Bekenntnis gegen Unrecht

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80. Jahrestag der Reichspogromnacht, 25 Jahre „Polizeischule Wilhelm Krützfeld“: Gedenkstunde in Kiebitzhörn

shz.de von
09. November 2018, 11:20 Uhr

Geschichtsstunde an einem geschichtsträchtigem Tag: Die Landespolizei Schleswig-Holstein gedachte gestern in der „Polizeischule Wilhelm Krützfeld“ dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, zeitgleich aber auch der Namensgebung vor 25 Jahren. Seit 1993 trägt die Schule zwischen Nüchel und Sielbeck den Namen des beherzten Reviervorsteher eines Polizeireviers in Berlin. Krützfeld (1880–1953) verhinderte durch sein Einschreiten in dieser Nacht das Niederbrennen der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin.

„Krützfeld war einer der nur wenigen Polizisten, die sich damals widersetzten“, sagte Maren Freyher, stellvertretende Behördenleiterin vor zahlreichen Gästen aus Behörden und Politik, darunter auch der langjährige Präsident des Bundeskriminalamts Jörg Zierke, 1993 Initiator der Namensgebung der Polizeischule.

Krützfelds Handeln sei maßgebend für das heutige Leitbild der Polizei, so Freyher. Das unterstrich auch Torsten Geerdts, Staatssekretär für Inneres, ländliche Räume und Integration: „Rassismus und Unterdrückung von Minderheiten haben in unserer modernen Polizei keinen Platz.“

Landespolizeidirektor Michael Wilksen verwies auf den steigenden Antisemitismus in der Bevölkerung. Die Fremdenfeindlichkeit habe zugenommen, sei weit verbreitet. „Die Zahlen sind alarmierend“, so Wilksen. Umso mehr müsse sich die Landespolizei ihrer Geschichte stellen, betonte Landespolizeidirektor Michael Wilksen. „Wir müssen auch schmerzvolle Abschnitte beleuchten“, sagte Wilksen.

Die Frage „Wo hätte ich gestanden?“ gab indes Christiane Balzer von der Kooperation Yad Vashem den Gästen mit auf den Weg. Ähnlich nachdenklich äußerte sich auch Werner Krützfeld, Großneffe von Wilhelm Krützfeld. Dessen Handeln sei „ein Ausdruck von Menschlichkeit und Zivilcourage“ gewesen. Er würdigte den Namensgeber der Polizeischule als jemanden, „der dafür gesorgt hat, dass es am 9. November wenigstens einen kleinen Lichtblick gab.“

Dr. Ingaburgh Klatt von der Gedenkstätte Ahrensbök, zu der die PDAFB seit 2008 in Sachen Ausbildung der Polizeischüler engen Kontakt hält, wies darauf hin, dass Krützfelds Tat viel zu wenig bekannt sei. „Hätte es mehr Menschen seines Charakters gegeben, wäre die Geschichte anders verlaufen“, sagte Klatt.

Welches Leid hätte verhindert werden können, schilderte Jurek Szarf, Überlebender des Holocausts, den zahlreichen Gästen im Foyer der Polizeischule durch seine Erinnerungen. Als 1939 die Wehrmacht einmarschierte, war er fünf Jahre alt und wohnte in Lodz (Polen). Aufgrund ihres jüdischen Glaubens wurde seine Familie ins Ghetto von Lodz gebracht. „Das Leben dort war grausam“, berichtete Szarf, „das Schlimmste war der Hunger.“ Zwangsarbeit mit acht Jahren, 1944 dann die Verschleppung ins Konzentrationslager Ravensbrück. „Die Deportation war die Hölle. Ich musste Leichen stapeln“, blickte Szarf zurück. Königswusterhausen und Sachsenhausen waren weitere Stationen seines Leidenswegs, den er geradezu nüchtern den ergriffenen Gästen in der Polizeischule schilderte. „Ich hatte keinen Namen mehr. Mein Name war ,Judenschwein’“, berichtete Szarf von den Demütigungen der Deutschen.

Szarf wurde kurz vor seiner Erschießung 1945 von sowjetischen Truppen befreit. Von seiner Familie überlebten neben ihm nur sein Vater, ein Onkel und zwei Cousins. Szarf emigrierte 1956 in die USA, wohnt heute aber wieder in Deutschland – in Stockelsdorf. Hass gegen damalige KZ-Wachmänner oder Polizisten aus dem Ghetto in Lodz war seinen Schilderungen nicht zu entnehmen. Für die Arbeit der heutigen Beamten hatte der Holocaust-Überlebende nur Lobesworte parat: „Polizisten sind Helden, die riskieren ihr Leben.“

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