Bunte Vielfalt in Fernost

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02. März 2017, 12:34 Uhr

Sie tragen meist kurze Namen, wie Yi, Bai, Hui, Lisu oder auch Miao – sind aber für China und erst recht für Yunnan von unglaublicher Bedeutsamkeit: die Minderheiten. In dem chinesischen Pass (den der Chinese beim Verschicken von Post ebenso wie beim erstellen von Passfotos braucht) ist immer verzeichnet, zu welcher der 56 Nationalitäten (beide Übersetzungen begegnen einem) man gehört, auch wenn man selbst nahezu keinen Bezug zu „seiner“ Nationalität hat.

Dabei stellen die Han den größten Anteil mit über 92 Prozent. Deren Traditionen werden auch gerne als „typisch chinesisch“ bezeichnet. Dazu zählen der Drachentanz, viele traditionelle Gewänder, die man im Westen kennt und auch die verbreitete Form der Teezeremonie. Der Begriff „Nationalität“ trifft auch deshalb sehr gut zu, weil jede einzelne eine eigene Sprache und häufig auch Religion und manche auch eine eigene Schrift haben.

In Yunnan sind diese Verhältnisse umgekehrt: Hier leben 36 verschiedene Minderheiten, das ist die größte Dichte in ganz China und fast jedes County ist in irgendeiner Form autonom einer Minderheit zuzuordnen. Und wieder ist Pu’er die große Ausnahme. Die Stadt lässt sich eher als Schmelztiegel vieler Minderheiten bezeichnen, an der Universität hat fast jede der Lokalminderheiten einen Zusammenschluss und so gibt es fast jedes Wochenende Darbietungen einer der vielen Gruppierungen und auch in der Stadt sind die Minderheiten nach dem Tee am prägendsten.

Wenn man anfängt, durch Yunnan zu reisen, stellt man erst fest, wie vielfältig diese Provinz ist: Im Süden ist eine ganze Präfektur autonom den Dai unterstellt: Xishuangbanna (gespr.: Chischuangbanna), wenn man dann gen Osten fährt begegnet man den Lahu und danach den Wa, welche wohl den Vorstellungen aus „Indiana Jones“-Filmen am nächsten kommt: Noch heute kann man deren heilige Stätte bewundern, wo hunderte Wasserbüffelschädel hängen, die von den Wa-Angehörigen nahezu vergöttert werden. Bevor diese „zivilisiert“ wurden, haben sie auch regelmäßig ihre Nachbarn, also die Dai oder Lahu überfallen – wenn man hingegen versuchte, die Wa anzugreifen, endete man meistens als aufgespießter Kopf am Dorfeingang, welche übrigens auf den Berggipfeln lagen, wohingegen die Dai im Tal fleißig ihre Arbeit verrichteten.

Auch die Tänze der Wa sind nicht mit den braven Rundkreistänzen der Dai zu vergleichen: Hier tanzen die Frauen aufreizend und schwingen ihre Haare im Takt der Musik, man kann es also auch als Frühform des „Headbanging“ bezeichnen. Die chinesische Regierung hat natürlich etwas gegen diese Kleinkriegerei unternommen, die so noch vor 80 Jahren durchaus Praxis in den Bergen von Yunnan war. Dann kamen jedoch viele Han-Chinesen in die Dörfer und fingen an, die Minderheiten zu „erziehen“: Schulen wurden gebaut, später kam Infrastruktur, Strom und damit der Anschluss an den Rest des zentralistischen Riesenreiches.

Dieses Schicksal erfuhren auch die weiter im Norden lebenden Naxi (gespr.: Nachi), die von Lijiang aus über ein verhältnismäßig großes Reich in der Prähanzeit herrschten. Noch heute ist die Altstadt von Lijiang stummer Zeuge aus längst vergangener Zeit.

Die Naxi gelten als besonders fortschrittlich, weil sie ein Schriftsystem (entfernt mit den altägyptischen Hyroglyphen ähnlich) besaßen, mit denen sie hauptsächlich religiöse Schriften niedergeschrieben haben. Wie die Dai sind auch die Naxi buddhistisch, aber vollkommen anders ausgerichtet. Außerdem ist diese Minderheit matriarchalisch geprägt, auch in der Sprache: Ist das Wort für „Stein“ – maskulin, handelt es sich um einen Kiesel – feminin, so geht
es um einen Felsbrocken. Noch extremer verhält sich dies bei den Mosuo, die in der Nähe am Luguo-See leben: Hier sucht sich die Frau die Gefährten aus und wechselt nach Belieben, Kinder werden dann von den Großmüttern aufgezogen.

Wenn man dann noch weiter nach Norden stößt, rückt die tibetische Grenze in greifbare Nähe, damit befinden man sich schon im Einzugsbereich der Zang – der Tibeter. Auch diese sind buddhistisch, aber wenn man einen Tempel in Xishuangbanna mit der großen Tempelanlage Sumden Gamtseling im hohen Norden Yunnans vergleicht, dann fallen einem äußerlich kaum

Gemeinsamkeiten auf. Auch ansonsten haben die Zang einen komplett anderen Lebensstil, als die kriegerischeren Naxi: Sie leben auf über 3000 Metern Höhe, zu Füßen mächtiger Berge. So liegt hier der höchste Berg Yunnans mit über 6700 Metern, der äußerst heilig ist. Und sie waren auch von der Außenwelt abgeschnitten. Die Zang haben sich bis heute sehr viel bewahrt: So sieht man immer noch überall Schreine mit vielen Gebetsfahnen. Spannend ist eine Tradition der Zang: Sie legen beim Besteigen eines Berges Steine auf bereits entstandene Steinhaufen, wie es auch in Süddeutschland oder Tschechien üblich ist. Jedoch ist auch dieses hier ein religiöses Symbol.

Die Minderheiten sind zweifelsohne einer der größten Schätze Yunnans, aber zugleich auch die wohl größte Bürde: Denn Anhänger einer Minderheit sind in der Schule deutlich schlechter, die Minderheitenschulen sind weit unter dem Durchschnitt.

Außerdem wird überall versucht, Profit aus den Minderheiten zu schlagen, so wird die Minderheitenmusik ausgeschlachtet und vermarktet, Dörfer werden in Touristenzentren verwandelt und neue Pseudo-Minderheitendörfer gebaut. Aber noch lassen sich Ecken finden, in denen die Minderheiten ihre Lieder (jede Einzelne hat mehr oder minder eine Art „Hymne“) voller Stolz und ohne Kommerz spielen können.

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