Hilfebedürftiges Ehepaar in Eutin : Assistenzhund: „Merlin ist unsere seelische Stütze.“

Ohne Merlin kann Ursula Lohmann das Haus nicht verlassen. Ein Leben ohne ihn ist für das Paar undenkbar.
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Ohne Merlin kann Ursula Lohmann das Haus nicht verlassen. Ein Leben ohne ihn ist für das Paar undenkbar.

Ursula und Jörg Lohmann haben einige Schicksalsschläge erlebt und sind gesundheitlich auf Merlins Hilfe angewiesen. Die Gute Nachricht kam zu Weihnachten.

shz.de von
01. Januar 2015, 16:39 Uhr

Eutin | „Merlin, Socke.“ Der goldgelbfarbene Labrador zupft vorsichtig mit seiner Schnauze die Socke vom Fuß. Ursula Lohmann (64) lobt ihn dafür mit Streicheleinheiten, die er sichtlich genießt. Merlin kann auch das Licht anmachen, die Tür öffnen, einen Ampelschalter betätigen oder alle denkbaren Gegenstände, die den Lohmanns runterfallen, aufheben und geben.

„Er ist ein wahrer Zauberer“, sagt Ursula Lohmann über ihren Assistenzhund. Er hilft ihr und ihrem Mann weit mehr als nur bei den Dingen, die sie aus ihrem Rollstuhl heraus nicht erreichen würde. „Merlin ist unsere seelische Stütze.“

Was war geschehen? Der größte Schicksalsschlag ereilte das Paar vor acht Jahren. „Mein Mann hatte 2006 einen schweren Lkw-Unfall, das war furchtbar“, erzählt sie. Eine Gaskartusche ist im Führerhaus explodiert, als er gerade am Kai in Travemünde stand. „Ich habe es selbst wohl noch gelöscht und bin nach Hause gefahren. Wie, das weiß ich nicht mehr“, sagt Jörg Lohmann. An seinen Händen war kein Fleisch mehr, nur noch Knochen. Die Haut hing in Fetzen herunter. „Ich habe meinen eigenen Mann nicht wiedererkannt.“ Ursula Lohmann hat noch heute Tränen in den Augen, wenn sie davon berichtet. Sie rief damals sofort den Notarzt. Der Rettungsdienst brachte ihn sofort nach Lübeck, wo Spezialisten für Verbrennungen auf ihn warteten.

„Die Ärzte dort haben wahre Wunder verbracht. Ich hätte nie gedacht, dass er einmal wieder so aussehen würde.“ Das Aussehen war wieder hergestellt, die seelischen Wunden noch lange nicht.

„Ich hatte keine Lust mehr zu leben. Sah keinen Sinn darin und fiel in ein völliges Loch“, erzählt Jörg Lohmann. Er kam in die Psychiatrie nach Neustadt und war danach noch im Rahmen der Wiedereingliederung bei einem Psychologen. „Das hat mir geholfen – auch, damit fertig zu werden, dass man mit Anfang 50 wohl nie wieder wird arbeiten können.“ 20 Jahre war er als Fernfahrer unterwegs, weil sein Betrieb – er ist gelernter Dreher – pleite ging.

„Am Anfang der Therapie sagten die Ärzte immer noch: Sie sind in drei Monaten wieder fit. Aber das war vor acht Jahren.“ Noch heute kann er nicht richtig zugreifen, ist nicht belastbar. „Da kam ich zum ersten Mal auf die Idee, dass uns ein Therapiehund helfen würde“, erinnert sich Ursula Lohmann.

Sie recherchierte im Netz, doch das Geld dafür war knapp. Die Berufsgenossenschaft des Mannes hatte kein Geld für die ganze seelische Unterstützung gewährt, die er brauchte. Auch Ursula Lohmann hat unter dem Unfall gelitten – „aber ich habe keine Zeit gehabt, das für mich zu verarbeiten, ich war ja immer für ihn da – im Krankenhaus und zu Hause“.

2010 musste sie dann am Knie operiert werden, doch es verlief nicht so wie geplant. „Plötzlich hatte ich X-Beine. Dadurch ging meine Hüfte kaputt.“ Auch sie konnte nicht mehr arbeiten. Nach der Hüfte kam der Rücken. „Ich habe drei Wirbel zu viel, die jetzt ohne Bandscheibe aufeinander liegen.“ Eine Operation funktioniere laut Ursula Lohmann nicht, „dann wäre ich ganz steif und ein Pflegefall“. Sie bekam einen Rollstuhl – „ohne den hätte ich es sonst nicht ausgehalten“.

Sie erinnerte sich an die Assistenzhunde, nach denen sie schon einmal für ihren Mann gesucht hatte – und fand die Kynos-Stiftung „Hunde helfen Menschen“. Diese Stiftung lässt von professionellen Trainern Assistenzhunde ausbilden, die individuell auf den Bedarf einer hilfebedürftigen Person abgestimmt sind.

„Das können Menschen im Rollstuhl sein, MS-Erkrankte oder Kinder, die aufgrund einer Behinderung Hilfe brauchen“, sagt Laetitia Schlebrowski (35). Sie ist die Trainerin des fünfjährigen Merlin und hat ihn, nachdem das erste Herrchen des Labradors an Krebs gestorben war, auf den Bedarf der Lohmanns „umgeschult“. So hilft Merlin Ursula Lohmann auch bei der Hausarbeit: „Wenn mir beim Wäscheaufhängen eine Klammer runterfällt, gibt er sie mir.“ Merlin kann Türen öffnen, Brötchentüten tragen, um Hilfe bellen – „eigentlich alles, was nötig ist“. Aber es gibt auch Grenzen, sagt die Trainerin: „Tabletten aufheben, das bringe ich den Hunden nicht bei, das wäre einfach zu gefährlich für die Tiere.“ Auch müsse sich jeder immer bewusst sein: „Es sind Tiere, die können nicht immer zu 100 Prozent funktionieren und Menschen müssen für sie die Verantwortung übernehmen.“ Um zu sehen, ob sich Probleme im Zusammenleben eingeschlichen haben, besucht die Trainerin ihre Schützlinge regelmäßig in den Familien.

Bis vor einigen Tagen hegten die Lohmanns noch eine Sorge: Ein Assistenzhund wird – im Gegensatz zu Blindenhunden – nicht von der Krankenkasse bezahlt. Ausgebildete Hunde wie Merlin kosten rund 20.000 Euro. Die Kynos-Stiftung gibt sie für 2500 Euro ab und finanziert sich sonst über Spenden.

Diese 2500 Euro waren von dem spärlichen Einkommen für Lohmanns nicht zu finanzieren. Deshalb fragten sie in der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers, ob sie einen Spendenaufruf veröffentlichen würde.

„Eine Spendensammlung wäre für mich der Plan B gewesen, ich wollte erst andere Möglichkeiten abklopfen“, sagt Redaktionsleiter Achim Krauskopf. Gemeinsam mit dem Sozialarbeiter der Stadt, Christoph Horst-Paaschburg, klopfte er verschiedene Quellen ab. Horst-Paaschburg fand die entscheidende: Er sprach Ulf Dikof, Präsident des Rotary-Clubs Eutin, an, der sofort Bereitschaft signalisierte, unter den Mitgliedern des Serviceclubs für Merlin zu sammeln. Und auch das Sozialamt des Kreises bekundete Bereitschaft, einen Zuschuss zu übernehmen. Diese gute Nachricht erreichte Lohmanns so rechtzeitig, dass sie unbeschwert Weihnachten feiern konnten.

Mehr Infos unter www.kynos-stiftung.de

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