zur Navigation springen

Eutiner Amtsgericht : Brutaler Angriff auf Spaziergänger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bewährungsstrafe: 22-Jähriger streitet Tat ab. Das Gericht hat aber keine Zweifel an seiner Schuld.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2015 | 12:49 Uhr

Schläge und Tritte aus dem Nichts – und niemand half. Der 29. Juni 2014 veränderte das Leben von Jutta und Klaus M..* Der Grund: Martin W. (22) hat nach Überzeugung des Gerichts unvermittelt und ohne erkennbaren Grund auf „brutalste Weise“ auf den 62-Jährigen mit einem gefährlichen Gegenstand mehrfach eingeschlagen. Dafür wurde er gestern am Eutiner Amtsgericht zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Das Ehepaar wollte an jenem Sommerabend gerade vom Spaziergang nach Hause gehen. Es war kurz nach 22 Uhr, als ihnen auf der Lübecker Straße zwei junge Männer entgegen kamen. Das Paar wich zur Seite aus. Klaus M.: „Kurz bevor wir uns begegneten, sah ich, dass einer von ihnen ein Halstuch über die Nase gezogen hatte. Ich erkannte nur noch die Augen und blieb an ihnen hängen.“ Als er mit seiner Frau gerade an den beiden 22-Jährigen vorbeigehen wollte, versetzte einer der Täter Klaus M. einen Schlag auf den Kopf, direkt an die Schläfe. „Ich hob aus Instinkt sofort meinen Arm schützend hoch. Den trafen dann weitere Schläge. Das Blut lief mir vom Ohr übers Gesicht.“ Klaus M. taumelte, verlor das Gleichgewicht und ging zu Boden. Auf der Straße liegend versuchte er sich mit seinen Füßen immer in Richtung des Täters zu schützen. „Ich habe meiner Frau zugerufen, dass sie weglaufen soll“, sagt Klaus M. Doch sie konnte nicht. Erst als der Täter von ihrem Mann abließ, um sie zu verfolgen, rannte sie. „Ich blieb stehen, als ich merkte, das keiner mehr direkt hinter mir ist“, erklärt sie. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass der Täter erneut auf ihren Mann einschlug. Jutta M.: „Ich hatte gehofft, dass durch meine lauten Hilferufe irgendjemand kommt, uns hört. Doch die Straßen waren menschenleer.“

Erst als ein Auto von der Freischützstraße in die Lübecker Straße Richtung Stadtzentrum abbog und plötzlich den Rückwärtsgang einlegte, rief der Mittäter dem anderen laut Klaus M. etwas zu und beide flohen Richtung Weidestraße. Die Eheleute waren froh, doch das Auto fuhr weiter. „Die haben nicht angehalten, um zu fragen, ob wir Hilfe brauchen“, sagt Jutta M. fassungslos. Die Tat geschah direkt gegenüber der Polizeistation. Klaus M. rappelte sich auf, ging mit seiner Frau zur Wache und beschrieb die Täter. Die wurden eine knappe Viertelstunde später am Bahnhof geschnappt.

Dreh- und Angelpunkt war ein Halstuch in Bundeswehr-Tarnfarben, dass sich einer der Männer übers Gesicht gezogen hatte und auch am Bahnhof noch trug. Doch auf den Bildern der Polizei taucht das Tuch nicht mehr auf. „Ich brauche das Tuch nicht als Beweis. Anhand der eindeutigen Zeugenaussagen bin ich sicher, dass Sie es waren und Ihr Freund uns heute hier angelogen hat“, sagte Richter Otto Witt gestern zum Angeklagten. Dieser zeigte während der gesamten Verhandlung keine Reue, keine Entschuldigung gegenüber den Eheleuten. Nur bei der Urteilsverkündung und den eindringlichen Worten des Vorsitzenden Richters nickte der Angeklagte. Witt: „Wenn Sie wissen, dass Sie unter Alkohol aggressiv werden, dann lassen Sie das Zeug weg.“ Auch vor der gestrigen Verhandlung hatte der Angeklagte getrunken, eine Sucht jedoch nicht eingeräumt. Zur Tatzeit hatte er mehr als zwei Promille im Blut.

Die Eheleute sind froh, „dass es nun vorbei ist“. Die körperlichen Schäden sind mittlerweile geheilt, die seelischen jedoch bleiben. Klaus M.: „Es hat wirklich unser Leben verändert. Wir gehen abends nicht mehr spazieren. Wenn uns jemand entgegenkommt, verkrampfen wir total.“ Auch die Frage nach dem Warum bleibt nach Prozessende. Klaus M.: „Ich hatte gar keine Möglichkeit, mich darauf einzustellen und zu wehren. Am meisten belastet mich, dass ich meiner Erwartung an mich, meine Frau zu beschützen, gar nicht gerecht werden konnte.“

* (alle Namen geändert)


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen