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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 02:05 Uhr

Barschel: Die Menschen glauben an Mord

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Muntere Diskussionsrunde nach dem ARD-Spielfilm und anschließender Dokumentation in Schönberg / Viele Fragen zum Tod von Uwe Barschel immer noch offen

von
erstellt am 07.Feb.2016 | 14:25 Uhr

War es Mord, Selbstmord oder Sterbehilfe? Der Tod Uwe Barschels beschäftigte nach der ARD-Ausstrahlung am Sonnabend die Nation. In Schönberg trafen sich auf Einladung von Werner Kalinka gestern knapp 60 Gäste – darunter auch Barschels Fahrer Karl-Heinz Prosch, sein Sicherheitsbeamter Dieter Arp, der ehemalige CDU-Landespolitiker Michael von Abercron oder Volker Pollehn, 1987 Leiter des Büros des Parlamentarischen Staatssekretärs für Jugend und Sport des Landes.

Der geladene Kreis wollte über Spielfilm und Dokumentation vom Vorabend, aber auch die Affäre und ihre Auswirkungen sprechen. Am Ende wurde keine Antwort auf die viele Menschen immer noch drängenden Fragen gefunden. Eine Abstimmung über „Mord oder Selbstmord“ wurde von einem Gast jedoch vehement abgelehnt. Einstimmig wurde durch Handzeichen danach jedoch signalisiert: Es muss weiter ermittelt werden.

Schleswig-Holsteins ehemaliger Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) war 1987 nach Vorwürfen seines Referenten Reiner Pfeiffer schwer in Bedrängnis geraten, zurückgetreten und später in einem Genfer Hotel „Beau-Rivage“ tot aufgefunden worden. Das Drama war Stoff zahlreicher Filme und Bücher.

Einer der Buchautoren ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Werner Kalinka aus Dobersdorf. Er befasst sich seit 1987 sehr intensiv mit dem Tod Barschels und hat viele Gespräche mit Menschen aus dem Umfeld Barschels, aber auch der Justiz aus verschiedenen Betrachtungswinkeln geführt. Für Kalinka steht unumstößlich fest: „Uwe Barschel ist im Genfer Hotel ,Beau-Rivage‘ ermordet worden.“

Es gebe immer noch zu viele Ungereimtheiten. Die Staatsanwaltschaft Lübeck habe mit großem Personalaufwand ermittelt und gute Informationen gesammelt, das Verfahren aber 1999 eingestellt, weil es keinen Tatverdächtigen gegeben habe, erklärte Werner Kalinka. Erst die Möglichkeit der DNA-Untersuchung habe 2007 neue Hoffnung auf Aufklärung gegeben. Doch ein fremdes Haar als entscheidendes Beweismittel, das auf dem Bett Barschels im Genfer Hotel gefunden wurde, sei irgendwo zwischen Genf und Lübeck auf unerklärliche Weise verschwunden. Kalinka: „Das ist besonders gravierend.“

Die Dokumentation im Ersten Programm am Sonnabend habe ihren Namen nicht verdient, kritisierte Kalinka. Reiner Pfeiffer sei sehr unkritisch dargestellt worden, obgleich ihm im Verfahren von den Gerichten und der Staatsanwaltschaft die Glaubwürdigkeit abgesprochen worden sei. Kalinka: „Einen Auftraggeber für Reiner Pfeiffer gibt es bis heute nicht. Alle bisherigen Behauptungen sind Pfeiffers eigene Behauptungen.“ Kalinka geht davon aus, dass der am Sonnabend gezeigte Film nicht die letzte Aussage zum Fall Barschel-Pfeiffer bleiben wird.

Dafür gebe es zu viele Merkwürdig- und Auffälligkeiten. Für Sterbehilfe gebe es weder Ansatz noch Motiv. Und Selbstmord? Kalinka: „Uwe Barschel hat seine Kinder geliebt. Er macht nicht da Selbstmord, wo er mit seinen Kindern hinfährt.“ Für Mord spreche, dass im Magen Barschels frische, punktförmige Stichstellen gefunden worden seien. „So sieht es im Magen aus, wenn einem gewaltsam ein Schlauch eingeführt wird.“ Barschel habe mehrere Hämatome am Kopf gehabt. Und das im Magen gefundene, todbringende Medikament, habe sich Barschel gar nicht mehr selbst verabreichen können, weil ihn bereits andere Medikamente zuvor bewusstlos gemacht hätten. Wie er die jedoch eingenommen habe, vermag keiner zu sagen. Die von einem Kellner ins Zimmer gebrachte Flasche Rotwein sei ebenso verschwunden, wie die Verpackungen der eingenommenen Medikamente.

Barschel habe auch nur eine geringe Restmenge Alkohol im Körper gehabt. Werner Kalinka will sich allerdings nicht an Spekulationen beteiligen, „ob an der Flasche Wein etwas verändert wurde“. Barschel sei vermutlich Dank des Medikamentes „Travor“ in einer stabilen psychischen Verfassung gewesen. Barschel, so Kalinka, sei auch nicht in finanzieller Not gewesen, er hätte beim Ausscheiden 70 Prozent seines Gehaltes lebenslang als Pension bekommen. Und eine hohe Lebensversicherung habe es nicht gegeben.

Beleuchtet in der Diskussion wurde die Rolle der SPD und Björn Engholms. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Engholm früh von Reiner Pfeiffer, der Kontakt zu Klaus Nilius hatte, wusste und sich vielleicht deshalb so ruhig verhalten habe.

Die Diskutanten hatten das Gefühl, die Politik sei ganz froh, dass im Fall Barschel derzeit nicht weiter ermittelt werde. Doch die Menschen verlören mehr und mehr den Glauben an Justiz und Politik. „Wir wissen noch nicht alles, was die Geheimdienstes wissen“, hieß es. Michael von Abercron: „Barschel ist wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen worden. Die Affäre hat die CDU gespalten und viele Menschen von der Politik wegbewegt.“ Offen, so ein anderer, sei auch die Frage, wer Reiner Pfeiffer gesteuert habe. „Ich kannte Pfeiffer gar nicht, er hat auch nie bei mir und Uwe Barschel im Auto gesessen“, sagte Karl-Heinz Prosche, in den letzten sieben Jahren der Fahrer Barschels.

Werner Kalinka berichtete, dass er selbst nach der Veröffentlichung seines Buches am Telefon bedroht wurde, und warnte: „In diesem Recherche-Terrain muss man sich mit der gebotenen Sorgfalt bewegen.“

So waren sich fast alle einig: Film und Dokumentation hätten vieles ausgeblendet. So sei die Rolle der SPD immer noch ungeklärt. Gabriele Kalinka: „Ebenso Herkunft und Grund des Geldes aus der Schublade vom damaligen Sozialminister Günther Jansen.“ Wer habe Angst davor, dass der Tod Uwe Barschels aufgeklärt werde, lautete eine Gegenfrage aus dem Publikum. Werner Kalinka: „Ein Mord verjährt nicht.“ Es gebe noch viele Lebende aus der Zeit der Affäre.

Auch Volker Pollehn sieht für Selbstmord kein Indiz. Er lobte saubere Ermittlungen von Staatsanwalt Heinrich Wille, der handwerklich sauber gearbeitet habe. Kritisch nannte Pollehn die Namen Trutz Graf Kerssenbrock, Norbert Scholtis und Heiko Hoffmann. Sie hätten die CDU zum Schuldigen in der Affäre gemacht.

„Es gibt immer noch offene Fragen und bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Antworten“, fasste Werner Kalinka zusammen. Antworten seien wichtig für das Vertrauen der Menschen in die Demokratie und die Behörden. Kalinka versicherte: „Wir sind noch nicht am Ende angekommen.“ Es meldeten sich immer mehr Zeugen, „die einem ernsthaft in dieser Sache etwas zu sagen haben“. Offensichtlich sei nach 28 Jahren immer noch nicht alles bearbeitet worden.

 

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