zur Navigation springen

Beidseitige Absicherung und dörfliches Leben im Kreis

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 06.Dez.2016 | 11:04 Uhr

Das ist typisch für die Region: An den Stirnwänden der Bauernhäuser, die im 18. und 19. Jahrhundert gebaut wurden, sind im Mauerwerk Öffnungen gelassen worden – meistens in Kreuzform. An vielen Häusern gibt es aber auf einer Seite Kreuze und auf der anderen sonnenförmige Löcher.

Die Öffnungen selbst dienten zur Belüftung des Bodens, auf dem Heu und Stroh gelagert wurde, sie ermöglichten einen beständigen, kühlenden Luftstrom. Ein Stockwerk tiefer teilten sich Mensch und Tier das mit Reet gedeckte Haus.

Die Form der Maueröffnungen war tatsächlich religiös bedingt: Mit dem Kreuz erbat der Bauern für sich und seine Lieben den Segen des christlichen Gottes. Und mit der Sonne? In der lebte der heidnische Glaube der ursprünglich slawischen Bevölkerung fort, die einen Sonnengott verehrte (Svaroži oder auch Dažbog). Für den soll übrigens laut der mittelalterlichen Slawenchronik Helmolds von Bosau im Ort Süsel bis Mitte des 12. Jahrhunderts eine Kultstätte existiert haben. Die Bauern sicherten sich also noch vor gut 200 Jahren „nach beiden Seiten“ hin ab; das konnte ja nichts schaden – und eine Kirche mit einem Pastor hat es in Dörfern wie Zarnekau vermutlich nie gegeben.

Zarnekau ist auch eines der letzten Dörfer in Ostholstein, in dem sich noch eine weitere regionale Besonderheit gut erkennen lässt: Wer im alten Ortskern steht und sich um die eigene Achse dreht, wird viele Häuser sehen, die mit der Front in seine Richtung gebaut wurden: Bevor 1789 ein Brand das halbe Dorf vernichtete, war Zarnekau ein lupenreines Runddorf. Erst später gebaute Häuser scherten aus dem Kreis aus. Gut erhaltene Beispiele für Runddörfer lassen sich in Niedersachsen besuchen, diese Siedlungsform war aber von Skandinavien bis zum Balkan verbreitet – überall dort, wo germanische und slawische Völker aufeinander trafen und oft auch friedlich miteinander lebten.

Das Runddorf ist übrigens nicht wie die klassische „Wagenburg“ zur Verteidigung so gebaut, sondern Ausdruck einer engen Dorfgemeinschaft. Auf dem Dorfplatz weideten Tiere. Und ein Kreis bringt es mit sich, dass es Hausbewohner gibt, deren Tür Richtung Norden zeigt. Im übrigen war die Gefahr, dass ein Feuer viele der ausnahmslos reetgedeckten Häuser oder das ganze Dorf vernichtet, enorm.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen