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Ostholsteiner Anzeiger

12. Dezember 2017 | 00:08 Uhr

Betrüger nehmen Rentnerin aus

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Seniorin verliert nicht nur ein Vermögen, sondern muss sich auch noch wegen Geldwäsche vor Gericht verantworten

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2017 | 11:14 Uhr

Die Angeklagte ist eine kleine Frau. Sie ist 69 Jahre alt und eine ehrliche Haut. Als Amtsrichter Otto Witt sie in der gestrigen Verhandlung nach ihren Einkommensverhältnissen fragt, gibt sie gewissenhaft nicht nur ihre Rente in Höhe von 630 Euro an. Die Rentnerin, die seit 1983 in Deutschland lebt, sagt auch, dass sie monatlich noch 1000 bis 1200 Euro als Raumpflegerin hinzuverdient. Selbst die 200 Euro, die sie von ihrem getrennt lebenden Ehemann erhält, erwähnt sie. Das kann bedeutsam sein, weil sich die Höhe einer Geldstrafe auch nach den Einkommensverhältnissen bemisst.

Die Frau muss sich wegen eines Delikts verantworten, das in deutschen Amtsgerichten ziemlich selten verhandelt wird: Geldwäsche. Wer das Wort hört, denkt an Verbrecherbanden und dunkle Machenschaften, nicht an eine kleine Frau aus Pansdorf, die zwei Kinder großgezogen hat und ihre schmale Rente als Putzfrau aufbessert. Die Angeklagte habe im Mai 2016 die Geldwäsche „leichtfertig nicht erkannt“, lautet der Vorwurf, den Staatsanwältin Britta Berkenbusch erhebt. Ein erster Hinweis auf eine bizarre Geschichte, die von unfassbarer Naivität zeugt, aber auch von Einsamkeit und großer Sehnsucht nach Liebe. Am Ende stellt Witt das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wegen Geringfügigkeit der Schuld ein. Die Angeklagte ist auch so genug gestraft.

Genau genommen beginnt die Geschichte im Jahr 2011. Da geht die Ehe der Frau in die Brüche. Ihr Mann will plötzlich nichts mehr von ihr wissen, wie sie später außerhalb des Gerichtssaals erzählt. Seit 2014 habe sie einen Computer, berichtet ihr Verteidiger Jens Hamschmidt. Sie entdeckt das Chatten für sich und meldet sich in einem polnisch-sprachigen Portal an. Darin gehe es nicht um Sex, sondern um Zuwendung, berichtet die Tochter nach dem Prozess. Wie geht es dir? Was machst du heute? Um solche Fragen dreht es sich.

Die Rentnerin lernt im Chatroom einen Mann aus Ghana kennen. Richard Normann nennt er sich. „Er hat ihr vorgegaukelt, er wäre Kapitän oder ein hochgestellter Soldat“, sagt der Verteidiger. Doch er könne dort nicht weg, um sie zu besuchen. Nach einiger Zeit bittet die Internet-Bekanntschaft um Geld, es werden Notfälle von Kindern und Verwandten erfunden. Im Dezember 2014 findet der erste Geldtransfer statt. „Insgesamt wurden über 100  000 Euro transferiert – ausschließlich das Geld der Angeklagten“, berichtet der Anwalt. Die Angeklagte habe sich dafür verschuldet. „Das ist unvorstellbar“, fügt der Verteidiger hinzu. 50  000 Euro bringt das Betrugsopfer aus eigenen Ersparnissen auf. Als das Geld weg ist, pumpt sich die Angeklagte Geld von Bekannten und Verwandten. Sie geht sogar zu einer Bank und nimmt einen Kredit auf – alles für den Traummann aus Ghana.

Wie ist eine solche Verblendung möglich? „Ich war so alleine“, schildert die Frau. Sie habe jemanden gebraucht. Er habe ihr so schön geschrieben. Der Rest der Worte geht in ihrer tränenerstickten Stimme unter. „Er hat ihr Dinge gesagt, die sie so noch niemals von einem Mann gehört hat“, formuliert es ihr Anwalt. Bemerkenswert, da die Täter gar kein polnisch sprechen, sondern ein Übersetzungsprogramm bemühen. Telefoniert wird nicht. Alles läuft schriftlich ab.

„Ich habe gearbeitet und danach jede Sekunde am Computer gesessen“, berichtet die Seniorin weiter. Später sagt sie: „Das war wie ein Traum. Ich war besessen wie ein Drogensüchtiger.“ Sie sei kaum an ihre Mutter herangekommen, erinnert sich die Tochter. Sie ist eine der wenigen in der Familie, die noch zu ihrer Mutter hält.

Irgendwann schaltet die Rentnerin einen Anwalt ein. Aber nicht, weil sie sich betrogen fühlt. Im Gegenteil. „Richard Normann“ hat ihr vorgegaukelt, er komme jetzt tatsächlich nach Deutschland. Sie zahlt nicht nur die Reise, sondern fährt dafür extra zum Flughafen nach Hamburg. Natürlich kommt niemand, stattdessen eine Erklärung per E-Mail. Die deutschen Behörden ließen ihn nicht ins Land. Er sitze fest, schreibt Normann. „Ich sollte diesen Kapitän aus den Fängen der deutschen Behörden befreien“, erklärt ihr Anwalt. Deswegen sei er überhaupt an den Fall gekommen. Der Anwalt kann den Liebeswahn nicht stoppen, selbst die Polizei schafft das nicht. Als Beamte sie im Januar 2016 ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich um eine Betrugsmasche handeln könnte, gibt sich die Rentnerin unbeirrt. Sie kenne das aus dem Fernsehen und würde nie und nimmer darauf hereinfallen. „Ich habe einfach nicht geglaubt, dass mir das passieren könnte“, beteuert sie vor Gericht.

Im Mai 2016 löst sie dann Schecks aus Ghana ein und überweist per „MoneyGram“ mehrere Tausend Euro in das westafrikanische Land zurück – das bringt sie wegen Geldwäsche vor das Eutiner Amtsgericht. Die Betrüger hatten einem Mann Daten per „Phishing“ abgeluchst und sich an seinem Konto bedient.

Der Anwalt sucht eine Erklärung für das Verhalten seiner Mandantin: „Für mich ist das wie Gehirnwäsche.“ Er könne es ihr bis heute nicht vermitteln, dass vermutlich eine ganze Bande am Werk gewesen sei. „Sie glaubt noch immer, dass nur eine Person dahinter steckt.“ Immerhin sei ihr mittlerweile klar, dass alles ein „großer Schmu“ sei. Richter Witt sind deutlich die Bedenken anzumerken, die Frau könnte unbeeindruckt weiter machen, wenn er sie jetzt ungeschoren davonkommen lässt. Doch ihr Anwalt versichert: „Sie wird nichts mehr überweisen.“

Vom Chatten will die Rentnerin aber nicht lassen. Sie sei vorsichtig geworden, versichert sie. Wenn jemand Geld von ihr wolle, schreibe sie jetzt zurück, sie sei ebenfalls bedürftig. Dann breche die andere Seite den Kontakt sofort ab.

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