Brauchtumspflege im Wandel

Stolz auf eine 350-jährige Tradition: Mitglieder der Eutiner Schützengilde präsentierten sich mit Abordnungen ihrer Gäste vor dem Eutiner Schloss.
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Stolz auf eine 350-jährige Tradition: Mitglieder der Eutiner Schützengilde präsentierten sich mit Abordnungen ihrer Gäste vor dem Eutiner Schloss.

Die Eutiner Schützengilde von 1688 feierte mit einem Festkommers in der historischen Reithalle ihr 350-jähriges Bestehen

shz.de von
09. Juni 2018, 13:51 Uhr

Es ist ein Zeitraum, den kein Mensch auch nur annähernd überblicken kann: 350 Jahre. Dieses Jubiläum feierte die „Eutiner Schützengilde von 1688“ am Sonnabend mit einem Festkommers in der historischen Reithalle. Eines beschäftigte den Wortführenden Vorsteher Heiko Godow dabei ganz besonders: „Welche Aufgabe erfüllt die Gilde, die niemals mehr als 100 Köpfe zählte und der heute 82 – ausschließlich männliche – Mitglieder angehören? Diese Frage habe ihm vor wenigen Tagen ein Schüler gestellt. Da sei seine Festrede eigentlich schon längst fertig gewesen, gab Godow zu.

Gut 150 Gäste waren zu der Veranstaltung gekommen. Allen voran begrüßte Godow den Hohen Protektor der Gilde, Christian Herzog von Oldenburg. Zu den Gästen zählten ebenfalls Eutins Bürgervorsteher Dieter Holst und Bürgermeister Carsten Behnk, Stadtvertreter von CDU, Grünen und FDP, Kreispräsident Ulrich Rüder und Landrat Reinhard Sager, die CDU-Abgeordneten von Land und Bund, Tim Brockmann und Ingo Gädechens, der Kommandeur der Rettberg-Kaserne, Tobias Aust, der Autor der Festschrift „Tradition verbindet“, Michael Kuhr, sowie Vertreter von Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen, der Volksbank Eutin und zehn befreundeter Gilden. Für musikalische Pausen sorgte die Schützen-Kapelle Sielas.

Die Gilde habe „es sich zur Aufgabe gestellt, altüberkommenes Brauchtum ihrer Vaterstadt zu pflegen“, zitierte Godow aus der Satzung, der sogenannten Gilderolle. Deshalb veranstalte sie jährlich das Bürgervogelschießen. Als hinreichende Antwort auf die eingangs gestellte Frage, ob die Gilde noch zeitgemäß sei, empfand Godow dies aber offenbar selbst nicht. Und so versuchte er sich an einer eigenen Antwort. „Die Gilde bildet eine Schutzgemeinschaft ihrer Mitglieder. Sie achten aufeinander.“ Und damit erfülle die Gilde auch an ihrem 350. Geburtstag genau den gleichen Auftrag, mit dem sie einst gestartet sei. Sie gebe „Schutz“.

Gewandelt hätten sich allerdings die Mittel, um den Auftrag zu erfüllen. Heute sei es nicht mehr nötig, die Stadt mit Waffen zu verteidigen – dafür gebe es staatliche Organe, wie Kommandeur Tobias Aust später ausführte. Die Gilde gebe aber seit 1953 den Sportschützen auf dem Vogelberg eine Heimat oder leiste einen Beitrag zum Umweltschutz durch die Verpachtung des Elfenmoores an den Verein Erna und die Kreisjägerschaft. Sie helfe, wo es möglich sei, etwa bei der Anschaffung eines Jugendfeuerwehrautos oder eines Kinderdefibrillators. „Wir geben unser Möglichstes“, betonte Godow.

Der Vorsteher zeigte sich überzeugt, dass die Gilde gerade wegen ihrer Rituale, wie etwa den Trommelschlägen bei jedem Schützenbruder als Ankündigung des Schützenfestes, auch im Zeitalter von Whatsapp, Twitter und E-Mail Zukunft habe – es sei dann alles so schön planbar und vorhersehbar. „Heute erreichen wir Menschen, die genau diese Rituale durchaus ansprechend finden“, erklärte Godow. In Zeiten der Unverbindlichkeit und „Spaß-Gesellschaft“ scheine ein festes Regelwerk vielen Menschen eine Hilfe zu sein. Er sei sich sicher, dass die klassischen Werte, die von der Gilde vermittelt würden, heute durchaus Wertschätzung fänden. „Und was nun seit 350 Jahren gehalten und funktioniert hat, kann ja so verkehrt nicht sein.“

Von einer Zukunft der Gilde gab sich auch Landrat Reinhard Sager überzeugt, der in launigen Worten versprach, der Kreis werde der Gilde auch in 350 Jahren wieder mit zwei Vertretern seine Aufwartung machen. Er lobte das bürgerschaftliche Engagement der Gilde: „Sie können stolz sein auf eine lebendige, in die Gesellschaft integrierte Gilde.“ Die Kombination von Tradition und heutigem Zeitgeist sei gelungen. Kameradschaft, Solidarität, Verantwortungsbewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl würden in besonderem Maße gefördert.

Sager hob außerdem den Einsatz der Gilde für die plattdeutsche Sprache hervor. Dies unterstrich der Plattdeutschbeauftragte der Gilde, Ehrenoffizier Jens Latendorf, mit einer Ansprache auf Platt. In der brachte er den Zuhörern nebenbei die Bedeutung des Wortes „Plüschmors“ bei, nämlich Hummel. Ebenfalls auf Platt hielt der Vorsitzende der Malenter Schützen, Manfred Scheef, seine Ansprache.

Bürgervorsteher Dieter Holst richtete die Wünsche der Stadt aus. Das Motto der Stadt „mit Tradition in die Zukunft“ gelte ebenfalls für die Gilde. Grüße überbrachte auch der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des historischen Bürgervogelschießens“, Rolf-Rüdiger Forst. Im Gegensatz zur Gilde sei der Förderverein gemeinnützig, verriet Godow über den Hintergrund der Gründung, die aber „völlig legal“ sei, wie er versichert.

Eine pragmatische Haltung hat die Gilde übrigens beim Thema Frauen gefunden. Diese könnten zwar nie Mitglied werden, betonte Godow. Die Schützenschwestern gehörten aber zur Gemeinschaft dazu. Und wer hätte gedacht, dass es schon mal eine Schützenkönigin gab? Im Jahre 1725 wurde Fürstin Albertine Frederike von Holstein-Gottorf diese Würde zuteil.

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