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Prozess in Eutin : Betreuer missbrauchte Jugendliche

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Martin S. musste sich gestern vor dem Schöffengericht verantworten für ein Vergehen an einer jungen Frau mit Asperger Syndrom. Das Gericht verhängte eine Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Marie* (20) fällt es schwer, in den Gerichtssaal zu gehen. Im Zeugenstand setzt sich ihre Großmutter wie ein Schutzschild zwischen sie und den Angeklagten Martin S. (44). Der ehemalige Betreuer musste sich gestern vor dem Eutiner Amtsgericht wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verantworten.

Das Besondere an dem Prozess: Marie ist Autistin mit Asperger Syndrom. Die große Angst von Maries Familie: Ihre Glaubwürdigkeit könnte angezweifelt werden, es könnte Bedarf nach einem Gutachter entstehen, wenn sich die Prozessbeteiligten nicht in der Lage sehen, Maries Aussagen zu bewerten.

Was war geschehen? Martin S. soll mit Marie irgendwann zwischen Januar und April 2013 einen Film im Gruppenraum geschaut haben. Auf der Couch gab es erst Küsse, dann sexuelle Berührungen und laut Anklage auch Beischlaf. „Du kannst gehen, wenn du das nicht möchtest“, soll Martin S. ihr mehrfach gesagt haben. Aber genau das konnte Marie nicht. Eine Expertin erklärt: „Menschen mit Asperger können ihre Abneigung im Moment des Empfindens nicht deutlich machen.“ Laut Staatsanwaltschaft muss der ehemalige Erzieher, der bereits elf Jahre in der Einrichtung in Ostholstein gearbeitet hatte und Marie seit mehr als einem Jahr kannte, dies auch gewusst und bewusst ausgenutzt haben.

Heraus kam das erst, als sich Jugendliche über den Betreuer Martin S. beschwerten, weil er anzügliche Bemerkungen gemacht haben soll. Darauf hin veranlasste die Leiterin der Einrichtung eine Befragung aller Jugendlichen und Mitarbeiter: „Ich habe ihn sofort mit den Vorwürfen konfrontiert. Er hat sie nicht abgestritten und wurde sofort suspendiert.“ Erst danach kam Maries Fall ans Licht. „Es ist furchtbar, dass uns so etwas passiert ist, aber wir haben sofort mit Marie und ihrer Mutter zusammengearbeitet“, sagt die Leiterin. Für das Mitarbeiterteam wurden externe Berater eingeladen, speziell auf das Thema geschult.

Marie wird therapeutisch begleitet, wurde auf die Situation im Gerichtssaal genauestens vorbereitet. „Sie hatte so Angst, ihn anschauen zu müssen“, erzählt ihre Mutter, „aber sie hat das alles ganz toll gemacht.“ Mehr als eine halbe Stunde wurde sie befragt – ihre Angehörigen mussten draußen warten. Nur die Oma war an ihrer Seite.

Staatsanwaltschaft und Verteidiger waren sich einig: Die Antworten aus Maries Vernehmung reichten letztlich nicht aus, um den vom Angeklagten bestrittenen Beischlaf nachzuweisen. Das sah auch der Richter so, wenngleich er Marie direkt sagte: „Wir haben keinerlei Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit.“

Das Urteil: acht Monate Freiheitsentzug auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Betreuungsverhältnisses.

Alle Beteiligten sind zufrieden: Laut Verteidiger stand am Anfang des Prozesstages die Frage nach einer Haftstrafe im Raum – jetzt hat Martin S. eine Bewährungszeit von drei Jahren.

Auch Maries Anwältin, Ulrike Horstmann, ist zufrieden: „Wir haben eine Verurteilung erreicht, das wollten wir. In so einem Fall ist das nicht immer üblich, da unser prozessuales System eher die Täter begünstigt als die Opfer mit Handicaps.“ Diese hätten oft Probleme, dem strikten Ablauf zu folgen, Fragen auf den Punkt zu beantworten. Doch Maries Mutter ist stolz: „Das hat sie ganz toll gemacht.“ Die Familie ist erleichtert, liegt sich nach der Urteilsverkündung mit der Einrichtungsleiterin erleichtert in den Armen. Martin S. erhält  mit dem Urteil einen Eintrag ins Führungszeugnis. Als Erzieher dürfte er damit keine Stelle mehr bekommen.

* Name geändert


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erstellt am 23.Okt.2014 | 04:00 Uhr

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