Kiel/Eutin : Attacke auf den Provinzial-Chef

Ein Überfall auf den Vorstandschef Ulrich Rüther in Münster überschattete den Protest der Mitarbeiter in Kiel.

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06. Dezember 2012, 12:51 Uhr

Kiel/Eutin | Geplant war der Protestmarsch der Provinzial-Mitarbeiter durch die Kieler Innenstadt nicht. Doch "der Druck im Kessel war einfach zu hoch", begründete Verdi-Sprecher Frank Schischefsky gestern die unangemeldete Demo vor dem Sparkassengebäude. Dort forderten die knapp 1000 Demonstranten Klarheit darüber, ob der öffentlich-rechtliche Regionalversicherer an den Branchenriesen Allianz verkauft wird.

Entsprechende Verhandlungen waren am Dienstag bestätigt worden. Die Sparkassen als 18-prozentiger Eigentümer der Provinzial Nordwest könnten "die Bude nicht anzünden und dann einfach auf Tauchstation gehen", kritisierte der Verdi-Mann das Schweigen von Schleswig-Holsteins Sparkassenpräsident Reinhard Boll. "Ein Veto von ihm würde den ganzen Spuk beenden", hieß es.
Drei Sparkassen im Land könnten zu Stützungsfällen werden

Inzwischen wird von Branchenkennern jedoch bezweifelt, dass allein die Sparkassen in Westfalen-Lippe - zu 40 Prozent an der Provinzial Nordwest beteiligt - auf einen Verkauf drängen, um Milliarden-Lasten aus der West-LB -Abwicklung zu verdauen. Auch die Sparkassen im Norden haben noch hohen Abschreibungsbedarf auf ihre Anteile an der HSH Nordbank - die Rede ist von mindestens drei Sparkassen im Land, die damit überfordert seien und zu Stützungsfällen werden könnten. Der Verkauf der Provinzial-Anteile wäre für sie möglicherweise ein Befreiungsschlag.

Sollte es zur Übernahme durch die Allianz kommen, wäre das eine "mittelschwere Katastrophe", meint Betriebsratsvorsitzende Karin David. Wer glaube, dass dann "viel von der Provinzial in Kiel übrig bleibt, ist mit dem Klammerbeutel gepudert". Die Mitarbeiter seien durch die Verkaufsgerüchte "bis ins Mark getroffen", fasst sie die Stimmung auf der Betriebsversammlung im Kieler Cinemaxx zusammen. Das Vertrauen der Kunden sei schon jetzt "tief erschüttert".
Anfragen nach Sonderkündigungsrecht

Das bestätigt der Provinzial-Bezirkskommissar Udo Wienstein, der in Eutin und Malente rund 6500 Versicherte betreut: "Es gibt bereits Anfragen nach einem Sonderkündigungsrecht für Verträge. Die Kunden finden das Ganze nicht gerade lustig." Und er selbst? Wienstein: "Ich bin aus allen Wolken gefallen."

Insgesamt geht es bei der Provinzial Nordwest, die 2005 aus der Fusion der Standorte Kiel und Münster hervorging, um 3000 Arbeitsplätze im Münsterland, 1000 in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern und 2000 in Schleswig-Holstein - davon 1000 in Kiel.

Auf einer in Münster geplanten Betriebsversammlung sollte gestern eigentlich Provinzial-Vorstandschef Ulrich Rüther sprechen. Auf dem Weg aus der Tiefgarage ins Büro wurde der Manager jedoch von einem Unbekannten mit einem Schraubenzieher angegriffen. Rüther kam verletzt ins Krankenhaus. Ob der Angriff im Zusammenhang mit dem möglichen Verkauf stand, ist bisher ungeklärt. Inzwischen geht es Rüther wieder besser.

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