Auf Entdeckungstour mit Kinderaugen

Marktplatz, Kirche, Schloss und Stolbergstraße sind nur einige Etappen: Stadtführerin Tolke Reimer begibt sich mit den Kindern auf einen Rundgang durch Eutin.
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Marktplatz, Kirche, Schloss und Stolbergstraße sind nur einige Etappen: Stadtführerin Tolke Reimer begibt sich mit den Kindern auf einen Rundgang durch Eutin.

Immer dienstags bietet die Touristinformation eine Kinderführung „Alte Stadt für kleine Leute“ an

shz.de von
30. Juli 2015, 10:15 Uhr

Warum hatten die Ziegelsteine damals ein Loch in der Mitte, was wurde auf dem Markt gehandelt und wieso heißt die Wasserstraße eigentlich wie sie heißt? All das sind so Fragen, die Stadtführerin Tolke Reimer (61) bei ihrer Führung „Alte Stadt für kleine Leute“ beantwortet. „Es ist toll, welchen unvoreingenommenen Blick die Kinder haben und was sie alles entdecken“, sagt die gelernte Pädagogin. Jede Führung entwickle eine eigene Dynamik – abhängig von der Lust und dem Alter der kleinen Besucher.

An diesem Tag warten sechs Ferienkinder im Alter von fünf bis neun Jahren vor der Tourist-Information auf dem Eutiner Markt. Sie kommen aus Nordrhein-Westfalen, Bujendorf und Eutin. Ihre Eltern wünschen ihnen viel Spaß auf der einstündigen Tour, dann ziehen sie selbst los oder gehen einen Kaffee trinken. „Ich finde es wichtig, dass die Kinder auch etwas über ihre Heimatregion wissen“, erzählt die Mutter aus Bujendorf.

Der kleine Tross zieht los. Erste Station: Markt. Tolke Reimer zeigt das älteste Haus am Platz, das heute die Parfümerie beherbergt. Was wurde auf dem Platz früher gemacht? Katharina ist mit neun Jahren die älteste: „Gehandelt.“ Tolke Reimer nickt und greift in ihren Bollerwagen, um den Mädchen Schürzen umzubinden und den kleinen Erik (5) in einen Händler zu verwandeln. Sie reden über die Waren, wie es damals hier zu ging, und das heute immer noch Markt ist – der Umschlagplatz von Informationen und Waren.

Sie ziehen zur Michaeliskirche. „Ist der Turm groß“, sagt Sarah (7). Reimer: „Die Menschen haben damals ein so großes Gotteshaus gebaut, um dem Himmel und somit Gott ein Stück näher zu sein.“ Katharina wird mit einem Gewand zum Baumeister erklärt. Die drängendste Frage der Kinder: Wie haben die Menschen die Steine so weit nach oben bekommen? Tolke Reimer zeigt die Löcher in der Mitte eines Ziegels – „hier konnten sie mit einer Zange hineinfassen“. Transportiert wurde mit einem selbstgebauten Aufzug. Mehr als 20 Jahre habe der Bau gedauert. Die Kinder staunen. Reimer: „Für die damalige Zeit war das aber noch gar nicht lang.“ Es geht weiter zur Alten Apotheke, wo die Menschen einst Tabak, Kräuter und Heilpflanzen kaufen konnten. Noch heute ist hier ein kleiner Gartenrest erkennbar.

Schockiert waren die Kinder vom rauen Ton der Schule, die einst an der Wasserstraße war. „Jeder Schüler soll zur rechten Zeit kommen, still und aufrecht mit dem Rücken angelehnt sitzen. Geschrieben wird mit dem Griffel auf eine Tafel“, liest Tolke Reimer aus einem Buch voller Regeln vor. Wer redet, dem Lehrer nicht in die Augen schaut oder sich mit der falschen Hand meldet, bekam mit dem Rohrstock eins auf die Finger. „Das ist heute ja verboten“, weiß Verena (6).

Und warum trägt die Wasserstraße diesen Namen? Reimer: „Früher war das der einzige Zugang zum Wasser. Die Tiere wurden hier immer zum Trinken hinunter getrieben.“

Sie schlendern Richtung Schloss vorbei an der einstigen „Garage des Königs“ mit Platz für bis zu elf Kutschen. Heute ist hier die Kreisbibliothek drin. Direkt gegenüber sind noch die Ösen für die Pferde am heutigen Ostholsteinmuseum und einstigem Stallgebäude samt Reithalle (Schlossterrassen) zu sehen.

Auf der Brücke vor dem Schloss wird aus Erik der Herzog, die Mädchen verkleiden sich zu Prinzessinnen und Hofdamen. „Ihr Kinder habt früher ganz oben im zweiten Stock des Schlosses gewohnt, zusammen mit den Kindermädchen. Eure Eltern habt ihr vielleicht ein oder zwei Mal am Tag zu Tisch gesehen.“ Die Kinder gucken erstaunt. „Nur zwei Mal? Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Verena. „Irgendwie komisch.“

Vorm Tischbein-Haus wird aus dem Herzog Erik ein Maler des eben noch besuchten Hofes. „Warum waren Maler damals wohl wichtig?“, wollte Tolke Reimer wissen. „Damit man ein Andenken hat“, sagt Katharina. „Und weil es noch keine Fotoapparate gab wie heute. Da waren die Maler diejenigen, die Erinnerungen festhielten.“ Sie sprechen über arme und reiche Kinder in Eutin. Dass ein eigenes Bett keine Selbstverständlichkeit war und wo die ärmeren Menschen damals gelebt haben. Schon stehen sie wieder an der Tourist-Info vor ihren Eltern.

„Ich fand das richtig spannend“, sagt Katharina. „Das war echt toll“, fügt die kleine Schwester hinzu. Für Tolke Reimer ist das der beste Lohn.




Bis einschließlich 8. September wird die Führung speziell für Kinder immer dienstags 14.30 Uhr angeboten. Preis: zwei Euro. Anmeldung bei der Tourist-Info unter 04521/70970.

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