Brennende Bücher als Sonnenwendfeuer

Der Eutiner Markt am 1. Mai 1933:  Bei der Bücherverbrennung könnte es ähnlich voll gewesen sein.
1 von 4
Der Eutiner Markt am 1. Mai 1933: Bei der Bücherverbrennung könnte es ähnlich voll gewesen sein.

Erinnerungen an eine dunkle Stunden in der Geschichte der Stadt Eutin: Am 24. Juni 1933 wurde eine Sonnenwendfeier mit einer Bücherverbrennung verbunden

von
18. Juni 2018, 15:22 Uhr

Wenn in diesem Jahr an die Bücherverbrennungen vor 85 Jahren erinnert wird, hat man die gruselig-schummerigen Bilder einer Filmsequenz vor Augen, bei der eine getragene Stimme aus dem Off die Worte spricht: „Ich übergebe dem reinigenden Feuer die Werke von….“ In Berlin fand am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz die berüchtigte Verbrennung „unerwünschter“ Bücher von politisch linken, pazifistischen und jüdischen Autoren wie Marx, Freud, Remarque, Ossietzky und Heine statt. Heinrich Heine hatte schon 100 Jahre vorher prophezeit, dass in einem Land, in dem Bücher verbrannt würden, als nächstes auch Menschen verbrannt würden.

Hat es so ein Ereignis eigentlich auch in Eutin gegeben? Ja, es hat! Am 24. Juni 1933.

Eutin ist nur eine Stadt von sehr vielen, in denen 1933 Schriften verbrannt werden, die den neuen, braunen Machthabern als missliebig gelten. Vom Frühjahr 1933 an lodern an über 70 Orten im Deutschen Reich Scheiterhaufen. Für das Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins sind mindestens sieben Verbrennungen belegt.

Im Zuge dieser Aktion sollen jene Einflüsse auf das Geistesleben getilgt werden, die aus Sicht der Nationalsozialisten als „undeutsch“ gelten. Zielscheibe der Aktion sind in erster Linie Schriften von Juden, Pazifisten, Demokraten und Sozialisten.

Ein kurzer Blick in die Frühzeit des Nationalsozialismus erklärt ein wenig, warum Eutin später als eine „Hochburg der Hitler-Bewegung“ und eine Art „Probebühne des Dritten Reiches“ genannt werden kann (Stokes). Die Stadtratswahlen im November 1930 ergeben für die NSDAP sieben Sitze, für die SPD fünf, die Konservativen drei. Kurz nach der Wahl freut sich ein Leserbriefschreiber darüber, dass nun doch mehrheitlich Arbeitervertreter im Stadtrat sitzen. Er verbindet mit dieser Tatsache anscheinend die Hoffnung auf rosige Zeiten.

Doch er irrt. Schon kurz nach der Konstituierung der neuen Stadtvertretung schaffen es die Nazis, durch Brutalität, Ignoranz und Willkür das Klima so zu vergiften, dass die Sozialdemokraten immer häufiger die Sitzungen verlassen. Die besonderen Ereignisse der späten Weimarer Republik, eine Saalschlacht von 1930 mit dem brutalen Verprügeln des SPD-Mannes Broschko, die ungeklärten Umstände des Todes des SS-Mannes Karl Radke 1931 und ein Bombenattentat auf den Konsumverein sorgen dafür, dass die Arbeitervertreter der SPD nicht mehr wahrnehmbar sind, schon lange bevor die Partei im Juni 1933 offiziell verboten wird.

Der Anzeiger vom 24. Juni 1933 kündigt das Ereignis an: Die Sommersonnenwende soll in diesem Jahr im Rahmen eines „Festes der Jugend“ gefeiert werden. Der Tag beginnt und endet am Marktplatz. Die Bevölkerung wird gebeten, ihre Häuser zu schmücken, zu flaggen und zu illuminieren, und vor allem möglichst zahlreich am Festplatz zu erscheinen.

