Bestatter – der Tod begleitet ihr Leben

In einem Sarg-Lager hat man reichlich Auswahl.
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In einem Sarg-Lager hat man reichlich Auswahl.

OHA-Mitarbeiterin Anja Krause begleitete Bestatter einen Tag lang / 60 Prozent der Bestattungen in Deutschland sind bereits Feuerbestattungen

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16. November 2013, 00:33 Uhr

Bestatter – ein Beruf, der mit keinem anderen zu vergleichen ist. „Jede Bestattung ist individuell und trauernde Menschen sind oft unberechenbar. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen und manchmal Selbstbeherrschung“, erzählt Jens Glashoff. Er arbeitet im Bestattungsunternehmen Petersdotter in Preetz, einem von etwa 5000 in Deutschland.

Kaltes Licht und ein beißender Geruch nach Desinfektionsmittel lassen den fensterlosen, weiß gekachelten Raum kühl und steril wirken. In der Mitte steht ein Tisch aus Metall, an der Wand hängen Schläuche und ein Kittel, neben dem Waschbecken steht eine Box mit Latexhandschuhen, Papiertüchern, Waschlotionen und Hygienemitteln – sonst ist dieser Raum leer und erinnert an einen Operationssaal im Krankenhaus. „Das ist unser Hygieneraum, in dem die Verstorbenen gewaschen werden. Infektionsschutz ist sehr wichtig, denn Keime vermehren sich rasant in einem noch warmen Verstorbenen“, erklärt Knud Petersdotter.

In Deutschland gibt es rund 830 000 Todesfälle jährlich, knapp 1500 davon im Kreis Plön. „Wir führen bis zu 350 Bestattungen pro Jahr durch“, sagt der 49-Jährige.

Lautes Hämmern ertönt aus der Werkstatt und es riecht nach frischem Holz. An der Wand steht eine alte Werkbank mit Hammer, Nägeln und Bohrmaschinen. Der Angestellte Björn Tomaschewski bereitet einen Sarg für eine Erdbestattung vor. Neben ihm sind Sargdeckel und -unterteil aus Kiefernholz aufgebockt. Er schneidet ein Papier zurecht. „Mit diesem Ölpapier kleide ich den Sarg aus, so dass keine Flüssigkeiten auslaufen können. Abgedeckt wird mit weißem Stoff und darüber lege ich Matte und Kissen“, beschreibt er den Arbeitsablauf. „Der Tod gehört zum Leben dazu. Wenn ich nach Hause gehe, lasse ich die Gedanken an meine Arbeit hier. Das ist wichtig, sonst könnte ich diesen Beruf nicht ausüben“, sagt Tomaschewski routiniert. Das Bestattungsunternehmen ist 1930 als Tischlerei gegründet worden. Auf 1500 Quadratmetern finden sich neben Werkstatt und Hygieneraum Beratungszimmer, ein Ausstellungsraum, ein Abschiedsraum, eine Trauerhalle, ein Kühlraum für bis zu 16 Verstorbene und eine eigene Floristik. „Als Tischlerei haben wir die Särge damals selbst hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich daraus das Berufsbild des Bestatters entwickelt“, erklärt Petersdotter.

„Das Thema Tod wird in der modernen Gesellschaft oft verdrängt“, sagte Knud Petersdotter. Heute sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Früher starben die Menschen zu Hause und die Kinder wurden frühzeitig mit dem Tod konfrontiert.

Die meisten Bestatter in Deutschland sind Familienunternehmen. „Ich habe den Betrieb vor 20 Jahren von meinen Eltern übernommen. Als kleiner Junge habe ich bereits zwischen den Särgen gespielt. Der Tod gehört für mich zum Alltag“, sagt Petersdotter. Nach einer Tischlerlehre und einer Lehre zum Bürokaufmann hat er die Weiterbildung zum „Fachgeprüften Bestatter“ gemacht.

Zu den Aufgaben des Bestatters gehören neben der Beratung auch die Organisation der gesamten Bestattung, die Erledigungen von Formalitäten sowie die Überführung und Grundversorgung des Leichnams. „Am meisten gefällt mir der Umgang mit den Angehörigen. Die Trauer steht nur am Anfang eines Entwicklungsprozesses, der nach dem Schock und Schmerz schließlich zur Akzeptanz führt“, beschreibt Petersdotter seine Motivation.

