr damit eigentlich erreichen?“ Ihnen antworten die Frauen: „Wir wollen mehr Zeit für einen Trägerwechsel oder einen neuen Vorstand.“ Sie wären sogar selbst bereit, zwei Ämter zu übernehmen. Der Vorstand besteht aber aus vier Posten und an Mitstreitern mangelt es. Elternvertretung Katja Rollmann betont: „Wir stehen hinter dem Vorstand, und ich würde die umfangreiche Arbeit auch nicht machen wollen. In einem so kleinen Kindergarten sollte man eigentlich zusammen arbeiten und nicht gegeneinander. Schließlich wollen wir doch, dass es für unsere Kinder gut weiter geht. Eine demokratische Entscheidung sollte eigentlich jeder verstehen.“

Die beiden Demonstrantinnen hingegen kämpfen vorerst für die Mitarbeiter, die zugeben, Angst um ihren Job zu haben. Sollte sich kein neuer Vorstand finden, so die Frauen, wären sie auch„für einen geordneten und fairen Trägerwechsel“. Nicht ganz fair scheinen ihre Plakate mit der Aufschrift „Stadt droht mit Kündigung des Kindergartens“. Fachdienstleiter Klemens Nitsche bezeichnete dies als „völligen Quatsch“ und „Stimmungsmache“. Nitsche: „Wir kündigen keine Kindergartenplätze, es wird nur ein neuer Träger gesucht.“

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