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Ostholsteiner Anzeiger

24. August 2017 | 03:35 Uhr

Nostalgie : Bei Tante Fine war immer was los

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Aus der Eutiner Sportgeschichte: Die Gaststätte von Josefine Breede am Markt war für viele Jahre das Vereinslokal von Eutin 08

Auch für damalige Verhältnisse war das Lokal von „Tante Lotti“ und deren Mutter Josefine Breede, die als „Tante Fine“ bekannt war, wenig attraktiv: „Es war dunkel und verraucht“, erinnert sich Werner Prieß, dessen Fußball-Laufbahn von 1937 bis 39 bei den Jungmannen ihren Anfang nahm. Und doch stand die Gaststätte bei den Sportlern von Eutin 08 viele Jahre im Mittelpunkt. „Bei Tante Fine war immer was los“, sagt Prieß.

Das Zentrum der Eutiner Stadtlebens ist seit jeher der Markt. Und dort, am Markt 17 befand sich auch das Vereinslokal von Eutin 08. Die Speisekarte war minimalistisch: „Es gab Würstchen, Suppe und Frikadellen“, stellt Wolfgang Göbel fest. Er ist Eutin 08 als Funktionär verbunden, hatte jedoch die Nase voll, als der Berliner Unternehmer Steffen Oppermann den Fußball bei Eutin 08 mit großem finanziellen Aufwand bis in die damalige Drittklassigkeit, die Amateur-Oberliga Nord, beförderte. „Das war der Tod des Fußballs bei Eutin 08. Michael Zellier und Fritz Latendorf waren damals die Retter des Vereins“, sagt Göbel, der sich an den Schuldenberg erinnert, den die Hauptamtlichkeit hinterließ, die Oppermann seinerzeit rund um den Fußball installiert hatte. Er selbst zog sich auf Vereinsebene weitgehend zurück, engagiert sich auf Verbandsebene, aktuell ist der Ur-Eutiner im Norddeutschen Fußballverband Beisitzer für die Regionalliga Nord.

Bei Tante Fine hat Wolfgang Göbel manchmal nach Feierabend und am Wochenende am Tresen ausgeholfen, der einige Epochen überdauert hat und heute in Malente steht. Wiedererkennungsmerkmal ist ein Einschussloch, das der Legende zufolge aus dem Ersten Weltkrieg, also den Jahren zwischen 1914 und 1918, stammen soll. Wie genau die spektakuläre Beschädigung zustande gekommen sein kann oder gar, wer den denkwürdigen Schuss abgefeuert hat, ließ sich nicht klären.

Zwischen Küche und Gastraum gab es damals eine Durchreiche. „Wenn Tante Lotti die Würstchen in die Luke gestellt hat, kam es manchmal vor, dass sie weg waren, wenn sie um die Ecke kam“, sagt Göbel, und die illustre Runde der Zeitzeugen im Konferenzraum des Ostholsteiner Anzeigers nickt amüsiert Zustimmung.

Günter Clausen war Polizeibeamter und Handballer, der 1960 nach Eutin kam, Kurt „Kuddl“ Peters ist seit 1949 Eutiner, hat den Mitgliedsausweis von Eutin 08 im Jahr 1953 bekommen und hat als Fußballer viele Erfolge gefeiert. Hansi Steffen hat von der Jugend bis zu den Alten Herren alle Fußball-Altersklassen bei Eutin 08 durchlaufen. Das Ehepaar Rolf, genannt Max, und Maren Gutsche hat über Jahrzehnte die Handball- und Fußballabteilung im Jugendbereich geprägt. Handball wurde in den fünfziger Jahren auf Groß- und Kleinfeld gespielt. Auf dem Kleinfeld bestimmten die „Schwartzköpfe“ das Geschehen. Trainer Ernst Schütt hatte oft nur die Wahl, wen er neben den Brüdern aufstellte. Als Außen gesellten sich meistens die Handballer Hans-Jürgen, genannt Hanschi, Schneider und Jochen Ising hinzu, das Tor hütete Klaus Schläfke.

Mannschafts- und Weihnachtsfeiern, Vorstandssitzungen, Skat- und Knobelabende, das Essen für die Mitarbeiter, die ehrenamtlich viele Stunden investieren oder der Neujahrsempfang fanden oft im Nebenraum statt. Das Lokal war Treffpunkt, wenn sich Hand- und Fußballer vor der Abfahrt zum Auswärtsspiel trafen - und auch, wenn sie jubelnd oder betrübt heimkehrten. Dabei standen für die Eutiner bei Spielen in Lübeck oft zwei Spiele an einem Tag auf dem Programm. Anders waren die Fahrtkosten und der Zeitaufwand für die Touren nicht zu rechtfertigen. „Unsere Gegner waren Lübeck 76, die
Lübecker Turnerschaft, der TuS und LBV Phönix oder der VfB Lübeck“, weiß Klaus Schläfke, dessen Eltern eine Schlachterei hatten, die 50 Meter neben dem Vereinslokal von Tante Fine lag. Hier stand auch der „Vereinsbus“, den die Sportler am Wochenende nutzen durften, wenn kein Nölte-Bus zur Verfügung stand.