Björn Tomaschewski überführt an diesem Morgen einen Leichnam aus dem Kieler Institut für Rechtsmedizin zum Krematorium in Kiel. Seit 20 Jahren ist er bei „Petersdotter“ für das Abholen, Überführen und Einsargen der Verstorbenen zuständig. Er reiht sich in die Schlange der wartenden Leichenwagen ein. Zwischen ihm und dem Verstorbenen befindet sich nur eine dünne, schwarze Trennwand aus Plastik – ein unheimliches Gefühl, das erst nach dem Ausladen des Sarges verschwindet.

Seit Beginn des Christentums ist die Erdbestattung in einem Holzsarg in Mitteleuropa eine übliche Bestattungsform. Sie wird aber zunehmend von der Feuerbestattung verdrängt. Neben der hohen Mobilität der Bevölkerung tragen der Wunsch nach einem möglichst geringen Pflegeaufwand der Gräber und neue Begräbnisstätten wie zum Beispiel Naturbestattungen in sogenannten Friedwäldern zu diesem Wandel bei. „Heute sind etwa 60 Prozent der Bestattungen in Deutschland Feuerbestattungen. In unserem Unternehmen sind es mittlerweile sogar drei Viertel. Das hängt vielleicht mit den Veränderungen der Bevölkerungsstruktur zusammen. Heute leben viele Familien nicht mehr gemeinsam an einem Ort“, beschreibt Petersdotter den Wandel der Bestattungskultur.

„Bei der Feuerbestattung wird der Leichnam nach einer gesetzlich vorgeschriebenen zweiten Leichenschau in einem Holzsarg über ein unterirdisches Tunnelsystem zu den vier Öfen gefahren“, erklärt Jörg Harbs, Leiter des Krematoriums Kiel. Das Gebäude der Öfen gleicht einer Fabrikhalle. Drückende Hitze schnürt den Hals zu und erschwert das Atmen. Ein Blick in den dunklen Ofenschacht vertreibt ablenkende Gedanken und konfrontiert mit der Realität des Verbrennungsprozesses.

„In der Hauptbrennkammer herrscht eine Temperatur von 850 Grad Celsius. Der Sarg entzündet sich aufgrund der hohen Temperatur von selbst. Nach etwa 70 Minuten wird das Aschegemisch in der Knochenmühle gemahlen und es bleiben 1,5 bis 2 Kilogramm Asche übrig“, schildert Harbs den Kremationsprozess. Anschließend bringt Tomaschewski die Asche des Verstorbenen wieder nach Preetz. Während er die Asche in eine bronzefarbene Urne füllt, bereitet sich Jens Glashoff auf die Urnenbeisetzung vor. In schwarzem Anzug, weißem Hemd und Krawatte sucht er sorgfältig die passende Grabdekoration aus, während Floristin Kerstin Dunka das Blumengesteck für die Urne herstellt.

Ein Herbsttag – bunte Blätter liegen auf den Wegen und Gräbern. Jens Glashoff trifft bereits eine Stunde vor der Urnenbeisetzung auf dem Friedhof ein und dekoriert die Grabstätte. Über einem Hocker hat er ein weißes und gelbes Stofftuch ausgebreitet – passend zu den gelben Rosen des Blumengestecks. Die Urne wird auf dem Hocker platziert, drei Windlichter, durchsichtige Glassteine, Weinblätter und gelbe Rosen vervollständigen die Dekoration.

„Wir möchten den Angehörigen einen würdigen Abschied von den Verstorbenen ermöglichen. Deshalb überlege ich vorher genau, welche Dekoration ich mitnehme. Das erfordert viel Konzentration“, erklärt Glashoff. Mit Zurückhaltung und stiller Betroffenheit begegnet er den Angehörigen des Verstorbenen. Als die letzten Töne aus der Verdi-Oper „Nabucco“ leise erklingen, lässt er die Urne langsam und mit Bedacht in die Erde sinken.

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