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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2017 | 23:53 Uhr

Bei den letzten freilebenden Bisons

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Rosa Lorenz aus Kasseedorf erfüllt sich in den Weiten des US-Staates Montana einen Traum und ist vorübergehend unter die Hüter wilder Rinder gegangen

von
erstellt am 01.Apr.2017 | 17:58 Uhr

Seit einem Monat arbeite ich als Praktikantin der Buffalo Field Campaign (BFC) in der Region Yellowstone im US-Staat Montana. Und ich bin verliebt. Verliebt in die Rockie Mountains, den Wald, die Bisons, all die anderen Tiere, den Madison-Fluss...

Aber von vorne. Ich gönne mir den Luxus, nach meinem Abitur ein ganzes Jahr lang ohne Verpflichtungen einfach mal zu machen, was mir gerade so einfällt. Etwas über die Welt lernen, etwas über mich selber lernen.

Von der Buffalo Field Campaign hatte ich vor zwei Jahren zufällig gehört und die Möglichkeit, als Freiwilliger (Volunteer) bei der Arbeit zu helfen, im Hinterkopf behalten. Um bei BFC Volunteer zu werden, muss man einfach einem aktuellen Koordinator eine E-Mail mit dem ausgefüllten Bewerbungsbogen schicken und sich um die Anreise kümmern.

Hier im Camp leben im Winter zehn bis 25 Leute jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft in einer Art Kommune zusammen. Die Teilnehmer verteilen sich auf ein paar kleine Blockhütten und eine großen „Haupthütte“. Eigene Zimmer gibt es nicht, in drei Räumen gibt es Schlafkojen, die sich in drei Stockwerken an den Wänden entlang verteilen.

Mit Decken und Laken ergeben sich gemütliche Zelte, die auch Platz für Bücher und Kleidung bieten. Und – Gott sei dank – keiner in meinem Raum schnarcht. Gekocht wird für alle, viel vegan und vegetarisch, regelmäßig gibt es Wild und frisch gefangenen Fisch. Beim abendlichen Meeting werden die Patrouillen, Büro-, Putz- und Abwasch-Schichten eingeteilt, aber alles auf freiwilliger Basis. Wer keine Lust hat, der macht halt nichts. Aber alle hier wissen, wie wichtig unsere Arbeit ist und sind entsprechend motiviert.

Die Bisons im Yellowstone-Nationalpark sind die letzte freilebende Herde in den USA. Die etwa 4500 Tiere stammen alle von 23 Tieren ab, die Ende des 19. Jahrhunderts in einem abgeschiedenen Tal Montanas als letzte ihrer Art in der freien Wildbahn überlebten. Außerhalb des Parks können sie gejagt werden und die, die ihrem uralten Instinkt folgend durch Flusstäler den Park verlassen, um in die besten Weidegründe der jeweiligen Jahreszeit zu kommen, werden im Frühling fast alle zurück in den Park getrieben. Offizieller Grund für diese Maßnahme ist, dass domestizierte Kühe vor Jahren die Bisons mit Brucellose angesteckt haben. Den infizierten Bisons schadet das wenig, bei Milchkühen aber führt Brucellose zu Fehlgeburten. Deshalb sollen sich die Bisons nicht außerhalb des Parks ausbreiten und ihre Population wird regelmäßig reduziert.

Allerdings gibt es keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem Bisons Brucellose übertragen haben. Wapitis tragen das Bakterium ebenfalls in sich und stecken mehrmals im Jahr Kühe an, trotzdem dürfen sie sich im ganzen Staat frei bewegen und grasen. Warum also werden Bisons und Wapitis so unterschiedlich behandelt? Diese Frage stellt die Campagne öffentlich.

Hinzu kommt, dass das „Management“ der Bisons sehr grausam ist. In den Treibjagden durch Flusstäler und Wälder werden regelmäßig Kälber zu Tode getrampelt, Tiere verletzen sich und die Bisons werden insgesamt aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben.

