Aus der Eutiner Geschichte : Wie Sielbeck zu Eutin kam...

Das Gasthaus zum Uglei von August Holzbach, 1905. Holzbach, bis 1891 Direktor des Voßhauses in Eutin, vermarktete erfolgreich sein Gasthaus und den Ukleisee und damit gleichzeitig auch Sielbeck.
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Das Gasthaus zum Uglei von August Holzbach, 1905. Holzbach, bis 1891 Direktor des Voßhauses in Eutin, vermarktete erfolgreich sein Gasthaus und den Ukleisee und damit gleichzeitig auch Sielbeck.

Etwas mehr als 75 Jahre ist es her, dass Neudorf, Fissau und Sibbersdorf zu Eutiner Stadtteilen wurden. Vier Jahre später kam noch Sielbeck dazu. Klaus Petzold erklärt die Umstände.

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08. September 2009, 10:00 Uhr

Der Begriff "Gebietsreform" oder "Verwaltungsreform" war in den vergangenen Monaten ständig zu hören oder zu lesen. Ob es sich um die mögliche Zusammenlegung der Kreise Ostholstein und Plön, die Fusion der Nordelbischen Kirche mit der Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Evangelischen Kirche oder den Zusammenschluss der Kirchenkreise Eutin und Oldenburg handelte, immer war von der Bündelung von Aufgaben und den damit erhofften Einsparungen die Rede.

Doch dies ist nichts Neues. Vielen Eutinerinnen und Eutinern ist noch die Gebietsreform von 1970 mit dem Hickhack um die Kreisstadt Eutin in Erinnerung, als die Kreise Eutin und Oldenburg zum Kreis Ostholstein zusammengelegt wurden. Davor gab es bereits schon einmal eine Gebietsreform, als 1933 aufgrund des Gesetzes über die Vereinfachung und Verbilligung der Verwaltung die Landgemeinde Eutin aufgelöst und die Ortschaften Neudorf, Fissau und Sibbersdorf in die Stadt Eutin eingemeindet wurden.

In einigen Abhandlungen über die Geschichte der Stadt Eutin wird berichtet, dass gleichzeitig auch die Ortschaft Sielbeck am 1. Oktober 1933 von der Gemeinde Malente zur Stadt Eutin umgemeindet wurde. Tatsächlich erfolgte dies jedoch erst zum 1. Juli 1937 und dann auch noch aus ganz anderen Gründen.

Bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts war die Dorfschaft Sielbeck-Uklei in der Holsteinischen Schweiz ein beliebtes Ausflugsziel. Der Tourismus entwickelte sich dort besonders zum Ende des 19. Jahrhunderts, als 1891 August Holzbach das Gasthaus zum Uklei übernahm und den Ukleisee und sein Gasthaus werbewirksam vermarktete. Auch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 boomte hier der Fremdenverkehr. Deshalb wurde Sielbeck 1928 zum Kurort erhoben. Die daraufhin eingerichtete Kurverwaltung Sielbeck - Krummensee forderte nun auch Kurtaxe, 30 Pfennige pro Person und Tag. Mit diesen Mitteln wurde die Seepromenade, die vielen Bänke, Wegweiser und Schilder unterhalten und auch die Werbung bezahlt.

Doch Anfang der 30er Jahre stagnierte das Kurtaxaufkommen. Der Geschäftsführer der Kurverwaltung, Carl Bühl, sah neben der schwierigen allgemeinen Wirtschaftslage in dem Vorhandensein der zwei Kurorte Malente und Sielbeck in einer Gemeinde den wesentlichen Grund der geringer werdenden Kurtaxeinnahmen. Direkte Zuweisungen von Urlaubern durch das Gemeinde-Verkehrsamt Malente erfolgten nämlich nur dann, wenn Malente ausgebucht war, und das kam nicht allzu häufig vor.

Nach der Saison 1935 war die Unzufriedenheit der Sielbecker mit der Verwaltung in Malente so groß geworden, dass sie auf eine Änderung drängten. Da sich im Laufe der Jahre die überwiegenden Beziehungen der Beherbergungsbetriebe nach Eutin ausgerichtet hatten, gab es viele einleuchtende Gründe, sich unter die Verwaltung der Stadt Eutin zu stellen.

Carl Bühl verfasste daraufhin im November 1935 eine an die Regierung in Eutin gerichtete "Denkschrift über eine Eingemeindung Sielbecks in die Landgemeinde Eutin" (die es aber seit 1933 schon nicht mehr gab).

Als erstes führte er darin die Unzufriedenheit der Sielbecker mit der Malenter Verwaltung an: "Der Kurort Sielbeck war von jeher auf sich selbst angewiesen. Was die Selbständigkeit Sielbecks anbelangt, so kann hervorgehoben werden, dass die Kurverwaltung Sielbeck alle im Laufe der Jahre vorgenommenen Verbesserungen und Anschaffungen einzig und alleine aus eigenen Mitteln hervorgebracht hat. Der Kurort Sielbeck hätte es mit großer Freude und Dankbarkeit begrüßt, wenn Malente als Verwaltung auch aus seinen Mitteln einmal etwas Wertvolles für Sielbeck getan hätte, zumal Sielbeck doch ein Glied der Gemeinde Malente ist. Dies war aber nicht der Fall."

Dann nannte er die vielen Gründe, die für eine Eingemeindung nach Eutin sprachen wie zum Beispiel: Sitz der Regierung, des Postamtes und des Finanzamtes in Eutin, die Eutiner Bank institute, die Licht- und Gasversorgung durch die städtischen Betriebswerke, den Fracht- und Expressverkehr, den Postomnibusverkehr und den günstigen Bahnanschluss, die Höheren Schulen und die vielen gewerblichen und kaufmännischen Verflechtungen.

Weiter führte er aus: "Dass in Anbetracht all der Gesichtspunkte Sielbeck eine neue, feste Orientierung sucht und wünscht, ist unzweifelhaft. Hierbei wäre zu beachten, dass eine Eingemeindung in die Landgemeinde Eutin nicht nur eine Erleichterung der gesamtwirtschaftlichen Interessen Sielbecks bedeuten würde, sondern auch andererseits einer Gemeinde zugeteilt werden würde, die nicht in der Form auf den alleinigen Fremdenzustrom zu achten braucht wie Malente ausschließlich.

Weiterhin besteht hier berechtigte Annahme, dass nach einer Eingliederung nach Eutin eine direkte oder selbst indirekte Konkurrenz von Seiten Eutin nicht bestehen dürfte. Als nichtoffizieller Fremdenverkehrsort dürfte andererseits Eutin ein großes Interesse haben, innerhalb seiner Gemeinde einen ausgesprochenen Fremdenverkehrsort zu haben, der heute weit über die Grenzen des Reiches hinaus bekannt ist. In Bezug auf die Fremdenwerbung kann für beide Teile nur ein Weg begangen werden. Praktisch und erfolgreich dadurch, dass eine gemeinsame Werbung durchgeführt werden müsste, von Eutin aus für den schönen Uklei und Umgebung und Sielbeck für die alte sehenswerte Stadt Eutin, was bisher undurchführbar war."

Die Regierung in Eutin übersandte diese Denkschrift zur Stellungnahme an den Bürgermeister Karl Huhn in Malente. Noch im November gab dieser eine geharnischte Gegendarstellung ab und sparte darin nicht mit persönlichen Angriffen auf Carl Bühl. Ein Beispiel: "In Wahrheit ist es aber so, dass die angeführte Konkurrenz der Orte Malente-Gremsmühlen und Sielbeck nur in der Einbildung des Antragstellers besteht." Oder: " …Ich kann Herrn Bühl nicht den Vorwurf ersparen, dass er diese Behauptung wider besseren Wissens macht."

Zu den von Bühl angeführten Gründen für eine Umgemeindung nach Eutin erklärte Huhn, dass diese für sämtliche über 100 Dorfschaften des Landesteils Lübeck gelteten, angefangen von dem im Norden liegenden Neukirchen bis hinunter nach Stockelsdorf: "Es ist hier nicht bekannt, dass all diese Dorfschaften deswegen ihre Eingemeindung nach Eutin beantragen wollen!"