Es wird kein Eintritt erhoben, allerdings können Sympathisanten für 20 Pfennig das Festabzeichen im Unterbannbüro in der Schloßstraße 9 erwerben. Die Eutiner Bevölkerung wird aufgefordert, „undeutsche Bücher“ am Morgen auf dem Marktplatz abzugeben.

Am 25. Juni teilt der Anzeiger mit, dass die Hitler-Jugend unter Beteiligung der Schule, der SA und des Kriegervereins eine Sonnenwendfeier veranstaltet. Die Einwohnerschaft wird nochmals um rege Beteiligung gebeten.

Der „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ gilt als bewaffneter Arm der demokratiefeindlichen Deutschen Volkspartei DNVP. Sie vertritt eine ambivalente Haltung gegenüber den Nationalsozialisten: Man möchte eine autoritäre Staatsführung, aber keine Diktatur Hitlers. Aus diesem Grund beteiligt man sich nicht an der Siegesparade zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Als Retourkutsche wird dem Stahlhelm eine Beteiligung an dem „Fest der Jugend“ durch den nationalsozialistischen, stellvertretenden Bürgermeister Kahl kurzerhand verboten.

Am 27. Juni erfolgt ein umfangreicher Veranstaltungsbericht im Anzeiger:

Am Vormittag wird der Ablauf sportlicher Wettkämpfe geschildert, diese werden auf den Höfen der umliegenden Schulen ausgerichtet. Die Eutiner haben die Stadt geschmückt, zahlreiche Flaggen und Transparente zieren die Häuser.

Gegen 8 Uhr am Abend,
das Wetter ist mittlerweile freundlich geworden, marschieren die Jugendbünde, die Hitler-Jugend, der BdM, die Schuljugend, die SA, die SS, die Kriegervereine, die Sportvereine und die Vertreter der Reit- und Fahrschule gemeinsam mit Musik durch die Lübecker Straße zum Volksfestplatz. Dieser lag bis in die Mitte der 1950-er Jahre im Bereich der heutigen Tischbeinstraße. Nach dem sogenannten „Kasernenberäumungsprogramm“ wurde dieses Gelände besiedelt.

Der Volksfestplatz ist ebenfalls festlich hergerichtet. Nach einigen Darbietungen leuchtet ein mit elektrischen Kerzen hergestelltes Hakenkreuz.

Anschließend wird der große Holzstoß, auf den auch ein Haufen gesammelter „jüdischer Schmutzliteratur“ aller Art geworfen worden ist, entzündet. Wahrscheinlich fallen auch die bescheidenen Bestände der Bibliothek des Gewerkschaftskartells der Stadt diesem Feuer zum Opfer.

Nach der martialischen Inszenierung von Scheiterhaufen und illuminierten Hakenkreuz hält Direktor Harders die Flammenrede. Wilhelm Harders gehört nicht zu der Sorte der plumpen NS-Funktionäre. Er ist als überzeugter Monarchist und Reserveleutnant bereits 1920 einer der Rädelsführer des Kapp-Putsches, ein von Berlin ausgehender Umsturzversuch mit dem Ziel, die junge Weimarer Republik abzuschaffen.

Die Wahrheit über seine Absichten und Taten der Märzgeschehnisse werden nie völlig aufgeklärt; auch eine Untersuchung des Oldenburgischen Ministeriums der Kirchen und Schulen 1923 verläuft ohne Ergebnis.

Er kehrt im Herbst 1920 in die Stadt zurück und darf gegen den energischen Protest der SPD im Schuldienst verbleiben. Als Direktor des Städtischen Oberlyzeums führt er die Schule unter betont nationalistischen Vorzeichen weitere 17 Jahre. Er legt allerdings den Kreisvorsitz der DNVP nieder. 1933 gehört der Antidemokrat aus Überzeugung NSDAP und SA an.

