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Ostholsteiner Anzeiger

24. November 2017 | 06:36 Uhr

Eutin : Arbeiten mit besonderer Perspektive

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Patricia Wolf hatte schon als Sechsjährige den Wunsch, den Beruf ihres Vaters zu ergreifen – aber zuerst lernte sie Seuerfachgehilfin.

von
erstellt am 23.Okt.2017 | 17:52 Uhr

Buchungen und Steuererklärungen, Bluse und Rock, kein Risiko und pünktlich Feierabend. All das hatte Patricia Wolf. Aber statt braver Genügsamkeit Hummeln im Hintern. Eines Tages tauschte sie Langeweile gegen Kluft und Knochenjob, Regen im Nacken und Hitze unter den Knien, weiten Blick und ein Leben auf eigene Kappe.

Frau in einem der männlichsten Männerberufe überhaupt zu sein, findet sie selbst nicht besonders. Aber es kostete eben doch manchmal besonders viel Mut, den eigenen Weg hinaufzuklettern. Die Geschichte einer Eutiner Dachdeckermeisterin.

Wer einen Dachdecker in seinem Element erleben will, der muss mit in die Höhe. Also mutig rauf da, mehrere Stockwerke die Außenfassade hoch. Und obwohl es eine komfortable Treppenfassade mit allem Sicherheitsschnickschnack ist, keine schmale, wackelige Leiterkonstruktion, wie sie früher üblich war, muss Patricia Wolf in die Psychokiste greifen. „Nicht runtergucken! Nein, das kippt auf keinen Fall um! Wenn man erst einmal angekommen ist, ist es ganz toll!“ So steht sie hoch oben vor mir, über uns nur der Himmel, unter uns die wunderschöne Fissauer Bucht, genau die richtige Kulisse für einen lokaljournalistischen Heldentod, streckt mir die Hand entgegen und lacht mit blitzenden Augen.

Kein Wunder, dass diese Frau, die so lieb und sanft aussieht, nicht einfach lieb und sanft daher leben konnte. Sie selbst brauchte für diese Erkenntnis, wie das im Leben so ist, eine Weile. Der elterliche Betrieb war nicht für sie vorgesehen. Dass schon die sechsjährige Patricia Vater Strauch begeistert auf die Dächer gefolgt war und auf die Frage nach dem Berufswunsch eindeutige Antwort hatte, nahm niemand als Zeichen. Auf Reisen schaute sie stets nach oben und begeisterte sich für ungewöhnliche Bauweisen. Half aus und übernahm Verantwortung, wenn es gebraucht wurde. Gute Gründe für die Umgebung, zufrieden zu sein mit der hilfsbereiten Steuerfachgehilfin. Aber kein Zeichen.

Das musste von innen kommen. „Irgendwann passte ich einfach nicht mehr in mein Leben“, sagt Patricia Wolf. „Ich musste mich entscheiden. Und mit so einer Entscheidung steht man erst einmal ziemlich alleine da.“ Die Eltern standen hinter ihr, aber viele andere fanden die Idee, Dachdeckermeisterin zu werden, „unweiblich“. Bis hin zum Gewerbeaufsichtsamt, das sich im Jahre 88 des vorigen Jahrhunderts mit der Sondergenehmigung viel Zeit ließ, reichte die Riege der Nichtunterstützer. So verlangten die gesellschaftlichen Normen von der 21-jährigen Patricia Wolf vielleicht mehr Stärke als der künftige Job selbst.

Raus aus manchen Beziehungen, rein in Wind und Wetter, in die Arbeit mit Maßen, Winkeln und Material. Für Patricia Wolf eine Zeit der Befreiung, der Entwicklung, des Wachstums. „Das ist ein so alter Menscheninstinkt, sich ein Dach über dem Kopf zu schaffen, ästhetische Ansprüche zu haben und kreativ zu sein, das fasziniert mich einfach.“ An die Höhe, erzählt sie, gewöhne sich das Gehirn schnell. Das sei irgendwann ein normaler Arbeitsplatz mit besonderer Perspektive. Und das Leben mit den Jahreszeiten – eine ewige Herausforderung. „Im Sommer verbrennt man sich die Finger am Hammer. Und auch die Knie haben schon mal Brandblasen, wenn sich der schattenlose Untergrund auf 80 Grad erhitzt. Regen und Wind gehören einfach dazu und der Frost setzt die Grenzen.“

Weil’s früher kaum motorisierte Aufzüge gab, musste alles Material hochgeschleppt werden. Und eine physische Grenze musste die junge Dachdeckerin dann doch akzeptieren. Das schwerste Stück, die 30-Kilo-Dachpappenrolle, bekam sie einfach nicht auf der Schulter hoch aufs Dach.

„Diesen Angriffspunkt haben wir Frauen nun einmal. Aber im Team war ich durch die tägliche Arbeit so akzeptiert, dass die Kollegen das für mich gemacht haben. Es war kein Thema mehr.“

Die elterliche Firma in Eutin hat sie dann schließlich doch übernommen. In dritter Familiengeneration. Wie bei vielen anderen von Frauen geführten Unternehmen im Handwerk steht der Name der Chefin nicht vorn. Auf der Website ist sie schlicht einer von zwei Meistern der Ewald Strauch GmbH. „Das ist aber kein Verstecken. Die Arbeit ist das, worum es geht. Die Kunden haben von Anfang an kein Problem damit gehabt, mit ihren Gestaltungswünschen zu einer Frau zu kommen.“ Zusammen mit ihrem Mann Gerhard Wolf, der ebenfalls Dachdeckermeister ist, und fünf Mitarbeitern wuppt sie einen mit Arbeit reichlich gefüllten Alltag.

Für ihre Leistungen in der Ausbildung ist sie schon ausgezeichnet worden. „Keine Frage, ich würde auch eine geeignete junge Frau nehmen. Aber derzeit hat das Handwerk eher Probleme, überhaupt Nachwuchs zu gewinnen. Es ist nun einmal auch in modernen Zeiten immer noch ein fordernder Job, der echtes Interesse braucht.“ Als die drei Kinder kamen, ging Patricia Wolf kaum mehr aufs Dach, sondern managte die Firma meist von zu Hause aus. Die Begeisterung für Dächer wurde Familiensache. Zu fünft stromerten die Wolfs im Urlaub durch Burg Rheinstein oder die Marksburg, auf den Spuren der Geschichte, die immer auch eine Geschichte der Handwerker, ihrer Kunst und ihres Schweißes ist.

Mit Anfang 50 betrachtet die Eutinerin ihr Leben wie auf dem Dach stehend die Umgebung. „Alles gehört zusammen. Ich bin Dachdecker und Mutter, interessiere mich für moderne Klimaschutztechniken und fürs Klavierspielen. Entdecken, was man will, und den Mut zu haben, es zu machen, das ist für mich Glück.“

Sagt Patricia Wolf, setzt sich daheim an den alten Flügel und spielt beherzt fast richtig eines ihrer ersten Stücke, fröhlich vielleicht wie damals als kleines Mädchen, das eines Tages Dachdecker werden und Klavier spielen wollte.

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