Eutin : Aufstehen für die Kinder

Nicht in jeder Familie können Kinderaugen an Weihnachten so strahlen.
Nicht in jeder Familie können Kinderaugen an Weihnachten so strahlen.

Maria P. erzählt ihre Geschichte und zeigt, worauf es eigentlich ankommt: Das Leben zu meistern – auch wenn man am Boden liegt

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21. Dezember 2014, 12:35 Uhr

„Ich habe viele Fehler gemacht.“ Diesen Satz sagt Maria P.* oft und beginnt zu weinen. Gemeint sind falsche Entscheidungen der vergangenen neun Jahre, die die junge Frau in die Situation gebracht haben, in der sie jetzt ist. Sie hat, das weiß sie heute, den falschen Männern vertraut, ihr Herz und das bisschen Geld verschenkt, das eine vierfache Mutter sich so vom Munde absparen kann. Drei mal war sie kurz davor, den Mann zu heiraten, von dem sie glaubte, es sei der richtige. Es kam zu keiner einzigen Hochzeit. Sie trennte sich immer, wenn sie merkte, dass die Männer nicht mit ihren Kindern harmonierten – oder die Männer trennten sich von ihr.

Den größten Fehler sieht sie in der Kündigung ihrer Wohnung im Sommer. „Ich wollte mit meinem Freund Eutin verlassen, alles war geplant“, erzählt die 30-Jährige. Aber auch dieser Verlobter machte kurz vorher Schluss – wieder einmal. Am Telefon.

Überhaupt ging 2014 so ziemlich alles schief im Leben der vierfachen Mutter. Das Ergebnis: Sie haust – wohnen kann man es nicht nennen – in einer Obdachlosenunterkunft in der Weidestraße. Eigentlich sollten diese Häuser längst abgerissen werden – und das sieht man ihnen auch an. Nicht alle Räume haben Türen, sind spärlich eingerichtet und doch fehlt es am Nötigsten: Sie schlafen auf Sofas oder Matratzen, ein Kinderbett wird sehnlichst erwartet. Geheizt wird mit Öfen, doch Holzhacken kann die junge Mutter nicht. Dazu kommt ein Freund vorbei. Jeden Morgen beginnt die Zitterpartie, bis angeheizt ist, aufs Neue. An den Wänden sind die Zeichen der Vorgänger noch zu erkennen – Reste von Farbe, Löcher in der Wand oder fehlende Tapete. „Die Stadt investiert hier nichts mehr, um es einmal aufzuhübschen, und ich habe das Geld dazu nicht.“ Maria P. weiß, dass dies kein Zuhause auf Dauer für sie und ihre Kinder ist, aber: „Es ist besser, als auf der Straße zu sitzen. Das Problem ist nur, aus dieser Unterkunft eine Wohnung zu finden.“

Wie kam es überhaupt dazu? Rückblende: Als Maria P. 15 Jahre alt ist, teilt sie die Vorstellung vieler Mädchen von einer rosigen Zukunft: „Den Richtigen finden, ein Heim schaffen und zusammen Kinder kriegen.“ Sie bewirbt sie sich für ein Berufspraktisches Jahr und absolviert das schließlich in einem Schuhgeschäft in Eutin. Ihr Chef ist begeistert, sie macht die Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel, arbeitet danach noch zwei Jahre bis zum Ende ihrer ersten Schwangerschaft.

Der Junge war ein Wunschkind. Ein zweiter folgt, mit dem Vater klappt es nicht mehr, zu grob geht er mit ihren Jungs um. Sie trennt sich. Aus zwei anderen Beziehungen entstehen zwei weitere Kinder – trotz Verhütung, wie sie betont. „Ich konnte kein Kind abtreiben, sobald ich den Herzschlag gehört habe. Ich liebe meine Kinder.“ Beim vierten Kaiserschnitt ließ sich Maria P. gleich sterilisieren.

Ihr Problem: „Man wird in der Stadt verurteilt, wenn man vier Kinder hat. Es geht auch das Gerücht herum, dass ich meine Kinder schlage, das stimmt aber nicht.“ Klar werde sie manchmal laut, auch in der Öffentlichkeit, aber welche Möglichkeit habe eine alleinerziehende Mutter, wenn jeder in eine andere Richtung zieht, etwas anderes möchte?, fragt sie. „Ich habe mir gleich bei meiner dritten Schwangerschaft Hilfe geholt, bin zum Kreisjugendamt gegangen und habe auch eine tolle Familienhelferin vom Kinderschutzbund. Mehr als an mir und für die Kinder arbeiten kann ich nicht.“ Sie weint wieder.

Die Männer haben viel in ihr verletzt. „Ich habe jede Trennung allein mit mir ausgemacht, eine Mauer um mich gebaut, damit meine Kinder damit nicht belastet werden.“ Doch diese Mauer stürzt am 16. Mai ein, als ihr Vater anruft und sagt: „Mutti liegt im künstlichen Koma.“ Eine Arterie in ihrem Kopf war geplatzt, sie wurde zum Pflegefall. „Für mich brach da eine Welt zusammen. Das einzige, was mich am Leben hielt, waren meine Kinder.“ Auch ihr Traum – Eutin mit dem vermeintlichen Mann ihres Lebens zu verlassen und woanders nochmal von vorn anzufangen – zerplatzte im Mai. Die Wohnung am Hochkamp hatte sie da schon gekündigt. Sie versuchte, die Kündigung zurückzuziehen. Doch Beschwerden dank vorheriger Männer, die unter Alkohol den Nachbarn zu laut waren, verhinderten ein Entgegenkommen der Wohnungsbaugenossenschaft. Sie saß es in ihrer Wohnung aus – bis schließlich mit der Räumungsklage gedroht wurde. Einzige Alternative: Weidestraße.

Hier will sie raus. Will im nächsten Jahr eine Mutter-Kind-Kur machen und in der neuen Ameos-Klinik eine Tagestherapie. „Ich will endlich die Vergangenheit hinter mir lassen und nicht immer weinen müssen, wenn ich daran denke“, sagt Maria P.. Ihr größter Wunsch: „Ein Vermieter, der sich meine Geschichte anhört und mir trotz meiner vier Kinder ein Heim gibt, das man auch so nennen kann.“

Um Weihnachten ihren Kindern so schön wie möglich zu gestalten, feiert sie mit ihnen tagsüber bei ihrer besten Freundin. In einer richtigen Wohnung mit einem Baum und weihnachtlicher Deko. All das gibt es in der Weidestraße nicht. Die wenigen Geschenke unterm Baum hat sie sich teilweise vom Mund abgespart und teilweise durch die Wunschbaumaktion des Kinderschutzbundes bekommen. „Dafür möchte ich den heimlichen Helfern danken. Auch der Tafel, denn ohne diese Möglichkeit würde es für uns noch knapper werden.“

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