Angeklagter bereut Ausraster

Eutiner Amtsgericht sieht Schwere der Tat als erwiesen an / Heranwachsender verletzte Migrant mit dem Schlagstock

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29. Oktober 2018, 13:43 Uhr

Rechter Hass oder Ausrutscher unter Alkohol- und Drogeneinfluss? Beim Christopher Street Day in Lübeck soll Tim L.* (21) mit einem Teleskopschlagstock von hinten auf Mustafa R.* eingeschlagen und dabei nationalsozialistische Parolen wie „Sieg Heil“ gerufen haben (wir berichteten).

Gestern sprach Richterin Anja Farries das Urteil: Jugendstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und eine Geldauflage in Höhe von 1500 Euro. Das Strafmaß von Richterin Farries fiel deutlich über dem Antrag der Staatsanwaltschaft aus. Dieser hatte für eine Geldauflage plädiert.

In ihrer Urteilsbegründung sagte die Richterin, dass nur durch Zufall nichts Schlimmeres passiert sei. Der Schlag auf den Hinterkopf, durch den das Opfer eine Platzwunde erlitt, sei eine lebensgefährliche Handlung, erklärte sie. „Mir ist nicht wirklich klar, wie Sie zu der nationalsozialistischen Vergangenheit oder ausländischen Menschen stehen,“ sagte Farries. Durch die erhebliche Schwere der Tat begründete die Richterin die Jugendstrafe.

Tim L., der ohne rechtlichen Beistand auf der Anklagebank saß, zeigte zwei verschiedene Verhandlungstage. Während er am ersten Tag wenig Reue zeigt, war er am zweiten Verhandlungstag hingegen reumütig. „Ich habe auch ausländische Freunde. Ich weiß selbst nicht, was an dem Tag mit mir los war.“ Er habe am Tag der Tat unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen gestanden und könne sich deshalb kaum an das Geschehen erinnern. Wäre er nüchtern gewesen, wäre die Tat nicht passiert, meinte der Angeklagte. Und weiter: „Ich habe daraus gelernt. Ich trinke seitdem eigentlich gar keinen Alkohol mehr.“ Seit sechs Monaten habe er sich zudem von den Drogen losgesagt.

Auch Staatsanwalt Dr. Jens Buscher sah den Alkohol- und Drogenkonsum von Tim L. als ausschlaggebend für die Tat an. „Das zeigt auch, dass es nicht schlau ist, sich zuzuschütten“, sagte der Staatsanwalt. Das Strafmaß sei eine schwierige Frage, da der Staatsanwalt in der Verhandlung einen „durchaus positiven Eindruck“ vom Angeklagten gewann. Buscher hielt dem Angeklagten zu Gute, dass er vor der Tat lange keine Straftat begangen hatte.

Das Opfer war zum gestrigen Prozesstag nicht ins Amtsgericht gekommen – dafür aber ein 30-jähriger Zeuge, der ihn am Tag der Tat in Lübeck begleitet hatte. Er bezeugte in gebrochenem Deutsch, dass der Angeklagte mit dem Schlagstock auf den Kopf von Mustafa R. eingeschlagen habe.

Am ersten Verhandlungstag hatten weitere Zeugen das Rufen nationalsozialistischer Parolen und Beleidigigungen sowie das Zeigen des Hitlergrußes bestätigt. Der Angeklagte sagte aus, dass er nicht gewusst habe, dass das Zeigen des Hitlergrußes verboten sei. Das jedoch kauften ihm Richterin Farries und der Vertreter der Staatsanwaltschaft nicht ab.

In der polizeilichen Vernehmung habe er zudem das Wort „Kanaken“ verwendet. „Ich weiß nicht, aus welchem Land die kommen, deswegen sind das für mich Kanaken“, sagte der Angeklagte. Ihm sei nicht klar, dass dieses Wort eine Beleidigung sei. Einer rechten Gruppierung oder Organisierung gehöre er nicht an.

Die Jugendgerichtshilfe erzählte aus dem Gespräch mit dem Angeklagten, dass er nach eigenen Angaben durch einen Schulwechsel an schlechte Freunde geraten sei, die ihn zu Drogen- und Alkoholkonsum verleitet hätten. Einen Entzug habe er bereits hinter sich.


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