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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 02:57 Uhr

Collage statt Cross-Over

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Eutiner Festspiele wagen eine neue Interpretation historischen Stoffes – und bleiben zu brav

von
erstellt am 13.Aug.2017 | 12:51 Uhr

Wer hätte das gedacht? Der Teufel ist eine Frau. Eine sehr attraktive dazu. Und der Bösewicht namens Kaspar ist ein am Schicksal und an enttäuschter Liebe gebrochener Gesell, der keinesfalls gnur ewissenlos, sondern vielmehr durch die Eifersucht getrieben ist.

Einen Perspektivwechsel für den „Freischütz“, den Klassiker der Eutiner Opernfestspiele, bot das Stück „Wolfsschlucht“, das Sonnabend auf der Freilichtbühne uraufgeführt wurde. Gut 700 Menschen verfolgten den Versuch der Festspiele, sich an eine Bearbeitung der romantischen Oper zu wagen. Leo Siberski, Dirigent der Eutiner Festspiele, hatte ein Stück geschaffen, in dem Klassik, Elektronik-Musik und Musical-Pop vereint wurden. Der Abend endete mit einem herzlichen Applaus, der vor allem der Leistung der Solisten und des Orchesters galt. Die Stimmung in Hinsicht auf das Stück war indes zwiegespalten.

Unter Cross-Over, dem Untertitel des Projektes „Wolfsschlucht“, verstehen die meisten Menschen eine Verschmelzung verschiedener Musikrichtungen. Das erfüllt das Stück nicht. Leo Siberski hatte im Vorfeld bereits zu recht den Begriff Collage verwendet. Etwa zwei Drittel des Abends waren klassische Elemente, Originalstücke aus dem Freischütz, vom Jägerchor bis zum Brautlied. Die Wolfsschluchtszene war aus der Freischütz-Inszenierung des vergangenen Jahres übernommen worden, Rauch- und Feuerelemente eingeschlossen.

Weitere Stücke der Collage waren elektronisch erzeugte Klänge, die – ähnlich wie gute Filmmusik – durchaus Stimmungen sehr gut verstärkten. Und es erklangen drei sehr unterschiedliche Lieder des Hamburger Komponisten Peer Baierlein. Ein im Original nicht vorhandenes Duett von Agathe und Max hätte gut in ein Musical gepasst, erzeugte aber keine Gänsehaut. Das finale Stück hingegen, sehr modern, sehr dynamisch, teilweise atonal, mit Sprechgesang und addierten Gesangsmelodien, war aber sehr grandios.

Bei jedem Urteil über diesen Abend darf nicht vergessen werden, dass für die Proben extrem wenig Zeit blieb. Das machte sich beim Zusammenwirken von Chor und Orchester oder auch beim Agieren der Solisten bemerkbar. Hinzu kam, dass die Bühne nass und schlüpfrig war. Der Regen hatte zwar fast auf die Minute genau zum geplanten Aufführungsbeginn gestoppt, aber trocken wurden die Bühnenbretter nicht mehr. Ein weiterer störender Umstand: Aus Richtung Seepark drang am fortschreitenden Abend laute, störende Partymusik mit wummernden Bässen zur Bühne.

Um so größer ist angesichts dieser Rahmenbedingungen die Leistung der Solisten. Das Publikum feierte vollkommen zu recht die Agathe-Darstellerin Katja Bördner, deren Sangeskunst mit einem kräftigen, klaren und trotzdem sehr weichen Sopran gesegnet ist; an ihrer Seite Tobias Haaks als Jägerbursche Max mit einem gefühlvollen Tenor.

In den weiteren Rollen gab es ebenfalls keine schwachen Partien: Milana Butaeva gab einen sehr präsenten Teufel, Manos Kia einen Kaspar, der auch einiges an Text zu lernen hatte, weil er am Anfang seine – von Siberski „erfundene“ – Vorgeschichte erzählte. Yannick Spanier kam als Eremiten mehr Aufmerksamkeit zu, als der Komponist dieser Rolle gegönnt hatte, und Tobias Peschanel besetzte sowohl als Erbförster Kuno wie auch als Fürst Ottokar zwei Charaktere tadellos.

Diese künstlerische Leistung überdeckt indes nicht, dass – wie sich den Gesprächen entnehmen ließ – die Erwartungen vieler Zuschauer nicht erfüllt wurden. Enttäuscht war, wer einen gründlicheren Bruch mit der Tradition und wer mehr Cross-Over erwartet hatte. Enttäuscht waren aber auch treue Anhänger der klassischen Opernform über moderne Elemente, die sie unpassend fanden.

Trotz alledem: Den Festspielen ist dringend geraten, diesen Weg weiter und noch mutiger zu gehen. Denn sonst werden die jungen Zuschauer ausbleiben, denen klassische Opern einfach nichts sagen. Und Publikum, dessen Hörgewohnheiten noch weit vom 21. Jahrhundert entfernt sind, wird naturgemäß immer kleiner.

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