Bewährungsstrafe für diebische Altenpflegehelferin

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06. Mai 2015, 17:46 Uhr

Fast fünf Verhandlungsstunden lang knetete die 38-jährige Angeklagte ein durch Tränen immer feuchter werdendes Papiertaschentuch in ihren Händen. Schon die Standpauke des Richters für die mit fast einer Stunde Verspätung aus Neuss Angereiste rührte die Tränendrüsen.

Der junge Vertreter der Staatsanwaltschaft warf der teilweise Geständigen vor, einer damals 67-jährigen Dementen und ihrer heute 67-jährigen Mitbewohnerin aus Grebin mindestens zehn goldene Ringe, Ketten und Armbänder aus dem Badezimmerschrank gestohlen zu haben. Über ihren Verteidiger räumte die Angeklagte den Diebstahl von nur vier Schmuckstücken ein.

Es geschah am 18. März 2013 in Grebin. Die Angeklagte, die mit langem schwarzen Pferdezopf und in pinkfarbener Bluse vor Gericht erschien, kam als Altenpflegerin ins Haus der an Demenz erkrankten Grebinerin. Unter einem Vorwand ging sie ins Badezimmer und öffnete einen Schrank. Dabei wurde sie von der 47-jährigen Tochter überrascht, die dabei einem Verdacht nachgegangen war.

Es begannen intensive Stunden der Aufarbeitung. Die Ertappte habe darum gebeten, die Polizei nicht zu benachrichtigen, weil sie wegen Fahrens ohne Führerschein eine Bewährungsstrafe verbüße.

So hätten damals am Tattag alle Beteiligten nebst Inhaber des ambulanten Pflegedienstes nach Lösungen gesucht. Der Verteidiger formulierte die Vermutung, dass seine Mandantin dort unter Druck gesetzt worden sei und alles zugegeben habe, was ihr vorgeworfen worden sei. Dem allerdings widersprachen Zeugen vor Gericht übereinstimmend. Die Tochter der dementen Bestohlenen schilderte sehr dezidiert und fast minutiös die Vorgänge, die zur Überführung der Täterin in ihrem Elternhaus geführt hatten. Ihre eigenen „Ermittlungen“ im Beisein aller Beteiligten hätten ergeben, dass die Angeklagte damals zugab, deutlich mehr als vier Schmuckstücke gestohlen zu haben. „Die Angeklagte wollte uns einen anderen und wohl wertvollen Ring – angeblich von ihrer Mutter – als Rückzahlung schenken oder wir sollten uns aus einem Kaufhaus-Katalog entsprechende Stücke aussuchen, die sie bezahlen wollte“, sagte die als Fotografin arbeitende 47-jährige Tochter.

Es seien auch andere Möglichkeiten der Wiedergutmachung besprochen worden – von monatlichen Raten als Rückzahlung bis zur Rückholung der Schmuckstücke, die ein Juwelier in Stralsund gekauft habe. Am Ende sei nichts passiert – und die Polizei eingeschaltet worden.

„Ich bin kein Freund davon, jemandem das Leben kaputt zu machen“, sagte der ehemalige Chef der Angeklagten, die damals in Malente lebte. Der Diebstahl habe sich allerdings schnell unter seinen Mitarbeitern herumgesprochen. „Sie wollte mit dem Geld aus dem Verkauf des Diebesgutes ihrem an Krebs erkrankten Vater helfen“, sagte er weiter. Besser wäre es wohl gewesen, wenn sie ihr Motorrad verkauft oder einen Kredit aufgenommen hätte.

Die 38-jährige Angeklagte soll mit ihrem zwölfjährigen Sohn nach Neuss verzogen sein, arbeitet nach eigenen Angaben weiter als Altenpflegehelferin und muss monatlich mit knapp 2000 Euro auskommen. 13 Eintragungen mit Vorstrafen wies das Bundeszentralregister aus, darunter Diebstahl, mehrfaches Fahren ohne Fahrerlaubnis, ein Betrug in 27 Fällen und das Erschleichen von Leistungen.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft forderte acht Monate Haftstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Die Verteidigung stellte dem Gericht die Höhe der Strafe anheim. Das Gericht verhängte ein Jahr Freiheitsentzug, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Die Angeklagte bekommt einen Bewährungshelfer und muss an die bestohlenen Seniorinnen aus Grebin jeweils 750 Euro zahlen.

Die 38-Jährige nahm das Urteil an, verzichtete auf Rechtsmittel, stieg als Beifahrerin in einen vor dem Gerichtsgebäude parkenden Audi S8 und fuhr Richtung Malente davon.

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