Und am 24. Juni 1933 auf dem „Fest der Jugend“ hält nun eben dieser Harders die Flammenrede bei der öffentlichen Verbrennung von „undeutschen Büchern“, wie der Anzeiger wörtlich wiedergibt. Harders spricht von einem „Tag der Freude und lohnenden Begeisterung“, an dem man sich um ein Feuer der Freude geschart habe, denn, so Harders wörtlich „die elenden Zeiten des Niedergangs sind vorbei, wo man nur darauf aus war, den Mythos von Göttern und Großen unseres Volkes herunterzuziehen.“ Unter den Göttern und Großen versteht er die alten Germanen, deren Tugendhaftigkeit er in langatmigen Ausführungen zu unterstreichen sucht.

Harders bringt seinen Zuhörern im Folgenden näher, dass schon die Germanen zur Sonnenwende rituelle Reinigungsfeuer entzündet hätten. Die vermeintlich reinigende Wirkung des Feuers der Bücherverbrennung sucht der demagogische Schulleiter seinen Zuhörern näher zu bringen, indem er den Zweck der rituellen Bücherverbrennung deutlich macht: „im inneren Gesundungsprozess alle Schlacken abzustoßen“.

In tiefster – fast schon religiöser – Verehrung erfleht er den Segen des Allmächtigen für den Führer Adolf Hitler, nicht ohne sich an Eltern und Schulen zu wenden und diese auf ihren Auftrag zur Erziehung zum Nationalsozialismus hin zu verpflichten. Er verklärt Hitler als „wahres Gottesgeschenk, für das das ganze Volk auf den Knien dankbar sein sollte, anstatt zu kritisieren.“ Am Ende fordert er seine Zuhörer zu „Sieg-Heil“-Rufen und zum Singen des Deutschlandliedes auf.

Dem Anzeiger nach hat sich auf dem Volksfestplatz neben dem Marschzug eine immer größere Zahl an Publikum zusammengefunden, so dass der Zug zurück in die Stadt „schier endlos“ ist. Der Rückmarsch zum Marktplatz führt mit Musik und Gesang durch die Lübecker Straße, Stolbergstraße, Schloßstraße, Voß-Platz, Plöner Straße, Auguststraße, Peterstraße bis zum Markt. Dort wird kurz vor Mitternacht „Aufstellung genommen“, aus den obersten Fenstern des Schloss-Hotels leuchtet ein Feuerwerk mit Donnerschlägen und Sternenregen. Damit endet das „Fest der Jugend“.

Auch wenn es von dieser Veranstaltung keine bekannten Abbildungen gibt, so erscheint es doch sehr wahrscheinlich, dass zahlreiche Eutinerinnen und Eutiner diese Veranstaltung begleitet haben.

Insgesamt treten etwa 700 Eutiner – zehn Prozent der Einwohnerschaft – vor 1933 der NSDAP bei. Zum Vergleich: Anfang 1933 gibt es in Lübeck nur 1170 Parteimitglieder bei 130 000 Bürgern, das waren 1,1 Prozent (Stokes). Viele von ihnen werden Jahre später für sich in Anspruch nehmen, von alledem nichts gewusst zu haben.



Quellen:

Anzeiger für das Fürstentum

Lübeck;

Dr. Carsten Mish „Bücherverbrennung – ein vergleichender Blick auf die Vorgänge in Kiel, Lübeck und Eutin“ - unveröffentlichtes Manuskript, 2013;

Lawrence D. Stokes „Meine kleine Stadt steht für tausend andere“, Struve, 2004;

Lawrence D. Stokes „Kleinstadt und Nationalsozialismus“, Wachholtz, 1984;

wikipedia https://de.wikipedia.org/ wiki/Im_Westen_nichts_Neues_ (1930) - abgefragt am 17.06.2018;

Schoeps, Tress (Hg.) „Orte der Bücherverbrennungen in Schleswig-Holstein 1933“, Olms Verlag 2013;

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen