EUTIN : Barrierefreiheit ist teuer - aber Pflicht

Eine Rampe in die Schule gibt es schon, doch für barrierefreien Unterricht reicht das nicht.
Eine Rampe in die Schule gibt es schon, doch für barrierefreien Unterricht reicht das nicht.

Ein Junge im Rollstuhl brachte den Stein ins Rollen: Ab Sommer will er in die Wisser-Schule gehen, Umbau kostet geschätzte 130000 Euro.

shz.de von
13. Mai 2015, 06:00 Uhr

Keine Eutiner Schule ist barrierefrei – von dieser Tatsache ist die Politik Anfang März im Schulausschuss sprichwörtlich überrascht worden. Der Grund: Ein Junge, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, möchte nach den Sommerferien die Schule am Kleinen See besuchen. Diese bat Verwaltung um Hilfe, da die Voraussetzung für den barrierefreien Unterricht derzeit nicht gegeben sind und die Zeit drängt.

Eine Rampe am Eingang von der Lübschen Koppel aus gibt es bereits am Gebäude, viel mehr jedoch nicht. Das wurde bei einem Ortstermin deutlich. „Neben der Zugänglichkeit von außen ins Gebäude, zum Schulhof, zur Turnhalle und Mensa, die weitestgehend durch Rampen und Geländer hergestellt werden kann, ist die größte Hürde die Erreichbarkeit der Fachräume Musik und Werken, die sich im 1. OG des Fachraumtraktes befinden. Hierfür wird der Einbau eines Fahrstuhls notwendig“, heißt es in de Verwaltungsvorlage.

Die geschätzten Kosten dafür belaufen sich auf rund 130  000 Euro, wobei der größte Posten der Fahrstuhleinbau ist, wie Simone Handschuck vom Bauamt im jüngsten Bauausschuss mitteilte. Der Versuch von Verwaltung, rund 195  000 Euro für die Containerlösung für die offene Ganztagsschule am Standort einzusparen, durch die Nutzung der bald leerstehenden Räume an der Förderschule, scheiterte, weil die Wisser-Schule das Angebot abgelehnt hat, wie Bürgermeister Klaus-Dieter Schulz sagte. Olaf Schmidt (CDU) fragte daraufhin im Bauausschuss: „Jetzt müssen wir die Kröte schlucken?“ Die Antwort der Verwaltung lautete klar „ja“, denn die Barrierefreiheit an den Einrichtungen herzustellen respektive dafür zu sorgen, dass auch Kinder mit Handicaps beschult werden können, ist Sache des Schulträgers. Die gemeinsame Beschulung aller Kinder – auch Inklusion genannt – ist in der UN-Konvention und in Artikel 4 des Schleswig-Holsteinischen Schulgesetzes verankert. Die weiterführenden Schulen bereiten sich deshalb sukzessive darauf vor, alle Kinder zu unterrichten.

In der Verwaltungsvorlage für den Schulausschuss am 19. Mai wird für alle Zweifler auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der großen Investitionssumme in ein Gebäude, das – wie es im Amtsdeutsch heißt – abgängig ist, beantwortet: „Das Schulgebäude wird in jedem Fall noch so lange für schulische Zwecke genutzt werden müssen, bis die Sanierung des Standortes Berg abgeschlossen ist. Außerdem ist es denkbar, dass die Grundschule aus dem (energetisch noch schwierigeren) Bereich der Pavillon-Bauten in den Gemeinschaftsschulteil zieht, wenn die Gemeinschaftsschule mit allen Klassen am Standort Berg untergebracht sein wird.“

Der Schulausschussvorsitzende Hanjo Iwanowitsch (SPD) äußerte sich im März geschockt, ob der schlechten Voraussetzung an Eutiner Schulen: „Unser Ziel muss es sein, den Schulstandort für alle Kinder zu optimieren und zugänglich zu machen.“Denn spätestens in zwei Jahren, wenn das Kind ins Hauptgebäude wechsle, seien die Hürden nicht minder. Hanjo Iwanowitsch: „Und es gibt ja nicht nur dieses Kind, sondern die gesetzliche Verpflichtung dazu.“

Dass der Junge im Rollstuhl kein Einzelfall ist, der auf Eutin als Mittelzentrum und Schulstandort „zukommen“ kann, zeigen allein die Zahlen des Kreises: 181 Kinder an Regelschulen und 49 an weiterführenden Schulen wurden mit insgesamt 2,5 Millionen Euro vom Kreis Ostholstein gefördert (Förderzentren ausgeschlossen) Nur Kinder, die beispielsweise durch Schulbetreuung oder -begleitung unterstützt werden, sind auch erfasst. Die Zahl der potenziell Betroffenen ist höher.

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