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Blickwechsel: Deutschland aus der Sicht eines Syrers

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 01.Jul.2017 | 19:55 Uhr

„Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Landwirt aus Oberbayern oder ein Elektriker aus Eutin und müssten fliehen, beispielsweise nach Tokio. Dort würden Sie weder die Sprache beherrschen, noch die Lebensgewohnheiten verstehen. Sie könnten nicht lesen und nicht schreiben. Das Essen erschiene Ihnen seltsam und mit dem Besteck könnten Sie nicht umgehen.“

Die Journalistin Kristin Helberg schuf am Freitag in der Kreisbibliothek durch solche Bilder eine verständnisvolle Atmosphäre für ihr Anliegen: Den Zuhörern klar zu machen, in welch schwieriger Situation viele geflohene Syrer sind. Dabei wurde offensichtlich, dass es jungen Leuten mit Fremdsprachenkenntnissen ungleich leichter fällt, sich zu orientieren, als älteren Menschen.

Landesgeschichte und Kultur, Hoffnung und Angst, Freundschaft, Ehre und Toleranz – all diese Themen beschäftigten die Zuhörer, unter ihnen auch drei Syrer. Eine große Sympathie und Anteilnahme für Syrien und seine Bevölkerung war zu spüren, als die Journalistin, die sieben Jahre als Korrespondentin für verschiedene Medien in Damaskus gelebt hat, ihr Buch „Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns“ vorstellte.

Mehr als 100 Zuhörern beschrieb sie Syrien als das „Königreich des Schweigens“: Unter Präsident Hafiz al-Assad (1971 bis 2000) seien Gegner verfolgt und zum Schweigen gebracht worden. „Die Mehrheit verhielt sich still, denn den Menschen ging es vergleichsweise gut.“

Die an den Sohn Baschar al-Assad, der 2000 Präsident wurde, geknüpften Hoffnungen nach Reformen und Demokratie hätten sich für die breite Bevölkerung nicht erfüllt. Aus ersten Protesten 2011 habe sich der syrische Bürgerkrieg entwickelt mit mittlerweile unterschiedlichsten Parteien: So kämpften moderate Moslems gegen Islamisten, Kurden gegen Araber, Rebellen gegen Assads Armee. Die komplizierte Gemengelage werde durch die Einflüsse von Russland, der USA und Europa nicht übersichtlicher. Besonders die Luftangriffe sind laut Helberg der Grund, warum Syrer aus ihrem Land fliehen.

Die meisten Syrer seien vor ihrer Flucht noch nie im Ausland gewesen. Wenn sie in Deutschland ankämen, hätten sie nicht nur ähnliche Probleme wie ein Eutiner in Tokio. Sie müssten auch lernen, dass Werbebotschaften und Fernsehsendungen nicht die Realität abbildeten und der Wohlstand der Menschen hart erarbeitet sei. Im Zusammenleben der Menschen gebe es große Unterschiede. In Syrien kümmerten sich alle Menschen um die ältere Generation, in Deutschland hauptsächlich um die Kinder. In Syrien spreche man bei jeder Gelegenheit mit Menschen, man plaudere gern und oft. Die Deutschen hätten meistens keine Zeit, was auf einen Syrer kalt und abweisend wirke. Während man in Damaskus den richtigen Bus und eine Fahrkarte durch ein Gespräch mit dem Fahrer bekomme, stehe man in Deutschland vor einem Fahrkartenautomaten.

Zur Publikumsfrage, warum von Syrern gemeinschaftlich genutzte Küchen schnell verschmutzt seien, erläuterte die Journalistin, dass in Syrien die Privatsphäre ein hohes Gut sei. Es gebe einen besonderen Raum für Gäste, den Rest der Wohnung beträten nur Familienmitglieder. Die Wohnung samt Küche werde peinlich sauber gehalten, gleichzeitig sei es aber nicht ungewöhnlich, wenn Abfall einfach aus dem Fenster geworden werde. Gemeinschaftseigentum und öffentlicher Raum erfahre keine Wertschätzung, das lasse sich an gemeinsam genutzen Küchen ablesen. Je mehr Privatsphäre geschaffen werde, desto eher würden die Küchen gepflegt, lautete der Rat der Expertin.

Zusätzlich könne die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hineinspielen, die Gesellschaft in Syrien sei patriarchalisch. Mädchen und Frauen würden, unabhängig von ihrer Religion, benachteiligt.

„Einwanderung sollte ein Teil unseres Selbstverständnisses sein“, erklärte die Autorin und forderte eine geordnete Zuwanderung und Asylgewährung. Andersartigkeit solle als Bereicherung gesehen werden, nicht aber als Bedrohung. Und Helberg nannte ein sehr prominentes Beispiel für eine Karriere mit Migrationshintergrund: Der Vater von Steve Jobs, dem Apple-Gründer, sei Syrer gewesen.

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