Artensterben als Folge von Isolation?

Admirale während ihrer Herbstwanderung auf den Früchten der Kamtschatkarose in den Sylter Dünen: besonders schöne Vertreter gefährdeter Insekten.
Admirale während ihrer Herbstwanderung auf den Früchten der Kamtschatkarose in den Sylter Dünen: besonders schöne Vertreter gefährdeter Insekten.

OHA-Serie Vogelkunde: Die „Insel des Todes“ und Lehren aus einem Biotop

shz.de von
11. Juni 2018, 16:45 Uhr

1859 erschien Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“, und er wies mit den nach ihm benannten Finken auf den Galapagos-Inseln eine Veränderung in ihrem äußeren Erscheinungsbild durch eine Veränderung ihrer Umwelt nach, und diese Evolution – fortschreitende Entwicklung – der Vögel geschah in sehr kurzer Zeit.

Wenige Jahre später veröffentlichte der Mönch Gregor Mendel seine beiden Abhandlungen zum Thema „Versuche mit Pflanzenhybriden“. Genau in diese Zeit mit neuen biologischen Kenntnissen fällt in der Fränkischen Alb der Fund eines weitgehend vollständigen Skeletts eines „Urvogels“ mit Resten einer Befiederung, heute im Britischen Museum in London zu bestaunen. Wissenschaftler würdigen diesen Urvogel als das klassische, evolutionäre Bindeglied zwischen Reptilien und den heutigen Vögeln.

Die unbewohnte, felsige Schlangeninsel Queimada Grande, genannt „Insel des Todes“, liegt 33 Kilometer vor der brasilianischen Küste und ist mit 43 Hektar (430 000 Quadratmeter) in der Größe mit einem kleinen Bauernhof in Schleswig-Holstein zu vergleichen. Die Insel war bisher weltweit als der Platz mit dem höchsten Vorkommen an Giftschlangen bekannt.

In der Literatur finden sich Angaben über neun der giftigsten Lanzenottern und weitere Arten dieser Zunft auf einem Inselquadratmeter, was jedoch wohl eher in das Reich der Übertreibung gehört oder gar einem Druckfehler entspringt. Schon die Frage nach der Ernährung so vieler Schlangen wäre biologisch nicht zu erklären.

Dennoch wissen wir, dass das Eiland von Zugvögeln angeflogen wird, von denen sich die Schlangen, die sich in Bäumen aufhalten, nach einem schnell wirkenden Giftbiss und umgehender Flugunfähigkeit des Vogels ernähren. Etwa um 1915 schätzten brasilianische Naturschützer auf der Insel eine Schlangenpopulation von noch 3000 bis 4000 Ottern. 15 Jahre später wurden etliche Kriechtiere zur Geschlechtsbestimmung eingefangen, und dabei stellte man Erstaunliches fest: 50 Prozent waren Männchen, jedoch nur zehn Prozent Weibchen, die restlichen 40 waren weibliche Tiere mit männlichen Begattungsorganen, also Zwitter, die nur ausnahmsweise fortpflanzungsfähig sind. So war der Umstand zu verstehen, dass die Population ständig rückgängig war.

Bei einer erneuten Reihenuntersuchung 1955 gab es nur noch drei Prozent weibliche Ottern, und der Anteil der Zwitter stieg auf 70 Prozent. Das zuständige Forschungsinstitut begründet seine Annahme und vermutet, dass „wegen der Isolation der Insel-Lanzenottern seit der letzten Eiszeit der Genpool sehr klein (geworden) ist und inzuchtbedingte erbliche Störungen im Mechanismus der Geschlechtsfestlegung aufgetreten sind“.

1965 wurde kein einziges Exemplar mehr gefunden; 1966 kam es dann doch noch einmal zum Fang von sieben Ottern, und heute wird das tödliche Gift im Schlangen-Institut des Bundesstaates Sao Paulo zur Herstellung von Leben rettenden Medikamenten gewonnen. Die enge Verwandtschaft zu Kriechtieren, aus denen nachweislich die Gruppe der Vögel in Millionen von Jahren hervorgegangen ist, sowie das geschilderte beispielhafte Schicksal der Schlangen in der räumlichen Isolation („genetischer Flaschenhals“) lässt die Möglichkeit einer parallelen Verhaltensweise vermuten. Es darf dann die Frage erlaubt sein, ob eventuelle Genverluste, neu entstandene Gene oder Genvarianten – und daraus eventuell resultierender Verlust an Fitness – auch durch negative Umwelteinflüsse verantwortlich sein können.

Es lässt den, der nach Ursachen für das Verschwinden von Insekten und das Artensterben einiger Vogelarten sucht, nachdenklich werden. Fehlende artgerechte Biotope, fehlende ungestörte Brutmöglichkeiten oder fehlende Blütenpflanzen für Kerbtiere, Biozide, deren Langlebigkeit ihrer Abbauprodukte unbekannt ist, können auch als Isolation verstanden werden und damit zur zahlenmäßigen Ausdünnung ihrer Populationen beitragen.

Gerade erst vor Kurzem wurde bekannt, dass zur Pflanzenbehandlung eingesetzte Neonicotinoide bei einem in den USA beheimateten Verwandten unseres Sperlings, dem Weißkopfammerfinken, dazu führen, dass seine Fettdepotbildung vor dem Zug beeinträchtigt oder gar verhindert werden kann.

Infos auf: www.vogelschutzeutin-badmalente.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen