Kriegsende vor 75 Jahren : Auf der Flucht aus Schlesien am 8. Mai 1945

Eva-Maria Vielhauer zeichnet den Weg ihrer Flucht aus dem schlesischen Patschkau auf einer Landkarte nach. Bernd Schröder

Eva-Maria Vielhauer zeichnet den Weg ihrer Flucht aus dem schlesischen Patschkau auf einer Landkarte nach. Bernd Schröder

Am Tag, den viele als Befreiung empfanden, stand die Malenterin Eva-Maria Vielhauer (90) Todesängste aus.

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07. Mai 2020, 19:41 Uhr

Malente | Eva-Maria Vielhauer holt eine gerahmt Reliefkarte hervor. Mittendrin der Ort ihrer Kindheit: Patschkau in Schlesien. Heute liegt der Ort in Polen, heißt Paczków und hat etwa 13.000 Einwohner. Hier ist die 90-jährige Malenterin groß geworden, gemeinsam mit ihrem gut ein Jahr jüngeren Bruder Karl.

Erinnerungen an die Flucht

Das Kriegsende, besiegelt durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, vor 75 Jahren, erlebte die Zeitzeugin schon nicht mehr in ihrem Heimatort. Damals war sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder schon auf der Flucht in Richtung Westen. 15 Jahre war sie damals alt. Ihre Erinnerungen an die dramatischen Tage hat Eva-Maria Vielhauer, die mit ihrem 2007 verstorbenen Mann Helmut in Malente viele Jahre den Kurbetrieb „Haus Almandin“ am Godenbergredder betrieb, auf rund 30 eng mit der Maschine getippten Seiten niedergelegt.

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Eva-Maria Vielhauer 1944 im Alter von 14 Jahren.
Repro: Bernd Schröder

Eva-Maria Vielhauer 1944 im Alter von 14 Jahren.

 

Ein kleines Bild ziert das Deckblatt. Es zeigt Eva-Maria Vielhauer im Jahr 1944. Da ist sie 14 Jahre alt. Der handschriftlich notierte Titel klingt im ersten Moment nach Aufbruch in eine bessere Zukunft: „Tag der Befreiung...“. Doch die dann folgenden Worte klingen bitter: „...von Hab und Gut und der Heimat“ steht dort.

Todesängste

Lange wurde vom 8. Mai in der Bundesrepublik kaum Notiz genommen. Erst zum 40. Jahrestag entflammte eine kontroverse Debatte um die Einordnung dieses erstmals auch als Gedenktag wahrgenommenen Datums. Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) setzte ein vielbeachtetes Signal, indem er von einem „Tag der Befreiung“ von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sprach. Viele Zeitgenossen dürften den 8. Mai 1945 dagegen vor allem als Tag der Niederlage und der Schmach empfunden haben. Für Eva-Maria Vielhauer war es ein Tag es Schreckens. „Diese Ängste, diese Furcht“, sagt sie nachdenklich – man ahnt, es waren Todesängste.

Den Russen wollten wir nicht in die Hände fallen, die Gräueltaten waren auch zu uns durchgedrungen. Eva-Maria Vielhauer
 

„Den Russen wollten wir nicht in die Hände fallen, die Gräueltaten waren auch zu uns durchgedrungen“, schreibt Eva-Maria Vielhauer. Seit Anfang Mai war die dreiköpfige Familie – der Vater war Anfang 1943 an Tuberkulose gestorben – schon unterwegs Richtung Königgrätz (Hradec Králové). „Wir sind die ganzen Tage bis weit in die Nacht zu Fuß gelaufen mit unserem Kastenwagen. Wenn es spät in der Nacht war und wir nicht mehr weiter konnten, haben wir ein verstecktes Plätzchen unter Sträuchern gesucht, damit wir im Schlaf nicht überrascht wurden.“

Panischer Aufbruch

Nach einer Übernachtung im Garten einer völlig überfüllten Schule sei morgens Panik ausgebrochen. Eine russische Vorhut sei in der Nacht durchs Dorf gefahren – an dessen Namen erinnert sich die Malenterin nicht mehr. In panischer Angst habe man sich sofort auf den Weg gemacht, gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen und deutschen Soldaten.

An Geländewagen geklammert

Wie groß Angst und Verzweiflung der damals 15-Jährigen gewesen sein müssen, wird an einer Szene wenig später deutlich. Zwei Geländewagen mit deutschen Offizieren seien kurz angehalten, um Soldaten von ihrem Eid zu entbinden, erinnert sie sich. Der Krieg sei zu Ende, hätten die Offiziere erklärt. Eva-Maria Vielhauer nutzte die Chance, klammerte sich an die Stoßstange des ersten Wagens und ließ nicht mehr los. „Sie haben mich einige Meter mitgeschleift. Als sie sahen, dass ich nicht aufgab, sind sie angehalten. Ich durfte einsteigen.“ Ihre Mutter und ihr Bruder hätten im zweiten Wagen einsteigen dürfen.

Handgranate an Bord

Mit an Bord: eine Handgranate. „Wenn wir auf Russen stoßen, wird sie gezündet“, hätten die Soldaten gesagt. Mit hohem Tempo sei es durch eine tschechische Stadt gegangen. Die Einwohner hätten in Erwartung ihrer Befreier festlich gekleidet mit Fähnchen am Straßenrand gestanden. Beim Anblick der Flüchtenden seien sie erstarrt. Eva-Maria Vielhauer ist sich sicher: „Wäre uns hier der Sprit ausgegangen, sie hätten uns alle gelyncht.“

Flucht endet am Heimatort

Die Flucht der Familie endete überraschenderweise im Heimatort Patschkau – nach etlichen Wochen und hunderten Kilometern. Die Mutter habe dort eine Schutzhütte betrieben – sie wollte zurück, gegen den verzweifelten Widerstand ihrer Kinder. Doch Schlesien lag nun in Polen, für Deutsche war dort keine Heimat mehr. Unter dem Druck der Verhältnisse flüchtete die Familie im Juni 1946 nach Westdeutschland.

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