Komfort wurde klein geschrieben. „Auf der Ladefläche wurden Stühle für die Spieler aufgestellt, bevor es losging, wurde die Plane heruntergelassen, so dass niemand sehen konnte, welche Fracht sich auf dem Viehanhänger des sogenannten Laubfrosch-Opel befand“, weiß Hansi Steffen. Zu Auswärtsspielen in die nähere Umgebung, wie den „Zimbria“-Sportplatz in Neustadt, gingen Spieler, Trainer und Betreuer zu Fuß. „Und nach dem Abpfiff ging es ebenso auf Schusters Rappen nach Eutin zurück“, schildert Werner Prieß, der 1925 geboren ist, seine Erfahrungen. Von großflächigen Sportanlagen waren die Eutiner zu dieser Zeit weit entfernt. Unmittelbar nach dem Krieg diente der Kasernenplatz als Spielstätte. U-Boot-Fangnetze wurden als Tornetze benutzt. Als davor auf dem Volksfestplatz im Charlottenviertel gespielt wurde, wurden Tore und Eckfahnen im Stall hinter der Kneipe mit dem Namen „Engel“ verwahrt und mussten zum Fußballplatz getragen werden.

Bei Tante Fine wurden nicht nur Siege begossen, sondern auch zarte Bande geknüpft. So hatte sich Max Gutsche fest vorgenommen: „Ich heirate nur eine Handballspielerin!“ Da traf es sich gut, dass Maren Wunsch just mit dem Handballspielen begonnen hatte. „Eine Freundin hat mich zu Eutin 08 geschnackt“, erinnert sich die heutige Maren Gutsche. Das Handballteam wurde in nahezu jedem Jahr Meister oder Vizemeister, später wurde Maren Gutsche Trainerin – und vierfache Mutter, das Ehepaar Gutsche hat drei Söhne und eine Tochter. Mutter Maren übernahm Verantwortung, wurde Jugend- und Frauenwartin. Die Funktionärsaufgaben waren eng mit dem Lokal Tante Fine verknüpft.

„Hier wurden auch die Jugendfahrten nach Hohegeiß und Hinterschmieding geplant“, sagt Max Gutsche. Und die meisten in der Nostalgierunde bestätigen, dass sie bei der einen oder anderen Fahrt mit an Bord gewesen sind.

Ein brauner Lederball hat den Weg von dem Fußballer Hans-Jürgen Schläfke zu seinem Bruder Klaus gefunden. Es muss sich um einen Fußball handeln, denn dort sind etliche Unterschriften von 08ern wie Horst Rahn, aber auch von Funktionären des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes verewigt, datiert ist der Ball vom 30. Juni 1963. „Leider kann sich niemand genau erinnern, was es mit dem Datum und dem Ball auf sich hat“, bedauert Schläfke. Es kann sich aber nur um den Gewinn eines Bezirksmeistertitels mit dem Trainer Horst Rahn gehandelt haben. Auf jeden Fall muss der Autogrammball bei einer Feier unterschrieben worden sein.

Bei Tante Fine trennte ein schwerer Filzvorhang an einer Messingschiene als Sichtschutz die eigentliche Kneipe vom Eingangsbereich ab. „Das war wie eine Schleuse“, sagt Günter Clausen. Und dahinter wurden Bräuche gepflegt wie das „Stiefeltrinken“, das seine Tücken hatte, denn aufgrund der Stiefelform kam es beim Bierverzehr zum gefürchteten Gluckern, dem ein heftiges Überschwappen folgte. Die Zeche zahlte immer der vorletzte Trinker.

Wenn manch eine Feier erst in den Morgenstunden zu Ende ging, wurde es sportlich. „Wer dreht eine Runde im Brunnen auf dem Markt?“, war dann die Frage. „Es wurde Geld gesammelt, um die Mutigen zu entlohnen“, erinnert sich Günter Clausen. Und manch einer soll seinen Besuch bei Tante Fine schon mit Badehose unter seiner Alltagskleidung und einem Handtuch unterm Arm angetreten haben...

 

 

 

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erstellt am 02.Aug.2014 | 11:32 Uhr

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