Eutin : Annäherung an die Zeit

Ale sechs Monate tauscht Hausmeister Meik Fechner das Zifferblatt der Sonnenuhr. Mit der Winterseite ist er etwas in Verzug. Der Tausch soll aber bald erfolgen.
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Ale sechs Monate tauscht Hausmeister Meik Fechner das Zifferblatt der Sonnenuhr. Mit der Winterseite ist er etwas in Verzug. Der Tausch soll aber bald erfolgen.

Die Sonnenuhr der Wisser-Schule hat zwei kompliziert berechnete Zifferblätter. Hausmeister Meik Fechner tauscht sie regelmäßig aus.

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08. Januar 2015, 04:00 Uhr

Alle sechs Monate steigt Meik Fechner auf die Leiter, damit die Schüler der Wilhelm-Wisser-Schule in Eutin an deren Fassade die Zeit ablesen können. Immer zur Sonnenwende am 21. Dezember und 21. Juni wechselt er das Zifferblatt und justiert den Zeiger der Sonnenuhr an der Giebelwand des Neubaus. Damit hat der Hausmeister das Erbe des vor kurzem pensionierten Physiklehrers Rainer Knothe (63) angetreten. Der Pädagoge hatte schon 1999, als er von Berlin nach Ostholstein zog, die Idee, eine Sonnenuhr zu bauen. Eigentlich sollte sie das eigene Haus in Griebel zieren. Doch dann kam ihm der Gedanke, das Projekt als Anschauungsobjekt für die Schüler der Gemeinschaftsschule umzusetzen.

„Viele Schüler können heute gar nicht mehr erklären, warum wir Sommer und Winter haben“, beschreibt der Physiklehrer einen Grund, sich über die Sonnenuhr dem Thema Zeitmessung zu nähern. Die gekippte Erdachse und die elliptische Umlaufbahn der Erde um die Sonne machen die Installation einer genau gehenden Sonnenuhr schwer. „Jede Sonnenuhr geht falsch“, sagt Knothe deshalb. Immerhin: Die Sonnenuhr an der Wand der Wisser-Schule weicht nur um etwa zwei Minuten von der heute in ganz Mitteleuropa geltenden Zeit ab. Um dies zu erreichen, waren umfangreiche Berechnungen und eine exakte Standortbestimmung nötig. Denn für die Ausrichtung von Zeiger und Zifferblatt muss die Abweichung vom 15. Längengrad ermittelt werden. Da die Wand am Schulgebäude eine Abweichung von 51 Grad nach Süden aufweist, musste auch diese Verschiebung im Zifferblatt Berücksichtigung finden. Mit Hilfe des Computers berechnete Knothe die Stunden- und Tageslinien bezogen auf den Standort. In die Berechnung floss auch die sogenannte Zeitgleichung ein, die den 14- bis
16-minütigen Unterschied zwischen mittlerer und wahrer Sonnenzeit berechnet.

Diese Schwierigkeiten hatten Generationen vor uns noch nicht. Mit Aufkommen der mechanischen Zeitmesser waren die weit verbreiteten Sonnenuhren ein Hilfsmittel zur Justierung der Uhren. Wichtig war die Mittagszeit, zu der die Sonne ihren Höchststand erreicht. Dies war dann die Ortszeit. So kam es, dass „zwölf Uhr mittags“ über größere Entfernungen voneinander abwich. In Berlin liegen zwischen Ost und West zwölf Minuten Unterschied, weiß Knothe.

Die kleinen Zeitunterschiede wurde mit der Industrialisierung und dem Eisenbahnfernverkehr zu einem immer größeren Problem. 1848 behalf man sich in Deutschland mit der ‚Berliner Zeit‘ als Bezugsgröße und auf den Bahnhöfen wurde die jeweilige Abweichung angegeben. 1893 wurde dann die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“ als die heutige Mitteleuropäische Zeit (MEZ) eingeführt. Spätestens mit diesem Tag wurde die Ungenauigkeit auch noch so gut ausgerichteter Sonnenuhren offenbar.

Auf dem Zifferblatt der Sonnenuhr lässt sich der Schatten der Spitze alle 15 Minuten exakt ablesen, wenn er eine der Linien trifft. Zur besseren Lesbarkeit gibt es je eine Tafel für das Sommer- und Winterhalbjahr. Deren Position auf der Wand wird mit drei Bolzen feinjustiert. Gleiches gilt für den Zeiger, der mittels Schablone in die exakte Position zum Zifferblatt gebracht wird.

Knothe hat Erfahrung damit, Themen der Physik begreifbar zu machen. Im 50 Meter langen Flur der Schule hat er die Planeten unseres Sonnensystems maßstabsgerecht zueinander positioniert. Zwischen der Sonne am einen Ende und dem Jupiter am anderen findet sich ein Punkt von einem Millimeter Durchmesser, der die Erde darstellt. Knothe: „Erst wenn die Kinder diese Verhältnisse sehen, kriegen sie die Dimensionen klar.“ Der Physiklehrer hatte auch die Idee, die Erdrotation mit Hilfe eines Foucaultschen Pendels im zwölf Meter hohen Treppenhaus der Schule sichtbar zu machen. Doch das ließ sich nicht umsetzen – aus Sicherheitsgründen.

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