Hilfsorganisation : "Brotmobil" machte nachdenklich

Berichtete über seine Kindheit als Kinderarbeiter in einer Teppichfabrik: Der 21-jährige Inder Kalu Kumar (links), Vinay Singh unterstützte ihn dabei.
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Berichtete über seine Kindheit als Kinderarbeiter in einer Teppichfabrik: Der 21-jährige Inder Kalu Kumar (links), Vinay Singh unterstützte ihn dabei.

Hunger, Armut und Kinderarbeit im Gegensatz zum Credo "Es ist genug für alle da": Gestern war das "Brotmobil" der Hilfsorganisation "Brot für die Welt" in Eutin.

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08. Juli 2009, 11:44 Uhr

Eutin/ | Allein 198 Schüler und 166 Konfirmanden gewannen gestern anschauliche Eindrücke darüber, dass viele Menschen in anderen Teilen der Welt unter ganz anderen Bedingungen als sie selbst leben.

Vor dem orangefarbenen "Brotmobil" war ein reichhaltiger Tisch gedeckt, die umstehenden Stühle trugen Namen wie "Afghanistan", "Bangladesh" oder "Deutschland". Die Sitzhöhen waren jedoch sehr unterschiedlich - sie spiegelten Nahrung, Bildungsstand und Lebenserwartung in den entsprechenden Ländern wider. So konnte Florian, der auf dem "Deutschland"-Stuhl Platz genommen hatte, alles gut überblicken und die Leckereien auf dem Tisch gut erreichen; währenddessen saß sein Klassenkamerad Johannes neben ihm auf dem "Afghanistan"-Stuhl nur knapp über dem Fußboden.

Zum Nachdenken regte auch das Würfel-Puzzle an, bei dem einzelne Quader richtig zusammengesetzt ein Bild ergaben und dem Betrachter Probleme wie Wasserknappheit und Hunger verdeutlichten.

Besonders beeindruckt waren die Kinder wie der 10-jährige Kevin allerdings von den Erzählungen Kalu Kumars; der junge Inder berichtete im Gemeindesaal an der St. Michaelis-Kirche über seine Zeit als Kinderarbeiter in einer Teppichfabrik: "Das war schon traurig. Wir können wirklich froh sein, in Deutschland zu leben", sagte Kevin hinterher.

Als Sechsjähriger wurde der heute 21-jährige Kalu Kumar verschleppt, musste bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten, bei Fehlern wurde er geschlagen oder mit brennenden Zigaretten misshandelt. Nach fünf Jahren wurde er befreit, mit ihm 65 andere Kinder. Heute erzählt er seine Geschichte, um zu berichten und wachzurütteln.

"Die Kinder haben sehr interessiert reagiert, waren entsetzt, als sie seine Narben gesehen haben und haben Kalu viele Fragen gestellt", berichtete Pastor Lutz Tamchina, der die Organisation rund um das "Brotmobil" in Eutin in die Hand genommen hatte.

Vor 50 Jahren wurde die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" gegründet - der orangefarbene Bus tourt im Jubiläumsjahr durch ganz Deutschland. Die Organisation will Bildungsarbeit leisten und von der Arbeit von "Brot für die Welt" in über 1000 Ländern berichten.

"Im Jahr 1959 war der Grundsatz, den Ärmsten der Armen wirklich Brot, also Lebensmittel zu geben", erklärte Torsten Nolte von "Brot für die Welt Schleswig-Holstein". Heute sei das Leitbild hingegen "Hilfe zur Selbsthilfe" - die Entwicklungshelfer arbeiteten nicht für die Betroffenen, sondern mit ihnen: "Wir wollen die Menschen soweit unterstützen, dass sie von dem leben können, was sie erwirtschaften", so Nolte.

Dazu hatte auch die Bäckerei Klausberger etwas Besonderes im Angebot: Seit dem 6. Juli gibt es dort ein "Brot-für-die-Welt-Brot"; ein Viertel des Verkaufspreises dieses Roggenmischbrots werden gespendet. Auch mit skeptischen Reaktionen wie "das Geld kommt ja sowieso nicht an" sei sie konfrontiert worden, berichtete Verkäuferin Martina Schirrmann gestern. "Doch nach ein wenig Überzeugsarbeit haben viele das Brot gekauft."

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