Zur Gasversorgung Sielbecks durch die Stadt Eutin führte er aus: "Malente-Gremsmühlen wird in etwa ach Wochen von Kiel mit Gas versorgt. Es denkt nicht daran, deswegen zu versuchen, nach Kiel eingemeindet zu werden." Zum Postomnibusverkehr erwiderte er: "Mag zugegeben werden, erscheint jedoch nicht von welt erschütternder Bedeutung."

Und zu den gewerblichen und kaufmännischen Verbindungen: "Mag zugegeben werden. Eutin soll sich daran freuen. Dieser Umstand ist ohne Zweifel eine Folge des Einschlusses Sielbecks in den Ortsfernsprechkreis Eutin, aber kein Beweis für die nach Eutin gerichteten Lebensinteressen. Auch eine Menge anderer in der Nähe Eutins gelegener Dorfschaften tätigen ihre Einkäufe in Eutin ohne zur Gemeinde zu gehören."

Zum Schluss fasste Huhn seine ablehnende Stellungnahme zusammen: "Vorstehende Punkte beleuchten also nicht, wie es um die Orientierung Sielbecks steht, sondern sie beleuchten treffend, auf wie schwachen Füßen die Begründung zum Antrag auf Eingemeindung steht. Nicht in einem einzigen Falle hat der Antragsteller stichhaltige Gründe vorbringen können und dies darum, weil es eben keine gibt. Es sind jedoch zahlreiche Gründe da, die gegen eine Umgemeindung sprechen."

Und dazu führte er wie zum Beispiel an: Erhalt des Gebietes um den Dieksee, den Kellersee, den Ukleisee, und den Krummensee als Mittelpunkt der Holsteinischen Schweiz und einheitliches Kurgebiet. Er stellte auch die Frage, weshalb nach nur zwei Jahren eine erneute Gebietsänderung erfolgen soll, die "mit den Gedanken und dem Wollen der Männer, die die Reform 1933 durchführten, in Widerspruch stehen."

Und abschließend stellte er fest: " Die Dorfschaft Sielbeck-Uklei gehört seit 1857 zur Gemeinde Malente. Ich weiß als Nationalsozialist sehr wohl, dass dies kein Grund ist, von einer anderen Gestaltung Abstand zu nehmen, wenn das allgemeine Interesse dies erforderte. Ich bin aber auch soweit konservativ, dass ich dazu rate, einen seit 78 Jahren bestehenden, bewährten Zustand bestehen zu lassen, wenn durch eine Änderung für die Allgemeinheit kein Vorteil zu erwarten ist. Alles spricht dafür, dass Sielbeck weiterhin bei der Gemeinde Malente verbleibt."

Im Laufe des Jahres 1936 fand eine Besprechung beim Regierungspräsidenten Böhmcker in dieser Angelegenheit statt. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass sich der Eutiner Bürgermeister Dr. Rickleffs eingehend zu dem Antrag der Kurverwaltung Sielbeck äußern wollte. Doch der ließ sich Zeit, bis Böhmcker ihm unter Fristsetzung von lediglich zwei Wochen am 15. Dezember 1936 die Stellungnahme abforderte. Ansonsten würde ohne städtische Stellungnahme entschieden werden.

Jetzt war plötzlich Eile geboten, denn die Stadt Eutin hatte großes Interesse an der Eingemeindung Sielbecks und wollte durch eine zusagende Stellungnahme die Entscheidung Böhmckers positiv beeinflussen. Noch am 29. Dezember beriet der Stadtrat die sechsseitige Stellungnahme des Bürgermeisters, stimmte ihr zu und beschloss, dass "sie bereits morgen" dem Regierungspräsidenten eingereicht werden sollte.

