Aus Ziegeleigelände und Kiesgrube wird Villen-Viertel

i 1 plump, h
1 von 5

Gemessen an dem Alter der Stadt bilden die Häuser an der Ahornstraße und auf dem Kamp relativ junge Stadtteile. Die Entwicklung setzte erst in der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ein. Drei Faktoren nahmen wesentlichen Einfluss: Die Geschichte einer Windmühle, der Bau einer Schule und Pläne der Eutiner Terrain- und Heimstättengesellschaft. Regine Jepp hat die Geschichte recherchiert. Der Ostholsteiner Anzeiger veröffentlicht ihren Beitrag in drei Teilen, heute Teil 2:

23-24686921_23-77733324_1455900605.JPG von
05. Februar 2018, 18:55 Uhr

Neben der Mühle sind im späten 19. Jahrhundert ausschließlich die Gebäude der Handziegelei auf diesem großen Geländeareal zu finden. Die Ziegelei liegt am hinteren Ende der heutigen Ahornstraße in direkter Nähe zur Eisenbahn.

Mit dem Stadtgebiet ist dieser handwerklich arbeitende Betrieb über einen schmalen Feldweg verbunden, der von der Bahnhofstraße abzweigt und dem heutigen Verlauf der Plumpstraße/Ahornstraße folgt. Ferner gibt es einen Fußweg, der von der heutigen Plumpstraße abgeht und seit 1886 – so wie die jetzige Bismarckstraße – zum langen Königsberg führt. Diese schmalen Wege durchschneiden die sich tief in die Feldmark ziehenden Gärten der Häuser an der Plöner Straße. Ende des 19. Jahrhunderts wird diskutiert, auf der Trasse dieser Wege Straßen anzulegen.


Hoffotograf verkauft das Ziegelleigelände

Im Jahr 1909 wechselt das Eigentum an der Ziegelei von den beiden bisherigen Besitzern, Hoffotograf Giesler und Rentier Davids, an Rentier Otto Plump, dem bereits große Geländeteile dieser Gegend Eutins gehören. Im selben Jahr wird der Schornstein der Ziegelei gesprengt, wenig später untersagt Plump das Betreten seiner Ländereien.

Kieswerk „Holsteinberg“

Unter einem Teil dieser ehemaligen Ziegelei befindet sich ein Kiesaufkommen, so dass ein Gelände mit einer Fläche von 30 000 Quadratmetern von Plump an den Steinsetzer Hermann Wulff verpachtet wird. Einige Jahre später übernimmt der Arbeiter und spätere Bauunternehmer Johannes Rebenstorf das Kieswerk „Holsteinberg“.

Im Frühjahr 1915 wird der Kaufmann Heinrich Otto Plump in das Handelsregister eingetragen. Sein Unternehmenszweck ist der Verkauf von Mauer-, Putz- und Pflastersand, Betonkies, Grand, Pflastersteinen und Schottermaterial. Dadurch erlangt der ohnehin schon wohlhabende Plump in Eutin quasi „die Lizenz zum Geld drucken“, denn das Bauwesen boomt zu dieser Zeit.

1919 wird diese Kiesgrube von der Firma Gehring & Kuchta übernommen. Das Wohnhaus und der Garten verbleiben allerdings bei Johannes Rebenstorf.

1887 erwähnt die Zeitung einen Aussichtsturm auf dem Gartengrundstück des Ratsherrn Sommer. 1891 kauft der aus Berlin stammende Kaufmann Otto Plump weitere Grundstücke und Gärten, um das Gelände am Kamp zu erschließen.


1902 entstehen erste Bauplätze

Ab 1896 werden entlang der heutigen Plumpstraße die ersten Grundstücke als Bauplätze erschlossen. Auch einige Anlieger der Kieler Straße (Riemannstaße) haben Grundbesitz auf dem Kamp, so der Senffabrikant Weymar und Gastwirt Schnoor, der die „Alte Grenze“ betreibt. Auch sie möchten von diesem Boom profitieren. 1901 treffen sie sich bei Gastwirt Kloth in der Bierhalle, um ihre Strategie zu besprechen, und sie haben Erfolg. Im Jahr 1902 ist es soweit, die Stadtvertretung beschließt, acht Bauplätze am Kamp mit Straßenpflasterung und Kanalisation zu vergeben. Die Grundstücke haben etwa 1100 Quadratmeter und kosten 3200 Mark.

Regierungsbaurat Ruhstrat und Obervermessungsinspektor Christiansen kaufen als erste zwei Bauplätze. Sie erklären sich mit der Bedingung, dort nur Villen bauen zu dürfen, einverstanden. Wenig später folgt die Ausschreibung zur Herstellung der Straße; es werden 300 Quadratmeter Pflastersteine benötigt. 1905 kauft Arbeiter Johannes Rebenstorf ein größeres Geländestück vom Senffabrikanten Weymar.


Ort von Unglück und Verbrechen

Das dicht bewachsene Land gibt auch Gelegenheit für Verbrechen. So berichtet die Zeitung am 19. April 1906 von dem Fund der Leiche eines neugeborenen Kindes.

In diesem Jahr lassen sich die ersten Anlieger Gasmotoren zum Heraufpumpen des Brauchwassers durch die Firma Cobobes installieren. „Wasserleitung oder nicht?“, so heißt der Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Auch die Stadtvertretung beschäftigt sich mit der Frage der Kanalisation dieser Grundstücke.

Im Mai 1908 wird in der Stadtvertretung diskutiert, für die neuen Baugrundstücke den Namen Kampstraße zu vergeben, man entscheidet sich jedoch für Bismarckstraße. Zu dieser Zeit wird ebenfalls beschlossen, diesen Bereich an das öffentliche Wassernetz anzuschließen. Im Jahr 1905 erwirbt Schlosser Hein Grundbesitz für eine Villa und einen Schlossereibetrieb.

Immer mehr Menschen siedeln sich am Kampgelände an. 1909 lässt der Eutiner Studienrat Professor Eilers für sich und seine Familie eine Villa in der Bismarckstraße 3 errichten. Dabei passierte ein Unglück: Der Zimmergeselle Seemann stürzt auf der Baustelle so unglücklich, dass er wenige Tage später seinen Verletzungen erliegt. Dabei gilt er als fleißiger ordentlicher und – vor allem – nüchterner Mann!

1910 beginnt Baurat Klücher, für sich selbst ein Haus in der Bismarckstraße 1 zu errichten. Die kleine, feine Villa hat bis heute nahezu ihr ursprüngliches Aussehen erhalten. Für den Baugrund bezahlt er 5800 Mark. Doch auch ihm ist ein Unglück beschieden: Am Weihnachtsabend 1913 bricht aufgrund der Unvorsichtigkeit des Dienstmädchens ein Brand aus. Eine Kerze hat die Gardinen des Kinderwagens entzündet. Das Kind der Eheleute erleidet dabei so schwere Brandverletzungen, dass es kurz darauf stirbt.

Quellen:

❍Prühs, Geschichten aus Eutins Geschichte, Seite 110

❍Jahrbuch für Heimatkunde 1989, Seite 163 und 164

❍ Alle anderen Informationen: Anzeiger für das Fürstentum Lübeck (heute Ostholsteiner Anzeiger)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen