Amtsgericht verwarnt Angeklagten nach Messerstich

Drogengeschäfte im Hintergrund – Racheakte befürchtet: „Die Angelegenheit könnte mit einem Urteil noch nicht beendet sein.“

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28. Juni 2018, 12:22 Uhr

Es gibt Prozesse, die es der deutschen Gerichtsbarkeit schwer machen, die Wahrheit zu finden und zu (be)-urteilen. So wie in diesem Prozess vor dem Plöner Amtsgericht gegen zwei junge Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, die wegen Raubes und einem Messerstich angeklagt waren.

Das Gericht musste nicht nur sprachliche Hürden überwinden, hier trafen auch Kulturen und Werte aufeinander. Gesehenes vermischte sich mit Gehörtem und den eigenen Rückschlüssen zu unterschiedlichen Auffassungen in den Aussagen der Be- und Entlastungszeugen, wie es der Direktor des Amtsgerichts Plön, Bodo Clausen, als Vorsitzender des Jugendschöffengerichts formulierte. Das machte die Wahrheitsfindung nicht leichter.

Zur Anklage: Im Juli vor einem Jahr sollen die beiden Angeklagten, ein 21-jähriger Syrer und sein 27-jähriger Freund aus dem Irak an der Hörnbrücke am Kieler Hafen auf ihr Opfer gestoßen sein. Ihm sollen sie versucht haben, seinen Rucksack zu entreißen und als dieser sich wehrte, habe der 21-jährige, der in Plön wohnt, mit einem Messer zugestochen und dem Opfer einen acht Zentimeter langen Stich in den Hals versetzt. Seit Dezember sitzen die beiden Angeklagten deshalb in U-Haft. In einem Gerangel habe der Ältere zudem mit seinem Gürtel auf das Opfer eingeschlagen.

In den vier Verhandlungstagen wurde durch die eher zähen Schilderungen aller Beteiligten deutlich, dass es den Raub und den Diebstahl des Rucksacks nie gegeben hat. Hintergrund sollen Beleidigungen des Opfers durch den 21-jährigen über Facebook gewesen sein, für die das Opfer ihn zur Rechenschaft ziehen wollte. Daraus entwickelte sich ein Streit, bei dem das Opfer ein Messer zog. Dem 21-jährigen Syrer gelang es dennoch, ihm das Messer abzunehmen und zuzustechen. Er habe nur „eine Bewegung“ gemacht und von der Hals-Wunde nichts bemerkt.

Auch die Staatsanwältin räumte in ihrem Plädoyer ein, dass die Aussagen der Zeugen sehr erheblich voneinander abwichen und auch zum Teil bewusst falsch waren. Zudem gab es bereits im Vorfeld Drogenverkäufe. „Es ging eher um Ehr-Verletzungen und Beleidigungen“ als Auslöser des Streits an der Hörn-Brücke. Dennoch, aus ihrer Sicht war es ein „gezielter Stich in Richtung Hals.“ Für den Hauptangeklagten Syrer forderte sie deshalb eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten, ausgesetzt zur Bewährung.

Die Verteidiger dagegen sahen keinen der Vorwürfe als bewiesen an und forderten Freispruch für beide Angeklagten. Dem folgte dann auch Richter Bodo Clausen in seinem Urteil weitgehend. Während der 27-jährige Iraker freigesprochen wurde und nun eine Entschädigung für die U-Haft erhält, verurteilte er den 21-jährigen Syrer mit einer „Verwarnung unter Auflagen“ nach dem Jugendstrafrecht. Er muss sich einem Drogenentzugsprogramm unterziehen und soll am FIN-Programm teilnehmen. FIN steht für „Fußball, Integrativ und Interkulturell“. Das sind speziell betreute Fußball-Kurse, die in Bad Malente in der Fußballschule abgehalten werden und bei der Integration helfen sollen. Zudem muss er sich mit Hilfe des Jobcenters einen Ausbildungsplatz suchen. Sollte er diesen Auflagen nicht nachkommen, drohte ihm Richter Clausen vier Wochen Jugendarrest an.

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