In der Stellungnahme ging Dr. Rickleffs besonders auf die wirtschaftlichen Vorteile ein, die die Eingemeindung Sielbecks für beide Orte haben würde. Er führte aus, dass die Stadt weder über eine beachtliche Industrie noch über einen Handel verfüge, der Geld in die Stadt hineintrüge. Wirtschaftsfaktoren wären die zahlreichen Handwerker und Gewerbetreibende, ein großer Behördenapparat mit zahlreichen Beamten und Angestellten, eine relativ starke Garnison und die Fremden, die jedes Jahr Eutin besuchen.

Wenn Eutin nun versuchen würde, größere Industrie und überörtlichen Handel in die Stadt zu ziehen, müsste damit gerechnet werden, dass der Fremdenverkehr allmählich versiege. Deshalb müsse die Stadt Eutin "nach der ganze Jahrhunderte alten Entwicklung" ihr Augenmerk darauf richten, möglichst weitere Behörden nach Eutin zu ziehen, auf eine Verstärkung der Garnison hinzuwirken und den Fremdenverkehr zu steigern.

Zur möglichen Steigerung des Fremdenverkehrs stellte er fest, dass Eutin und Sielbeck "schon heute zwei Gebiete bilden, die sich in höchstem Maße ergänzen." Sielbeck wäre der Ort, der für die Aufnahme von Dauergästen eingerichtet ist und von den Gästen für einen längeren Aufenthalt bevorzugt wird. In Eutin überwiegen dagegen die Tagesgäste, da "verhältnismäßig wenig Unterkunftsmöglichkeiten für Fremde" vorhanden wären.

Bei kollektiver Werbung für ein gemeinsames Verkehrsgebiet Eutin-Sielbeck "bin ich der festen Überzeugung, dass durch eine engere Verbindung zwischen Eutin und Sielbeck beiden Orten wirtschaftlich durch Steigerung des Fremdenverkehrs geholfen werde kann."

Dr. Rickleffs glaubte "davon absehen zu können", auf die Denkschrift der Kurverwaltung Sielbeck sowie auf die Entgegnung des Malenter Bürgermeisters einzugehen. Nur soviel merkte er an, dass "die Interessen Malentes und Sielbecks insofern im Widerstreit liegen, als jeder der beiden Orte versuchen wird, möglichst viele Fremde an sich zu ziehen und diese möglichst in ihren Mauern zu behalten."

Dies wäre eine stetige Quelle gegenseitiger Streitereien. Malente und Sielbeck "sind und bleiben naturgegebene Konkurrenten." Bei einer Vereinigung Sielbecks mit Eutin "wird es nicht unsere Aufgabe sein, Malente Abbruch zu tun, sondern einen gesunden Wettbewerb zu treiben und dadurch die beiderseitigen Leistungen zu steigern."

Diese Argumente scheinen den Regierungspräsidenten Böhmcker überzeugt zu haben. Aus den Archivakten geht nicht hervor, in welcher Weise sich Böhmcker in den Genehmigungsprozess eingeschaltet hat. Zum Abschluss hat er die Angelegenheit aber nicht gebracht, denn am 1. April 1937 ging die Zuständigkeit des Eutiner Regierungspräsidenten in die des preußischen Regierungspräsidenten in Schleswig über. Der Landesteil Lübeck des Freistaates Oldenburg i.O. wurde aufgrund des Groß-Hamburg-Gesetzes aufgelöst und als preußischer Landkreis Eutin dem Regierungspräsidenten in Schleswig unterstellt. Der Vorgang der Eingemeindung wird jedoch fast abschließend bearbeitet gewesen sein, denn bereits Ende April 1937 übersandte Dr. Rickleffs dem Regierungspräsidenten nach einer Besprechung in Schleswig Messtischblätter mit den Eintragungen der neuen Stadtgrenzen in Sielbeck.

Am 29. Juni 1937 teilte dann der Schleswiger Regierungspräsident dem Bürgermeister der Stadt Eutin ohne Angaben von Gründen folgenden Beschluss mit:

"Mit Wirkung vom 1. Juli 1937 wird die Dorfschaft Sielbeck aus der Gemeinde Malente ausgegliedert und in die Gemeinde Stadt Eutin eingegliedert."

Quelle: Stadtarchiv

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