Gejagt wird von November bis März, folglich werden auch viele trächtige Kühe geschossen. Außerdem ist es mehr Schlachten als Jagen: Viele Jäger sitzen stundenlang in ihren riesigen Trucks und warten, bis eine Herde die imaginäre Line der Parkgrenze quert. Dann springen alle aus den Autos und schießen wortwörtlich drauf los. Oft wird eine ganze Familiengruppe von zehn bis 20 Kühen mit Jährlingen innerhalb von zehn Minuten niedergestreckt.

Die Wiesen, auf denen gejagt wird, sind übersät von Skeletten. Einige davon winzig: Bison-Föten. Neben den Stämmen der Ureinwohner, die freies Jagdrecht haben, kann sich jeder Staatsbürger um einen Bison-Jagdrecht bewerben, man braucht keinen Jagdschein. Die meisten Jäger brauchen sieben bis zehn Schüsse, bis der Bison nach langen qualvollen Minuten endlich tot ist.

Die Bisons laufen nicht weg vor Jägern; auch nicht vor Autos. Wenn sie ein Nickerchen an der Schnellstraße machen wollen, dann machen sie das. Sie sind gutmütige, sehr sanfte und vertrauensseelige Tiere und haben nicht gelernt, Menschen zu fürchten. Wenn wir ihnen im Feld begegnen, beobachten sie uns interessiert und kümmern sich dann nicht weiter um unsere Anwesenheit, solange wir einen respektvollen Abstand wahren.

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas genieße ich meine Zeit hier sehr. Täglich, auch bei Temperaturen um die minus 30 Grad, sind Freiwillige wie ich in mehreren Schichten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Patrouille. Wir suchen nach Herden, die sich in Richtung Parkgrenze bewegen, kontrollieren die Straßen und filmen jegliche Art von Jagd und Misshandlung der Bisons, um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.

Die meisten Kontrollgänge sind einfach nur Wanderungen durch die wunderschöne Landschaft. Vor zwei Wochen lag noch gut ein Meter Schnee, ohne Skier sank ich bis zur Hüfte ein. Dann begann es zu tauen und man sank auch mit Skiern ein: Skier, Skistöcke und Gliedmaßen in einander verkeilt und Tränen lachend versuchten wir uns gegenseitig aus dem Schnee zu ziehen. Als meine Patrouillepartnerin K2 samt einer tauenden Schneebrücke in den Bach fiel, war klar: der Frühling kommt.

Mit dem Frühling erwacht der Wandertrieb der Tiere, viele Bisons queren Straßen. Das bedeutet lange Schichten, auch nach Einbruch der Dunkelheit, um Schilder aufzustellen und den Verkehr zu regeln, wenn sich eine Herde mal wieder nicht entscheiden kann, auf welcher Seite der Straße das Gras grüner ist...

Und neue Spuren lassen sich finden: die Grizzlys und Schwarzbären wachen auf. Ich bin immer ganz aus dem Häuschen, wenn ich spannende Fährten finde. Es macht Spaß, sich vorzustellen, dass nur wenige Stunden vor uns ein Wolfsrudel den gleichen Weg gewählt hat wie wir. Mein bisheriges Highlight waren die Pfotenabdrücke eines Pumas, der uns sicher heimlich aus den Bäumen heraus beobachtete.

Ich habe hier definitiv gelernt, meine Umwelt bewusster wahrzunehmen, mich mehr als Teil von ihr zu sehen und Respekt, aber keine Angst vor der Wildnis zu haben; auch dass ein Leben ohne Druck, ohne Noten und mit körperlicher Arbeit einfach gesund ist. Jeden Abend falle ich glücklich ins Bett, die Arme tun vom Holzhacken weh, das Blockhaus ist kuschelig warm, mein Tag war sinnvoll.

Ich denke, wir sollten
die Wildnis nicht nur besuchen, sondern wieder lernen, mit ihr zu Leben.
Die US-Amerikaner sollten nicht mehr in einen Nationalpark fahren müssen, um ihr zweites Nationaltier zu besuchen, sondern mit diesen majestätischen Tieren in guter Nachbarschaft leben können.

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