Aufeinander achtgeben

shz.de von
03. Juli 2015, 09:57 Uhr

Zwei Erlebnisse gaben mir zu denken. Beide waren für mich selbstverständlich und sollten es eigentlich für alle sein. Neulich kam eine ältere Dame in einen Schuhladen und hievte ihren Rollator die Treppe hoch. Ich suchte gerade Sandalen für meinen Junior. Sie hatte sich verlaufen, wollte zum Bus. „Wie beschreib’ ich Ihnen das jetzt am besten?“, schaute die Verkäuferin die ältere Dame an. „Ich kann Sie ein Stück bringen“, bot ich ihr an. Wir hievten den Rollator wieder die Stufen hinunter, schlenderten durch den Rosengarten Richtung Bus. Sie war gerade erst hierher gezogen, auf Tochter-Bitten, und müsse sich noch orientieren. Es war wirklich nett, nachdenklich stimmte mich nur, wie oft sie dankte, „das ist heute ja keine Selbstverständlichkeit mehr“. Ein paar Tage später am Kleinen See auf dem Heimweg: Eine ältere Dame schleppt sich auf Krücken in Richtung Bank. Jugendliche rasen mit dem Rad vorbei, andere, die ihre Hunde ausführen, überholen sie. Ich halte an, frage ob alles okay ist oder sie Hilfe braucht. „Ich hab’ mich einfach überschätzt“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Sie wollte nur mal frische Luft schnappen. Die Luft hatte fast 30 Grad. Sie käme zurecht, „aber nett, dass Sie angehalten haben. Das macht ja heute keiner mehr“. Wenn diese Damen recht haben, müssen wir wirklich anfangen, wieder mehr auf einander zu achten.

Constanze Emde

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