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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 02:08 Uhr

Auf Spurensuche in Eutin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jennifer Elliotson dreht einen Film über ihre Suche nach der ganzen Geschichte ihrer Mutter / Diese war nach dem Krieg ein Waisenkind

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2015 | 12:40 Uhr

Ihre lockigen Haare, ihre aufgeweckte, freundliche Art – das hat Jennifer Elliotson (38) wohl von ihrer Mutter geerbt. Vielleicht auch ihre innige Verbundenheit zu Eutin. Die junge Kanadierin ist seit knapp drei Jahren auf Spurensuche in unserer Stadt. Sie will die Seite ihrer Mutter verstehen, die sie nie hinterfragt hat – und als sie das Bewusstsein dafür hatte, war es zu spät.

Monika Kröker, so der Name ihrer Mutter, starb vor 20 Jahren an Brustkrebs. Sie kam Ende des zweiten Weltkrieges als Flüchtling, vertrieben aus der Ukraine, nach Eutin. Nach dem Tod ihrer Mutter und Großmutter, die auch an Krebs starben, war die damals Achtjährige ein Waisenkind. Ein Flüchtlings-Waisenkind, das mehr oder minder auf sich allein gestellt war, mehrere Kinderheime und Sanatorien in Eutin, Malente und Sielbeck er- und überlebte und letztlich von Glaubensbrüdern ihrer Mutter, den Mennoniten nach Jahren zu einer kanadischen Pflegefamilie gebracht wurde. So viel hat Jennifer Elliotson binnen der letzten Jahre herausgefunden.

Erst das Gespräch mit ihrem Onkel Edmund in Kalifornien Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, ließ Fragen in ihr immer Größer werden. „Sie hatte nie etwas von dieser schwierigen Zeit in Eutin erzählt, nur wie schön sie hier alles fand. Und ich weiß, dass es einer ihrer großen Wünsche war, meiner Schwester und mir die Stadt zu zeigen, in der es ihr in Deutschland gut gegangen war“, erzählt Jennifer Elliotson. Für sie war das anfangs unbegreiflich, denn als sie von den Zuständen vor Ort hörte, Schilderungen über die Zeit von anderen vernahm, stellte sie für sich fest: „Meine Mutter muss hier die Hölle erlebt haben.“ Monika Kröker beschrieb es in ihren Notizen nur als „unhappy happenings“ (unglückliche Umstände).

Elliotson spürte gleich bei ihrem ersten Besuch in Eutin eine gewisse Verbindung. Sie besuchte eine ehemalige Mitschülerin ihrer Mutter, stöberte in Archiven der Stadt und umliegenden Gemeinden und klapperte die Adressen ab, an deren Orte sie glaubte, vergangene Spuren ihrer Mutter zu entdecken. „Ich traf auf so viele nette Menschen, die mir halfen, es war unglaublich.“ Ziemlich bald nach ihrem ersten Besuch 2013 entschied sie für sich aus ihrer Suche ein Filmprojekt zu machen. Sie nannte es „Cherries in the Sun“ (Kirschen in der Sonne), weil ihre Mutter die als Kind liebte. Sie kam wieder und wieder nach Eutin – zusammen mit ihrem Mann Marc und einem talentierten Kameramann, der sich auf das besondere Projekt einlassen wollte. Sie filmten unzählige Stunden an verschiedenen Stationen in Eutin, Malente, Gut Rothensande oder Sielbeck.

Noch ist der Film nicht fertig. Doch bei ihrem jüngsten Besuch am Wochenende lud sie all ihre „Eutiner Freunde“ ein und präsentierte den Trailer zum 90-minütigen Film, der im nächsten Jahr fertig sein und neben Kanada auch in Eutin gezeigt werden soll. Jennifer Elliotson: „Ich bedauere es wirklich, ihr nicht genug Fragen gestellt zu haben.“ Denn mittlerweile sei es schwierig noch lebende Zeitzeugen zu finden. „Ich muss mich beeilen, denn sterben diese Menschen, bevor ich sie über meine Mutter befragen konnte, stirbt der Teil der Geschichte meiner Mutter mit ihnen.“ Ihre Suche nach weiteren Verwandten in Deutschland hat sie während der Dreharbeiten nie aufgegeben – mit Erfolg: Sie fand einen Cousin ihrer Mutter in Nordrhein-Westfalen, den sie gerade besucht – die Kamera immer im Gepäck.


Trailer: www.cherriesinthesun.com

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