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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 03:55 Uhr

Ansprechpartner für den Alltag

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Malenter Awo koordiniert die Flüchtlingshilfe in der Gemeinde / 30 Ehrenamtliche kümmern sich um etwa 80 Menschen

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Schreiben von Behörden, Vorsorgeuntersuchungen für die Kinder oder einfach nur das System der Mülltrennung: Schon manche Einheimische sehen sich durch den Alltag herausgefordert. Wie muss das erst ein Flüchtling erleben, der gerade in Deutschland angekommen und der Sprache nicht mächtig ist? In Malente wurde im Oktober bei einer Einwohnerversammlung in der neuen Flüchtlingsunterkunft auf dem Godenberg deutlich: Die Behörden können hier kaum weiterhelfen, sind selbst schon mehr als ausgelastet, genügend Wohnraum aufzutreiben.

In die Bresche gesprungen ist die Malenter Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Wir nehmen die Menschen in Empfang, helfen bei der ersten Orientierung und sind erster Ansprechpartner für den Alltag“, beschreibt Awo-Mitglied Bernhard Kardell die Aufgabe, die die Awo in Absprache mit der Gemeinde übernommen hat. Inzwischen hat die Gemeinde personelle Verstärkungen auf den Weg gebracht, doch wann beispielsweise ein Sozialpädagoge die Arbeit aufnehmen wird, steht noch nicht fest.

Im Februar hatte Awo-Vorsitzender Hans-Jürgen Weber zu einer breit angelegten Informationsveranstaltung zum Thema Flüchtlinge geladen – mit Fachleuten der Awo sowie Vertretern von Kreisverwaltung, Gemeinde, Hilfsorganisationen, Kirchen, Verbänden und Vereinen. Gekommen waren aber auch Bürger, die sich engagieren wollten, darunter Bernhard Kardell. Mittlerweile koordiniert der 55-Jährige, der selbst aus einer Vertriebenenfamilie stammt, das ehrenamtliche Engagement in der Gemeinde. „Der Helferkreis umfasst derzeit rund 80 Personen“, sagt der ehemalige Mitarbeiter der HSH Nordbank, der nun selbst weitgehend ehrenamtlich arbeitet. Diese seien mehr oder weniger aktiv, manche überlegten auch noch, wie sie helfen könnten.

Die Awo spreche mittlerweile nicht mehr von Flüchtlingen, sondern von „Geflüchteten“, erklärt Weber. Der Begriff gilt als angemessener, weil er die Endung
“-ling“ vermeidet, die von vielen als entmenschlichend empfunden wird.

Das Rückgrat der Malenter Flüchtlingsbetreuung stellen etwa 30 Malenter aus diesem Kreis dar, die sich in der direkten Betreuung von Flüchtlingen engagieren. Kardell spricht von einer „Lotsenfunktion“. Andere helfen bei der allgemeinen Betreuung, organisierten Spielenachmittage, Ausflüge oder Grillfeste oder ertüchtigen gebrauchte Fahrräder für die Flüchtlinge. Im ehemaligen „Intermar“-Hotel haben neun Malenterinnen eine Kleiderkammer eingerichtet, und zweimal wöchentlich gibt ein Team um Uta Spiegel jeweils eine Doppelstunde Deutschunterricht im Awo-Bürgerhaus für etwa 15 Flüchtlinge.

Das Vorurteil, dass bei den Flüchtlingen etwa aus Syrien nur die Männer etwas zu sagen hätten, kann Hans-Jürgen Weber übrigens nicht bestätigten. Zwar brächten die Männer zu den Sprachkursen mittlerweile ihre Frauen mit, doch: „Oft ist die Frau die treibende Kraft“, hat er festgestellt.

Die Malenter Helfer kümmern sich derzeit um etwa 80 Flüchtlinge, darunter ebenso Einzelpersonen wie auch Familien mit Kindern. Doch angesichts der Flüchtlinge, die noch erwartet werden, stoßen die Betreuer an ihre Grenzen. „Wir würden uns freuen, wenn wir Verstärkung bekämen. Wir sind am Limit“, sagt Kardell. Wenn jetzt in kurzen Zeitabständen neue Flüchtlinge kämen, werde es schwer, jeden Einzelnen zu betreuen. Außerdem kämen mittlerweile mehr Familien. Diese seien betreuungsintensiver, weil die Themen vielfältiger seien, etwa, wenn die Kinder in die Schule integriert werden müssten.

Die Awo hat es sich nicht nur zu ihrer Aufgabe gemacht, das ehrenamtliche Engagement zu koordinieren. „Wir wollen uns auch um die emotionalen Herausforderungen kümmern, mit denen die Betreuerinnen und Betreuer konfrontiert werden“, sagt Kardell. Dafür will er im Januar mit regelmäßigen Gesprächsrunden beginnen, bei Bedarf aber auch Einzelgespräche führen. Die Voraussetzungen dafür bringt er als Heilpraktiker für Psychotherapie mit, aber auch durch seine Erfahrungen als Telefonseelsorger und seine Tätigkeit für die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer „Weißer Ring“.

Mit der Hilfe seien für viele aber auch sehr schöne Momente verbunden, weiß Kardell. „Viele Helfer schildern, wie bereichernd es ist, daran teilzuhaben, wie Menschen ihren Weg finden.“ Viele Flüchtlinge seien sehr dankbar, dass sich jemand um sie kümmere. Es sei ihnen bewusst, dass das nicht selbstverständlich sei.

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